zur Navigation springen

Dirks' Netzwelt : Die Ewige Suche nach der Wahrheit

vom

Wie weit dürfen Medien gehen, um Katastrophen zu erklären? Diese Frage stellt dich Kolumnist Stephan Dirks in Anbetracht der Berichterstattung über den Germanwings-Absturz.

Juristerei ist manchmal ein bisschen wie Zauberei. Zum Beispiel, wenn es um die Wahrheit geht: Da müssen Juristen nicht herumspekulieren, wir machen uns einfach unsere eigene. Das ist wortwörtlich gemeint: Am Ende eines (prozessordnungsgemäßen) Gerichtsverfahrens steht nicht eine Vermutung oder ein „Entweder-oder“, sondern ein verbindlich festgestellter und damit wahrer Sachverhalt. Demgemäß „gilt“ etwa Jörg Kachelmann auch nicht nur als unschuldig, sondern er „ist“ es. Ohne „Wenn“ und  „Aber“. Wer diese nach den Regeln des Strafprozessrechts erzeugte Wahrheit in Frage stellt oder relativiert, bekommt es – zu Recht – mit seinen Anwälten zu tun.

Medien, im weitesten Sinn, haben es da schwerer. Sie müssen berichten. Über Sachverhalte, für die es wenig oder keine Zeugen gibt. Vielleicht nur dürre Aufzeichnungen auf irgendwelchen Flugschreibern, die eine Million Abläufe möglich erscheinen lassen. Und in den Tiefen des Internet wird ja buchstäblich jede einzelne als Theorie diskutiert: Wurde der Kopilot in Wahrheit erschossen in seinem Wagen aufgefunden? Sind die Passagiere nicht tot, sondern entführt? Was wissen die Geheimdienste? Qui bono, wem nützt das alles?

Sicher: Manches davon ist schwer zu ertragen. Nach allem was wir wissen, sind andere Abläufe ja auch viel wahrscheinlicher –  es existieren Indizien. Krankenakten. Zerrissene Atteste.  Auch der Staatsanwalt ist sich sicher. Und war es sehr früh. Aber dürfen wir deshalb die wahrscheinlicheren Versionen als Wahrheit verkaufen, nur weil sich ein schlüssiges Narrativ ergibt – inklusive eines Schuldigen, der sich nicht mehr wehren wird, schon weil er nicht mehr lebt?

Diese Frage ist rechtlich kaum sinnvoll zu lösen. Klar ist: Auch einen Toten darf man nicht an den Pranger stellen. Noch weniger, sollte er krank und damit nicht einmal schuldig gewesen sein. Und noch viel weniger, so lange vernünftige Zweifel an seiner Verantwortung möglich sind. Dagegen steht das nachvollziehbare Bedürfnis nach Erklärungen und nach Sinn, und sei er noch so schrecklich. Und die banale Erkenntnis, dass die Hinterbliebenen anderes zu tun haben, als die Rechte des Verstorbenen zu verteidigen. Wo kein Kläger, da kein Richter.

Richtiger wäre es trotzdem, würde man es aushalten, dass es die eine Wahrheit im Gerichtssaal immer, aber in der Realität eben nicht immer gibt. Vielleicht hilft das Netz sogar in dieser Hinsicht.

> Stephan Dirks ist Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht in Kiel und bloggt unter www.dirks.legal

zur Startseite

von
erstellt am 11.Apr.2015 | 14:14 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen