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Digitalnomade : Die Welt ist sein Büro

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Kieler Softwareentwickler Till Carlos arbeitet ortsunabhängig und lebt zurzeit in Vietnam. Sein Team verteilt sich auf fünf Länder.

Kiel | Er hat sein Notizbuch, seinen Laptop und seine Kamera immer dabei – auch wenn Till Carlos in einem Café sitzt, ist er immer gewappnet für die nächste Idee, die er in das kleine Heft kritzelt, oder die nächste Begegnung, die er in seinem Blog festhält. Der 29-Jährige ist stets auf Achse, arbeitet, lernt neue Leute kennen – seine Welt habe sich schon immer so gedreht, erzählt er.

Doch um einen bestimmten Ort dreht sie sich nicht. Der gebürtige Kieler ist ein so genannter „Digitalnomade“. Jemand, der nicht jeden Morgen, Jahr um Jahr in dasselbe Büro geht, um zu arbeiten. Sein Büro ist eben dort, wo er gerade ist. Alles was er braucht, ist schnelles Internet. „Das ist manchmal ein Problem“, sagt er. Zum Beispiel dann, wenn er das Land erkunden will, in dem er gerade lebt und dafür auch mal die Zivilisation verlässt.

Till Carlos reist gerne. Das war schon während seines Informatikstudiums in seiner Heimatstadt Kiel so. Jedes Jahr packte er mindestens einmal die Koffer – und gründete nebenbei seine erste Softwareentwicklungsfirma. Schließlich merkte er, dass das nicht das war, was er wollte: „Ich hatte alles“, resümiert er. „Diplom, Firma… Doch wenn man alles hat, fragt man sich irgendwann: ,Was will ich wirklich?‘“ Eins war für ihn schnell klar: „Ich wollte nicht in einem festen Büro sitzen.“ Nach dem Ende seines Studiums verließ er das inzwischen zehnköpfige Team und zog mit einer neuen Idee in die Welt hinaus. Seit Februar 2013 wohnte er zunächst in Bayern, dann folgte der Balkan, Thailand und schließlich Vietnam.

Inzwischen lebt er in Ho-Chi-Minh-Stadt (ehemals Saigon) und arbeitet dort als Unternehmensberater im Internet- und Produktmarketing, entwickelt eigene Softwareprodukte wie eine App, die Umzüge ins Ausland erleichtern und bei Behördengängen helfen soll, unterstützt Start-ups beim Aufbau ihres Unternehmens und betreibt einen eigenen Blog im Internet. Seine Firma „Relodeck“ betreibt er zusammen mit vier anderen – der Unternehmenssitz ist bei der Mitbegründerin in Kopenhagen. In den Niederlanden, Mazedonien und der Ukraine helfen Mitarbeiter bei der Entwicklung der Software mit. Alles eine Frage der Organisation: „Bei mir ist es mittags, wenn Europa gerade aufwacht.“ Ausgleichssport oder das Bestücken seines Blogs findet bei Till Carlos also am Vormittag statt. Danach sei man ständig mit den Kollegen in Kontakt, ob per Mail oder Videokonferenz.

Unverzichtbar für ein solches Leben seien Kontakte – so kommt er auch an Kunden, sagt er. Mit den Menschen, die er über seinen Job kennenlernt, hauptsächlich andere Internetunternehmer, hat er sich organisiert – in Internetforen oder Stammtischen, online und vor Ort. Gerne umgibt er sich mit Menschen, von denen er etwas lernen kann. Über das Internet sei es leicht, die geknüpften Kontakte zu halten. Diese Menschen seien inzwischen wie eine zweite Familie, sagt er.

Apropos Familie – was halten denn die Daheimgebliebenen davon? „Meine Familie und meine Freunde bringen Verständnis für meinen Lebensstil mit. Ich hab’ nie gehört: ,Du schaffst das nicht.‘“ Und wenn man erst die Angst überwunden und sich entschieden habe, formiere sich alles drum herum. „Dann kommen alle diese guten Dinge“, sagt er.

Doch zu einem solchen Lebensstil gehört viel Disziplin – und mit diesem Leben einher geht auch die Angst. „Jeden Tag“, sagt er, seien da Existenzängste. Ganz normale Ängste eines Selbstständigen eben. Aber Till Carlos wusste, auf was er sich einlässt. „Ich war psychisch und organisatorisch darauf vorbereitet.“ Alle wichtigen Unterlagen sind eingescannt und in eine Cloud hochgeladen. Und er sei mit sich selbst im Reinen, erklärt er. „Anfangs dachte ich, ich bräuchte die Erlaubnis von anderen. Jemand müsste mir sagen, dass es geht.“ Inzwischen sei er selbst so stabil, dass er sich nicht am Sicherheitsdenken festhalte. Im Gegenteil: „Wenn ich viel gelernt habe und mich weit aus meiner Komfortzone herausbewegt habe, dann war es ein guter Tag.“

Vielleicht blickt er auch wegen dieser Einstellung so entspannt in die Zukunft: Noch etwa vier Monate wird er in Vietnam leben – und danach? „Vielleicht Südafrika, oder wieder Thailand...“, sagt er und zuckt die Schultern. „Wer weiß?“

> Eindrücke von Till Carlos' Arbeit sowie Kontaktinformationen gibt es hier.

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erstellt am 03.Mai.2014 | 05:30 Uhr

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