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Handy-Sucht : Der zwanghafte Griff zum Smartphone

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Für Mediensüchtige werden SMS und Chat wichtiger als Gespräche. Ein Fachverband fordert jetzt offizielle Anerkennung der Abhängigkeit.

von
erstellt am 29.Apr.2014 | 08:00 Uhr

Schnell mal aufs Smartphone schauen, gerade kommt eine neue Chat-Nachricht – gleich antworten. Das Smartphone ist Teil des Alltags. Wer sich in Bus und Bahn umschaut, sieht viele Menschen vertieft in Chat und Mails. Kaum ein Ort bleibt Handy-frei, oft auch nicht das Schlafzimmer. Manch einer nimmt das gute Stück mit auf die Toilette. Doch ist jemand schon süchtig, wenn er im Mobiltelefon nach neuen Botschaften sucht und Mails liest?

Mit Hilfe einer App hat die Universität Bonn erforscht, inwieweit Suchtgefahr droht. Sie fand in einer Pilotstudie heraus, dass das Handy am Tag 80 Mal im Durchschnitt aktiviert wurde. „Das Smartphone übt einen großen Reiz aus, denn es macht das Internet überall und jederzeit verfügbar“, bestätigt Dr. Hans-Jürgen Rumpf, Leiter der Suchtforschungsgruppe an der Universität Lübeck. Deshalb sei die Sucht nach dem Smartphone auch in erster Linie eine Internet- oder Mediensucht. Ab wann man von seinem Handy abhängig ist, ist von verschiedenen Kriterien abhängig, die jedoch bisher noch nicht offiziell geregelt sind. Deshalb forderte gestern der Fachverband Medienabhängigkeit, die Internetsucht auch offiziell als solche anzuerkennen. „Das Risiko einer Sucht besteht, wenn die virtuelle Realität einen größeren Lebensraum einnimmt als die reale“, sagte der Vorsitzende des Fachverbands Medienabhängigkeit, Andreas Gohlke. „Ich warne aber davor, zu schnell von einer Sucht zu sprechen.“

Das bestätigt auch Rumpf: „Es ist schwer, eine Mediensucht an der Nutzungszeit festzumachen. Das wichtigste Kriterium ist viel mehr, ob durch die Nutzung ein Schaden entsteht.“ Wenn also durch das Smartphone Probleme in der Partnerschaft oder bei Jugendlichen in der Schule entstehen, sollten Betroffene über ihren Medienkonsum nachdenken. „Noch eindeutiger ist es, wenn der Betroffene sein Verhalten  trotz dieser negativen Konsequenzen nicht ändert“, erklärt Rumpf. Hinzu kommen Entzugserscheinungen oder Gereiztheit. „Wenn jemand bei Tag und Nacht ständig zum Smartphone greift, um Nachrichten zu beantworten, verändert das die Kommunikation mit der realen Umgebung und hat erhebliche Einflüsse auf das eigene Verhalten“, sagt Andreas Gohlke.

Dr. Hans-Jürgen Rumpf rät Betroffenen, die Nutzung mit Hilfe eines Plans zu reduzieren. Wenn das nicht gelingt, sollten sie sich bei einer Suchthilfestelle melden. In der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (International Classification of Diseases, ICD-10) taucht eine übermäßige Internetnutzung nicht als Funktionsstörung auf. Das Diagnose-Handbuch DSM-5 der American Psychiatric Association führte im vergangenen Jahr zum ersten Mal Kriterien zur Diagnose einer Computerspielsucht auf. Die Experten halten aber mehr Forschung für notwendig, damit die Computerspielsucht als Krankheit anerkannt werden kann.

Die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler (CSU) sieht Risiken für Jugendliche: „Es besteht die Gefahr, dass sie sich übermäßig lange und zu oft im Netz aufhalten“, erklärte sie anlässlich des „Safer Internet Day“ im Februar. Rund 560.000 Internetabhängige gebe es in Deutschland – etwa ein Prozent der 14- bis 65-Jährigen, ermittelte eine Studie zu Internetabhängigkeit der Universität Lübeck („Pinta-Diari“) unter der Leitung von Dr. Hans-Jürgen Rumpf von 2013. Wir haben ermittelt, dass Internetabhängigkeit zwar nur bei etwa einem Prozent der Gesamtbevölkerung vorkommt, doch deutlich höhere Zahlen gibt es bei jungen Menschen. So hat die Lübecker Forschergruppe bei den 14- bis 24-Jährigen einen Anteil von 2,4 und bei den 14- bis 16-Jährigen einen Anteil von 4 Prozent festgestellt.

Für Jugendliche, die mit diesen Medien groß werden, sei die Kommunikation über elektronische Medien viel selbstverständlicher als für Ältere. „Wie bei Zigaretten- oder Alkohol-Sucht steigt mit erhöhter Verfügbarkeit auch die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen betroffen sind“, sagt Rumpf.

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