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Nagars Netzwelt : Disslike: Die virtuelle Mecker-Box

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein Youtube-Format widmet sich ganz den im Netz grassierenden Hass-Kommentaren – und lässt Promis darauf reagieren.

Jürgen von der Lippe kichert sein typisches Jürgen-von-der-Lippe-Kichern. Er wurde gerade bepöbelt und beschimpft und findet das offenbar furchtbar amüsant. „Dicker kleiner Mann mit dem lustigen Hemd und dem Spanner-Bärtchen" wird er genannt. „Was für ein armseliger erbärmlicher Wichser“. Ein anderer schimpft ihn: „Du kleines fettes von der Lippe Arschloch“  Der TV-Moderator – diesmal ohne Hawaii-Hemd -  hat sich im Youtube-Format „Disslike“ absichtlich Hohn und Spott seiner Nicht-Fans ausgeliefert. Damit tritt er in die Fußstapfen diverser ordinär beschimpfter Deutschrapper, dem Moderator und „pubertierenden Wischmob“ Markus Kavka oder einigen politischen Hinterbänklern. So lässt sich Gregor Gysi (Linke) für die Mecker-Serie als „Kaviarkommunist“ mit „Napoleonkomplex“ betiteln. Marina Weisband, ehemaliges Aushängeschild der Piraten und „verwirrter als ein Frosch auf der Autobahn“ reagiert zuweilen etwas irritiert auf die Schmähkritik und kontert beleidigt: „Tritt auf einen Lego.“

Mehrere tausend Youtube-Nutzer schauen sich diese Videos an. Die „Promis“ sitzen vor einer braunen Muster-Tapete und lesen dabei die Pöbeleien selbst vor und reagieren darauf mehr oder minder gelassen. Meist belustigt, manchmal belehrend ob der üppig eingestreuten Rechtschreibfehler in der Kritik. Manchmal tatsächlich ein wenig getroffen, wie die langhalsige Jennifer Rostock-Sängerin auf die Bezeichnung „Giraffenfrau“ .

Wer auch nur einmal Kommentare in Leserforen, auf Facebook-Seiten oder unter Youtube-Videos ansatzweise überflogen hat, stolpert zwangsläufig irgendwann über das Meckersyndrom, das sich offenbar weiter verbreitet als die Ice Bucket Challenge. Und im Gegensatz zum Eiseimern stirbt das Spottkübeln offenbar nicht aus. Selbst die FAZ widmet einen ihrer epischen Feuilleton-Artikel einem Menschen, der sich zwölf Stunden am Tag damit befasst, Hass-Kommentare im Internet zu veröffentlichen.

Doch warum werden die Pöbeleien im Netz so sehr beachtet? Warum meckern die Nutzer lieber, anstatt ihre kostbare Zeit einem Thema oder Promi zu schenken, das oder den sie besser finden? Schließlich ist im Netz alles nur ein bis zwei Klicks entfernt. Auch den Schließen-Knopf des Browsers dürften viele schon gefunden haben.

Vielleicht liegt es ja daran: Meckern ist einfach. Im Dagegen-Sein ist fast jeder Profi – und das positive Bekenntnis zu einer politischen Meinung, Musik oder neuen Idee macht angreifbar und verletzlich. So kann man die Kritik (hier gegen Jürgen von der Lippe geäußert) quasi eins zu eins zurückgeben: „dumm und ordinair und schon ist das puplikum gut drauf“. Aber um mit etwas Positivem abzuschließen: Das Disslike-Format gefällt mir irgendwie trotzdem.

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erstellt am 12.Sep.2014 | 05:00 Uhr

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