zur Navigation springen

Trauer 2.0 : Digitale Erinnerungen an die Toten

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Friedhof wird digital: An Grabsteinen prangen QR-Codes und Apps lesen ihren Nutzern die Biografien der Toten vor. Wie sich das Trauern verändert.

von
erstellt am 01.Nov.2014 | 17:00 Uhr

Kiel | Muss uns das Internet überallhin folgen? Doch wohl kaum bis auf den Friedhof. Andererseits kennt man auch die Situation, dass man an einem Grab steht und gerne mehr wüsste über den Toten, über sein Leben, seine Geschichte. In Schleswig-Holstein wagt der Kieler Südfriedhof als erstes den Schritt ins digitale Zeitalter. Ab Montag startet bundesweit die Smartphone-App „Wo sie ruhen“. Mit ihr lassen sich 37 national bedeutsame historische Friedhöfe erkunden – auch Kiel ist dabei, als einziger Friedhof in Schleswig-Holstein.

„Wir haben auf dem Südfriedhof 25 historische Grabdenkmale von bekannten Persönlichkeiten digitalisiert“, erklärt Propst Thomas Lienau-Becker vom Kirchenkreis Altholstein, dem 50 Gemeinden vom Hamburger Stadtrand bis zur Kieler Förde angehören.

Die App führt Besucher per GPS-Signal zum gewählten Grab. Einmal auf das Smartphone-Display tippen genügt, schon wird die Geschichte des Verstorbenen erzählt. Zum Beispiel die von Theodor Wille: Der Sohn eines Kieler Kohlehändlers, wandert nach Brasilien aus, kommt durch Kaffeeplantagen zu Reichtum und gründet nach seiner Rückkehr die Commerzbank. 1892 stribt er.

In der Friedhofs-App sieht der Kieler Propst die Chance, gerade auch jüngeren Menschen zu vermitteln, warum es Friedhöfe geben muss. „Wir wollen das Gedächtnis der Verstorbenen bewahren, mitten im Leben der Lebendigen. Deshalb finde ich es sehr ermutigend, den Wert der Friedhöfe so neu ins Bewusstsein zu bringen“, unterstreicht Lienau-Becker.

Auch Privatpersonen haben bereits das Grabmal 2.0 für sich entdeckt: Sie lassen sich QR-Codes, die schwarz-weißen Pixelmuster, auf ihren Grabstein oder eine Stele davor meißeln. „QR“ steht für Quick Response, also schnelle Antwort. Wer den QR-Code mit einer App auf seinem Smartphone einliest, erhält aus dem Internet mehr Informationen über den Toten als auf einen Grabstein passen.

Immer mehr Städte erlauben das in ihren Friedhofssatzungen, im Kirchenkreis Altholstein und auch in ganz Schleswig-Holstein scheinen die digitalen Grabsteine allerdings noch die Ausnahme zu sein. „Mir ist kein Fall bekannt“, sagt der Kieler Friedhofschef Karsten Spitz Fischer. Würde ihm auf dem Südfriedhof eine Anfrage gestellt, würde er allerdings nicht ablehnen. „Es ist doch faszinierend, zu erfahren, wer die Toten waren.“ Mit einem digitalen Grabstein könne jeder selbst entscheiden, was der Nachwelt erhalten bleiben soll. Spitz Fischer sieht allerdings auch Risiken: „Letztlich hat der Friedhof keinen Einfluss darauf, welche Inhalte sich hinter dem QR-Code verstecken. Dafür tragen die Angehörigen die Verantwortung.“

Sie können durch die QR-Codes auf Webseiten oder Blogs verlinken. So hat es beispielsweise die Familie der im April in Afghanistan erschossenen deutschen Kriegsfotografin Anja Niedringhaus in Höxter (Nordrhein-Westfalen) gemacht. Der QR-Code am Grab ihrer Tochter führt direkt auf die ursprünglich noch von Niedringshaus selbst angelegte Homepage, die im Auftrag der Familie weitergeführt wird. Denkbar sind auch Weiterleitungen zu Profilen in sozialen Netzwerken oder auf Kondolenzseiten wie trauer.shz.de. Dort können virtuelle Kerzen angezündet werden.

Die Nordkirche hat noch nicht im Detail über die digitalen Möglichkeiten der Trauer diskutiert. Sprecher Stefan Döbler betont: „Es muss darauf geachtet werden, dass eine würdige Bestattungskultur sichergestellt wird.“

Das Kuratorium Deutsche Bestattungskultur sieht den Trend ebenfalls positiv. Geschäftsführer Oliver Wirthmann erklärt: „Mit QR-Codes gehen neue Trends und gewachsene Formen der Trauer am Grab eine gute Verbindung ein.“

> Für die Friedhofs-App „Wo sie ruhen“ braucht man lediglich ein Smartphone oder Tablet mit mobiler Internetverbindung. Ab dem 3. November ist sie in den App-Stores kostenlos erhältlich.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen