Voß’ Netzwelt : Digitale Dorfdeppen und die Internet-Recherche

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Viele Internetnutzer können nicht mehr seriöse und unseriöse Quellen voneinander unterscheiden.

shz.de von
23. Mai 2015, 06:00 Uhr

„Auch vor dem Internet gab es in jedem Dorf einen Deppen, manchmal auch zwei. Durch das Internet können sich nun die Dorfdeppen untereinander austauschen und organisieren“, hat der Wettermoderator Jörg Kachelmann einmal gesagt, als er nach „Chemtrails“ gefragt wurde. „Chemtrails“, so besagt die Theorie, seien die Kondensstreifen, die Düsenflugzeuge am Himmel hinterlassen. Sie enthalten Chemikalien mit denen uns die Regierung ruhig stellt. So weit, so wirr. Dank des Internets haben sich im letzten Herbst immerhin 150 Leute gefunden, bei denen das mit dem Ruhigstellen offenbar nicht klappt. Sie haben sich zu einer Demonstration gegen „Chemtrails“ in Berlin versammelt.

Selbst die wirrsten Verschwörungstheorien finden Anhänger. Die eine besagt, die Erde sei flach. Die andere erklärt, sie sei zwar rund, aber innen hohl. Ernsthaft! Zu beiden Theorien gibt es zahlreiche Informationen im Internet. Und immer wird all das von einer Elite verschwiegen.

Das ist natürlich bequem: Es erklärt komplexe Zusammenhänge auf einfach Art, und wenn „die da oben“ ohnehin alles unter sich ausmachen, kann ich als Einzelner nichts tun.

Lernen wir gerade gemeinsam eine neue Lektion in Sachen Medienkompetenz? Wenn Kinder Englisch lernen, fangen sie mit der Gegenwartsform an. Wenn dann die anderen Zeiten dazukommen, wissen sie zunächst wieder nicht mehr, wann die Gegenwartsform korrekt ist. Sie können schlechter, was sie bereits beherrscht haben. Das muss sich durch Übung erst sortieren. Gelten diese Lernstufen auch für Gesellschaften? Nur so kann ich mir erklären, dass intelligente Menschen plötzlich vollkommen ihren Kompass für Medien verloren haben. Der hat für das alte Spektrum zwischen Abendnachrichten und Boulevard noch funktioniert. Neue Quellen von „Russia Today“ bis Youtube müssen da integriert werden. Und plötzlich scheint nichts mehr Sinn zu ergeben.

Ich kann nur hoffen, dass meine verwirrten Mitbürger schnell lernen, was im 21. Jahrhundert eine seriöse Quelle von einer unseriösen unterscheidet. Wenn wir uns nicht einmal mehr einig über die Gestalt der Erde sind, wird es schwierig, gemeinsam echte gesellschaftliche Herausforderungen zu lösen.

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