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Familie in Zeiten des Smartphones

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Omas 70. Geburtstag: Die Enkel lümmeln am separaten Tisch und versuchen, sich nach dem Essen mit abgegriffenen Spielkarten bei Laune zu halten. Hin und wieder befragt mich eine Tante nach Schule/Körpergröße/Liebesleben. Die Unterhaltungen am Tisch sind angeregt, es wird laut gelacht.

Omas 80. Geburtstag ist irgendwie anders. Den Tisch hat sie wieder hübsch gedeckt: Spitzendecken, das gute Porzellan, Tafelsilber von der Uroma. Doch irgendwie scheint den Gästen ein Detail zu fehlen. Nach und nach wird die Anordnung der Gegenstände am Platz verrückt und ergänzt, bis sich schließlich ein Muster durchsetzt: Gabel, Teller, Messer, Smartphone. Sortiert nach aufsteigender Wichtigkeit. Schon bald findet der so platzierte Kommunikator rege Nutzung.

Meine Schwester schickt mir einen Rebus aus Whatsapp-Smilies, in dem sie ihren Unmut über die gereichten Speisen erläutert. Der zappelige Cousin wird mit dem Spiel Subway-Surfer ruhig gestellt und mein Vater unterbricht den Hauptgang, um der Runde das „witzige“ Video zu zeigen, das ihm der Nachbar geschickt hat. Die Teenie-Cousine schießt derweil ein Foto vom aussortierten Sauerkraut auf ihrem Teller. Am Abend werde ich es auf Facebook wiederfinden. „Sauerkraut :(( #langeweilebeioma“, heißt es darunter.

Die Stille am Tisch wächst exponentiell zum kollektiven Gewische auf den Handys. Das bemerke ich zwar kritisch und doch frage ich mich, auf welcher Seite ich eigentlich stehe, wage doch auch ich immer öfter verstohlene Blicke auf das neben mir ruhende Gerät – und sei es nur, um mich von dem Verstreichen der einzelnen Minuten zu überzeugen. Am Ende ist es Oma selbst, die die Stimmung rettet. Sie hat das seltsame Treiben geduldig beobachtet. Nachdem der Klingelton meiner beschämt dreinschauenden Tante irgendwas mit „Atemlos“ plärrt, fragt sie: „Sind das eigentlich so neumodische Plattenspieler?“

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erstellt am 04.Aug.2014 | 14:06 Uhr

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