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Shitstorms : Digitaler Sturm der Entrüstung

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Anonyme Pöbler sind im Internet keine Seltenheit. Die Kieler Mediensoziologin Claudia Obermeier sieht für Opfer kaum Chancen, sich zu wehren.

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erstellt am 02.Mai.2014 | 17:39 Uhr

Flensburg/Kiel | Als Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) eine Sonderabgabe für Autofahrer forderte, brach der Sturm über ihn ein. Auf seiner Facebook-Seite brachten über 300 Internetnutzer ihren Frust über den unpopulären Vorschlag zum Ausdruck. Sätze wie „Politiker mit solchen Vorschlägen gehören in die Klappse“, waren dabei noch verglichen harmlose Äußerungen. Der Ministerpräsident bekam das zu spüren, was im Netz ein „Shitstorm“ genannt wird.

Das Internet wird schnell zum Schauplatz fieser Beschimpfungen. So erlebten es jüngst auch die Initiatoren einer Schwulenparade in Rendsburg. Die Ankündigung des erstmaligen Christopher Street Days am Nord-Ostsee-Kanal führte auf Facebook in wenigen Stunden zu Hunderten zum Teil hasserfüllten Kommentaren. Der Fall wirft ein Schlaglicht darauf, wie schwierig es für Medien, Unternehmen und öffentliche Personen sein kann, sich in sozialen Netzen zu bewegen und gleichzeitig deren Auswüchsen zu begegnen. „Der höfliche Umgang, den man beim Kontakt Angesicht zu Angesicht wahrt, geht bei einem Shitstorm komplett verloren“, erklärt Claudia Obermeier, Mediensoziologin an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Das Phänomen hat ein derartiges Ausmaß angenommen, dass die Wissenschaft bereits Skalen zur Größenordnung dieser Stürme der Entrüstung eingeführt hat. „Das reicht vom kleinen Buschfeuer bis hin zum riesigen Orkan“, so Obermeier.

In erster Linie sei es die Anonymität, die den Einzelnen dazu verleitet, seine Empörung öffentlich kund zu tun: „Sie fühlen sich im Internet frei und mächtig. Vom Sofa aus kann man bequem Einstellungen verbreiten, die normalerweise direkt sanktioniert würden. Die Schamgrenzen werden dabei extrem weit reduziert.“ Das größte Problem: Man kann sich nicht dagegen wehren. „Diese Bewegungen leben davon, dass sie sich in einem Schneeballsystem ausdehnen. Der Fülle an Nachrichten auf allen Kanälen können Opfer oft gar nicht entgegenwirken“, so die Soziologin.

Wer eine professionelle Facebook-Seite einrichtet, stellt in der Regel auch ein Team auf, das sie verwaltet – und auf die Umgangsformen achtet. Diesen Moderatoren, die sich Community Manager nennen, stehen allerdings Tausende potenzielle Kommentatoren gegenüber. Im Prinzip ist ihre Beteiligung gewollt, denn sie stärkt die Bindung an Leser, Zuschauer und Kunden. Informationen und Meinungen fließen nicht mehr wie früher nur in eine, sondern in beide Richtungen. Im besten Fall verbessert das ein Produkt. Im schlechtesten Fall zieht es anonyme Pöbler an.

„Betroffene sollten maßvoll reagieren und versuchen, in einen Dialog zu kommen“, meint Stefan Stengel. Der Lübecker berät Unternehmen bei ihren Strategien in sozialen Netzwerken. Oftmals würden Unternehmen von einem „Shitstorm“ komplett überrollt, weil soziale Netzwerke hierzulande, verglichen mit beispielsweise den USA, zu wenig Geld in die Betreuung von sozialen Netzwerken stecken. „Da sind wir in Deutschland noch im Tal der Ahnungslosen“, sagt Stengel. Sein Rezept für ausufernde Beleidigungen im Netz: „Mitstreiter aktivieren, die in den Dialog einsteigen und positiv ihre Meinung beitragen.“

Die Heavy-Metal-Band Motörhead rief über Facebook ihre Fans dazu auf, dem Bild-Reporter Dirk Benninghoff (Foto) die Meinung zu sagen. Er hatte einen kritischen Konzertbericht  für Metal-Hammer.de (Axel Springer Verlag) geschrieben. Benninghoff ist Chef vom Dienst bei BILD.de und berichtet  derzeit aus Los Angeles. Er begann seine journalistische Karriere beim Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag in Stormarn.

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