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Dirks' Netzwelt : Es lebe die Filterblase

vom

Das Internet weiß alles. Fachleute ersetzen kann es aber nicht.

shz.de von
erstellt am 20.Jun.2015 | 04:15 Uhr

Kennen Sie den? Geht einer zum Arzt und sagt: „Sie brauchen mich nicht zu untersuchen, ich habe einen Hirnabszess. Verschreiben Sie mir ein Antibiotikum! Operieren Sie mich oder erklären Sie mir sofort, wie ich das selbst tun kann!“. Darauf der Arzt: „Mal langsam, woher kennen Sie denn die Diagnose?“ - Antwort: „Kann man doch alles googeln.“

Sie finden das nur mäßig lustig und außerdem realitätsfern? Mag sein. In den Berufsalltag der Ärzte habe ich ja nur soweit Einblick, wie das vom Wartezimmer und der Patientenliege aus möglich ist. Was ich aber hervorragend beurteilen kann, ist der Berufsalltag der Anwälte, in dem sich solche Situationen tagtäglich ereignen. Viele Rechtsuchende warten auch gar nicht erst den persönlichen Beratungstermin ab, bevor sie dem Anwalt die frisch recherchierten Rechtskenntnisse präsentieren. Die werden zur Sicherheit gleich vorab per E-Mail mit Fundstelle und dem Hinweis übersandt, dass „die Sache sonnenklar“ sei. Manche bevorzugen auch, dem (zukünftigen) eigenen Anwalt während des ersten Telefonats energisch ins Wort zu fallen: „Nana! Online habe ich das aber anders gelesen!“.

Wichtigster Unterschied zur Situation des Arztes allerdings: Der Arzt sieht sich stets mit der schlimmsten aller möglichen Symptomdeutungen konfrontiert. Da werden Blähungen gern zu Darmkrebs hochgegoogelt - die Filterblase lässt grüßen. Beim Anwalt sieht die Sache in dieser Hinsicht anders aus: Kein einziger derjenigen, die die Sach- und Rechtslage in ihrer Angelegenheit nach Konsultation von, sagen wir: zwei Online-Foren zum Thema „Abzocke“ umfassend selbst beurteilen konnten, wäre dabei jemals zu dem Ergebnis gekommen, dass ausgerechnet er im Unrecht sei. Im Unterschied zum stets todgeweihten Symptomgoogler hat der Rechts-Recherchierende also ausnahmslos immer das Recht auf seiner Seite. Und wo die Regel gegen ihn spräche, gilt selbstredend: Ich bin die Ausnahme!

Denken Sie sich hier einen Seufzer. Tröstlich allerdings: So lange man Menschen noch davor schützen kann, sich entweder aufgrund ihrer Selbstdiagnose umzubringen oder mit den eigenen Rechtskenntnissen zu ruinieren, werden sowohl Ärzte als auch Anwälte weiterhin gebraucht. Ob das nun gut ist oder schlecht, müssen Sie selbst entscheiden.

> Stephan Dirks ist Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht in Kiel und bloggt unter www.dirks.legal

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