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Frauenhäuser : Gewalt im Internet spielt eine große Rolle

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Immer mehr Frauen werden Opfer von Angriffen über soziale Netzwerke. Experten informierten dazu auf einer Fachtagung in Kiel.

shz.de von
erstellt am 07.Apr.2014 | 19:54 Uhr

„Mein Ex-Freund hat intime Bilder von mir und droht mit der Veröffentlichung, wenn ich nicht mache, was er sagt. Was soll ich jetzt tun?“ Dies ist nur einer von 100 Hilferufen, die Carmen Kerger-Ladleif über ihr Portal zur Online-Beratung „Safe me online“ pro Monat erreichen. Das Problem der Frauen oder Mädchen, die mit solchen Erfahrungen Rat suchen, sei in erster Linie die Ohnmacht – gegenüber des Täters und der Bloßstellung, wenn sie sich anderen gegenüber äußern. „Es ist deshalb total wichtig, dass wir in der Beratung die Tabuthemen brechen und betonen, dass nicht die Frauen Schuld sind“, betont Kerger-Ladleif. Sie sprach gestern zusammen mit anderen Experten zum Thema „Digitale Gewalt gegen Frauen und Kinder im Netz“ vor insgesamt 200 Fachbesuchern von Frauenhäusern, Schulen und Polizei.

Wie brisant das Thema ist, zeigt eine aktuelle europäische Studie: Demnach wurde jede dritte Frau schon einmal Opfer von körperlicher oder sexueller Gewalt. Jede 20. gab an, vergewaltigt worden zu sein und auch bei den Jugendlichen seien 25 Prozent schon einmal Opfer digitaler Gewalt geworden. Die Bandbreite reicht hier von Cybermobbing und -Stalking über die sexuelle Anmache bis hin zum Sexting (Austausch selbst produzierter intimer Fotos von sich oder anderen per Internet oder Mobiltelefon) oder Grooming (gezieltes Ansprechen, mit dem Ziel sexuelle Kontakte herzustellen). So wurde laut Studie jedes zweite Mädchen und jeder vierte Junge schon einmal intime Dinge gefragt, die ihm unangenehm waren.

Was können die Opfer von digitaler Gewalt tun? „Das A und O ist nicht allein zu bleiben. Raus aus der Isolation und der Kontrolle des Täters“, sagt Kerger-Ladleif. „Unser Bewusstsein muss sich ändern“, fordert die Projektleiterin, die auch jahrelang mit Kinderpornografie zu tun hatte. Vor Gericht heiße es manchmal noch: „Das sind doch nur Bilder.“ Doch welche Wirkung die Bilder haben und was sie psychologisch langfristig bei dem Opfer anrichten können, diese Vorstellung fehle immer noch, sagt Kerger-Ladleif.

Birgit Pfennig, Sprecherin der Autonomen Frauenhäuser im Land und Mitorganisatorin der Veranstaltung betont, dass Gewalt über das Internet zunehme und in Frauenhäusern zum immer größeren Problem wird. Denn zum einen wolle man das Wohl der Frauen und ihren Schutz. Zum anderen sind die Frauen und ihre Kinder per Handy jederzeit erreichbar – und bei Unkenntnis auch ortbar – sodass die Schutzaufgabe zu einer immer größeren Herausforderung wird, Streitfälle und Beziehungen immer länger dauern, weil ein Ende bei ständiger Erreichbarkeit erschwert wird. „Wir klären auf, wir informieren über juristische Möglichkeiten aber es ist ein schwieriger Weg“, so die Leiterin eines Frauenhauses, die derzeit dafür kämpft, dass die Adresse ihrer Einrichtung aus dem Netz verschwindet.

Onlineberatung: www.save-me-online.de und www.wildwasser.vxu.de

Interview


„Für Jugendliche alternativlos“

 

Heike Kühl-Frese vom Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein spricht im Interview über die Gefahren im Netz.

 

Was ist das Spezielle an Gewalt im Internet gegen Kinder und Jugendliche?

 

Kinder und Jugendliche haben ein schlechteres Gefahrenbewusstsein. Sie sind mit dem Internet aufgewachsen und deshalb weniger distanziert als Erwachsene. Das wird vor allem dann zum Problem, wenn sie sich fremden Menschen anvertrauen, die ihnen schaden wollen oder gewalthaltige Angebote konsumieren, die sich negativ auf ihre Psyche auswirken. Hinzu kommt: Das Internet ist für Jugendliche alternativlos. Ein Großteil der Kommunikation läuft heute über die neuen Medien.

Wo äußert sich die Gewalt am häufigsten?

 

Am stärksten ist die digitale Gewalt beim Cybermobbing spürbar – wenn also Jugendliche zum Beispiel schikaniert, verunglimpft und ausgegrenzt werden.

 

Wie sollten sich betroffene Eltern und Kinder verhalten?

 

Der erste Grundsatz ist, dass Betroffene nicht zurückmobben und selbst zum Täter werden sollten. Wichtig ist, Beweise in Form von Screenshots zu sichern und sich bei den Seitenbetreibern zu melden. Auch die Polizei kann helfen. In jedem Fall es ratsam, dass Jugendliche ihre Scham überwinden und sich an einen Erwachsenen wenden. tfl

 

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