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Facebook-Hit : #foodporn geht anders: Mann postet Fotos aus dem Altenheim

vom

Die sind farblos und strotzen nur so vor Lieblosigkeit: Ein Nürnberger postet Fotos seiner Mahlzeiten im Seniorenheim – und hat bereits tausende Facebook-Fans.

von
erstellt am 30.Jun.2015 | 15:14 Uhr

Nürnberg | Gestern Mittag gab es Hühnchen. Ein paar Kartoffelpuffer dazu, etwas Suppe. Fast 15.000 Facebook-Fans verfolgen, was Jürgen täglich isst. Doch entgegen dem hartnäckig andauernden Trend, die unfassbare Leckerheit seines Essens in sozialen Medien in Szene zu setzen, zeigt Opa Jürgen die fade und bittere Realität seines Alltags im Seniorenheim. Die Mahlzeiten sehen blass und matschig aus – und vor allem auch lieblos.

Mittagsmenü, 29.Juni 2015: Selleriesuppe von gestern Abend, 2 Kartoffelpuffer, 1 Hühnerschenkel -gekocht incl.(glatter)...

Posted by Jürgen fotografiert sein Essen - Residenz Seniorenheim on  Montag, 29. Juni 2015

Diese Tristesse möchte Jürgen an die Öffentlichkeit bringen. Mithilfe einer Bekannten gründete er vor gut einer Woche die Facebookseite mit dem nüchternen Titel „Jürgen fotografiert sein Essen - Residenz Seniorenheim“ – und gab an, dass es sich um das Thema „Lifestyle“ handelt. Der 63-Jährige ist einem Bericht von „reporter-24“ zufolge wegen einer Lungenerkrankung relativ früh in das Nürnberger Heim gekommen und lebt seit zwei Jahren dort.

Mittagsmenü, 28. Juni 2015: Hirschgulasch mit Preisselbeeren und Semmelknödel, 2 EL Blattsalat, Vanille-Erdbeereis, süß...

Posted by Jürgen fotografiert sein Essen - Residenz Seniorenheim on  Sonntag, 28. Juni 2015

Dass es oft Püriertes gibt, liegt offenbar daran, dass eine schlecht sitzende Teilprothese verhindert, dass der 63-Jährige vernünftig kauen kann. Doch nicht die Matschigkeit ist der Hauptkritikpunkt: Seine Fotos seien vielmehr eine Kritik am Zeitmangel und an dem wirtschaftlichen Druck, mit dem das Heim betrieben wird. So sei ihm eine Extraportion verweigert worden mit dem Argument, dass für andere noch etwas bleiben solle. Laut Stern wollte der Frührentner damit nicht das Pflegepersonal kritisieren. Der Name des Heims wird auf der Seite ausdrücklich nicht genannt. Auch seinen Nachnamen gibt der Frührentner nicht an.

Mittagsmenü, 26. Juni. 2015: leicht bittere Zucchinicremesuppe, Fleischpüree (offiz. Pangasius gebrat. auf Tomatenrahm),...

Posted by Jürgen fotografiert sein Essen - Residenz Seniorenheim on  Freitag, 26. Juni 2015

Die Resonanz auf die Seite ist groß: Nachrichtenseiten wie der Stern berichten über das „ekelhafte Essen“ im Heim. Binnen weniger Tage schnellte seine Fan-Zahl in die Höhe. Popularität sei aber nicht sein Ziel. Die Kommentare auf der Facebookseite unterstützen Jürgen. „Endlich !!!! - gehen Betroffene an die Öffentlichkeit und schreiben über die tatsächlichen Zustände die in manchen Heimen herrschen - der beste Weg um Veränderungen zu schaffen“, schreibt jemand. Und eine Frau fragt: „Wo sind die berühmten Fernsehköche, wenn man sie mal braucht? Dieses Essen ist den Namen nicht wert und eine Demütigung.“ „Mir läuft es gerade eiskalt den Rücken runter bei diesem Anblick vom Essen“, schreibt eine andere. Doch es gibt auch die üblichen Kritiker, die stets die Schuld bei Ausländern suchen und von einer zielführenden Diskussion durch Parolen ablenken.

Liebe Menschen. ANGEWIDERT habe ich festgestellt, dass das Thema "Pflegenotstand", insbesonders diese Seite (und diverse...

Posted by Jürgen fotografiert sein Essen - Residenz Seniorenheim on  Montag, 29. Juni 2015

Gegen diese Debatte wehrt sich Jürgen in einem Facebook-Statement. Es gehe um das Thema Pflegenotstand. Seine Fans geben ihm recht. Eine Frau schreibt: „Dieses Gegeneinander ist furchtbar!! Es geht hier doch einzig und allein um die ganzen Mißstände im Land... Man sollte nicht die Energie für das rechts-links gequatsche verschwenden! ALLE müssen zusammen halten, damit den Mißständen ein Ende gesetzt wird!!“

Erste Erfolge hat Jürgen schon erreicht: Die Einrichtung möchte mit dem 63-Jährigen ins Gespräch kommen. Und mehrere seiner Fans kündigten an, ihm am liebsten Essen vorbeibringen zu wollen – wenn sie in seiner Nähe wohnen würden.

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