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Dreyklufts Netzwelt : Die E-Mail ist kaputt

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Einst eine großartige Erfindung, bereitet die E-Mail heute längst keine Freude mehr, meint Kolumnist Joachim Dreykluft.

von
erstellt am 28.Mai.2014 | 04:00 Uhr

Als ich vor rund 20 Jahren dieses Neuland namens Internet entdeckte, war es noch ganz schön öde. Keine Nachrichten-Websites, keine vernünftigen Suchmaschinen, keine Videos. Stattdessen Foren, die damals Newsgroups hießen und in denen sich die Computernerds dieser Welt virtuell versammelten. Und es gab E-Mail. Die war für mich der Grund überhaupt, in diesem Internet nicht nur mal vorbeizuschauen, sondern mich dauerhaft niederzulassen. Das Konzept, weltweit nahezu kostenlos und nahezu in Echtzeit Nachrichten austauschen zu können, überzeugte mich vollkommen. Und dann noch die Möglichkeit des Anhangs, um Word-Dokumente oder Fotos zu verschicken. Großartig.

E-Mails gehören in meiner Generation nach wie vor zum Alltag. Ein Quell der Freude sind sie längst nicht mehr. Jeder Anhang ist eine potenzielle Schadsoftware. Die Geheimdienste der Welt lesen mit. Der Blick in mein Postfach macht mich rasend. Von unersetzlichen Informationen bis zu unerträglichem Müll landet alles Mögliche darin, hübsch chronologisch sortiert und völlig unhierarchisiert. Würde ich meinen Spam-Filter nicht regelmäßig mit Adressen im Dutzend füttern, müsste ich mir täglich den Ausstoß von gefühlten 1235 PR-Agenturen anschauen. Der Spam-Filter ist das Einzige, was mich als Mail-Empfänger noch einigermaßen lebensfähig hält...

Wahrlich verzweifelt bin ich inzwischen auch als Absender. E-Mail kommt mir vor wie ein schwarzes Loch, in das ich Botschaften sende, aus dem aber keine Antworten mehr kommen. Bis vor zwei, drei Jahren empfand ich es als üblich, auf eine Mail zumindest ein kurzes  "Danke für die Info. LG :-)" zu erhalten. Heute oft: nichts. Beruflich wie privat.

Ich kann da niemandem einen Vorwurf machen. Auch mir rutschen Mails durch, die ich dann nicht  beantworte. Daraus folgt die bittere Erkenntnisse, dass E-Mail als universelle Allzweckwaffe der Kommunikation unbrauchbar geworden ist. Einfach eine Rundmail, und ein Dutzend Menschen fangen an, sich Gedanken zu machen und teilen mir diese Gedanken auch mit, das war einmal.

Meine persönliche Konsequenz? Dass ich manchmal Mails schreibe mit der Betreffzeile "WICHTIG!!! BITTE LESEN!!! BITTE ANTWORTEN!!!", ist mir im Grunde peinlich. Funktioniert aber. Noch.

Ich arbeite an der Verfeinerung. Bei Mailkonten lassen sich "Aliase" einrichten, also weitere Adressen aus dem gleichen Mailkonto. Wenn Sie demnächst eine Mail bekommen nicht von jod@shz.de, sondern von WICHTIG@shz.de, wissen Sie: An einer Antwort wäre mir, seien Sie bitte so freundlich, doch sehr gelegen.

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