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Bildmissbrauch für Propaganda : „Deutschland 2030“: NDR-Magazin findet Ursprung des Steinbach-Fotos

vom

Das Medienmagazin „Zapp“ hat recherchiert und herausgefunden, wo das Bild herkommt. Mit Propaganda hat es nichts zu tun.

shz.de von
erstellt am 23.Mär.2016 | 16:04 Uhr

Chennai | Eine Gruppe von indischen Kindern umringt ein blondes, hellhäutiges Kind. Darunter prangt in weißen Lettern auf schwarzem Grund: „Deutschland 2030 – Woher kommst du denn?“ Das Foto kursiert seit langem im Netz, erlangte aber zwischenzeitlich Bekanntheit, als CDU-Politikerin Erika Steinbach das Foto weiterverbreitete. Die Message: Die Überfremdung in Deutschland sei nicht aufzuhalten.

Hetze im Netz ist allgegenwärtig - dass sich eine gewählte CDU-Politikerin daran beteiligt, löste im Februar heftige Kritik aus. Erika Steinbach sorgte dabei nicht zum ersten Mal mit einem fremdenfeindlichen Tweet für Aufruhr im Netz.

Das Medienmagazin „Zapp“ hat sich auf die Suche nach dem Ursprung des Bildes gemacht. Und war erfolgreich: Die Urheber des Fotos sind enttäuscht, dass ihr Foto für politische Stimmungsmache verwendet wird.

Doch im Detail: Laut dem Magazin führte die erste Internetrecherche zunächst nicht zum Ziel. Das Bild wird auch in anderen Ländern verwendet. Egal ob „Italien 2030“ oder „Russland 2050“, es wird genutzt, um Stimmung gegen Migranten zu machen. Auffällig sind zwei Köpfe, die beim Steinbach-Foto schlecht ins Bild montiert wurden. Experten sahen jedoch keinen Hinweis darauf, dass das gesamte Bild eine Montage sei.

„Russland 2050“: Das Foto des australischen Jungen wird auch in anderen Ländern zu Propaganda-Zwecken missbraucht.
„Russland 2050“: Das Foto des australischen Jungen wird auch in anderen Ländern zu Propaganda-Zwecken missbraucht. Foto: Screenshot/Twitter
 

„Zapp“ recherchierte weiter und fand heraus, dass das Bild bereits im Januar 2012 im Netz verbreitet wurde – das Magazin bittet um Mithilfe seiner Zuschauer. Verschiedene Nutzer gaben Hinweise, die sich teils als Niete erwiesen. Doch es gab auch neue Informationen. So sei das Foto in Südindien entstanden. Zuschauer gaben dann doch entscheidende Hinweise, die die Redaktion auf zwei russischsprachige Foren führten. Dort wurde ein Kinderheim in Indien als Ort der Aufnahme genannt. Ein Link führte zur Foto-Community eines amerikanischen Magazins: Volltreffer.

Am 24. Januar 2012 lud ein Nutzer aus Australien das Foto dort hoch. Das Bild zeigt das Kind einer australischen Familie beim Besuch eines Kinderheims in Chennai. Es landete schnell auf einer Liste der schönsten Community-Bilder und fand so offenbar seinen Weg ins Netz – trotz Missachtung von Urheberrechten und technischen Vorkehrungen, die den Download verhindern sollten. Ein Grund, warum das Foto nur in schlechter Qualität im Netz kursiert.

„Zapp“ stellte umgehend den Kontakt zur Familie her, die allerdings anonym bleiben will. Die Eltern des blonden Jungen hatten ihren damals 18 Monate alten Sohn beim Besuch des Kinderheims fotografiert. Das war 2011. Als „Zapp“ der Familie den Recherchegrund verrät, sind die Eltern enttäuscht, dass das Bild zu Propaganda-Zwecken genutzt wird. Man habe genau das Gegenteil im Sinn gehabt. Hochgeladen hatten sie das Foto, um auf das Heim in Indien aufmerksam zu machen. Sie hatten dort im Urlaub Spenden übergeben. „Das Foto entstand in einem sehr schönen Moment voller Liebe und Freude. Es zeigt, dass Miteinander verschiedener Kulturen und von Menschen, die verschiedene Sprachen sprechen“, sagte der Vater „Zapp“.

Auch das Kinderheim bestätigte die Echtheit des Bildes und distanzierte sich - wie die Familie - von der missbräuchlichen Verwendung. „Dass ein so schönes, vorurteilsfreies Aufeinandertreffen von Kindern in solcher Weise verdreht wird, zeigt, wie arm Rassismus ist“, sagte der Vater des Jungen.

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