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Kein IPhone-Killer : Der Fire-Flop: Amazons Fire Phone ist im freien Fall

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Von 599 Euro auf 149 Euro – der Preis für das Fire Phone ist im freien Fall. Amazon-Chef Jeff Bezos wollte nicht weniger als einen iPhone-Killer. Ein Lehrstück über Selbstüberschätzung und verlorene Bodenhaftung.

shz.de von
erstellt am 22.Feb.2015 | 16:08 Uhr

Seattle | „Erinnern Sie sich noch an das HTC First, das im April 2013 vorgestellte erste Facebook-Handy? Vermutlich nicht. Das Amazon Fire Phone könnte das gleiche Schicksal ereilen.“ Schleswig-Holstein am Sonntag hatte schon nach der Präsentation des Fire Phone im Juni 2014 große Zweifel, dass diesem Smartphone ein Erfolg beschieden sein würde.

Tatsächlich war die Präsentation durch Amazon-Chef Jeff Bezos am 18. Juni 2014 der Auftakt zu einem milliardenteuren Desaster für den US-Onlinehändler. Allein im dritten Quartal musste das erfolgsverwöhnte Unternehmen eine Wertberichtigung von 170 Millionen US-Dollar für seinen Fire-Phone-Lagerbestand in der Bilanz verkraften.

Das Fire Phone sei von Anfang an „Jeff’s Baby“ gewesen, zitiert Journalist Austin Carr im Magazin „Fast Company“ einen Ingenieur der Amazon-Entwicklungsabteilung. Bezos habe nach dem durchschlagenden Erfolg mit dem Lesegerät Kindle Apple auch beim iPhone Paroli bieten wollen – koste es, was es wolle. Doch anders als beim Kindle wollte der 51-Jährige den Markt nicht mit einem billigen Einstiegsgerät aufmischen. Bezos wollte den Markt von oben aufrollen – mit einem Smartphone, dessen herausragende Funktionen beim Kunden einen „Wow“-Effekt auslösen.

Entsprechend umfangreich geriet das Aufgabenheft für die Ingenieure in den Amazon-Labs. Statt acht Megapixel Auflösung wie das iPhone sollte die Hauptkamera des Fire Phone 13 Megapixel schaffen. Doch am wichtigsten war für Jeff Bezos offenbar die revolutionäre 3D-Funktion namens „Dynamic Perspective“, bei der sich das Displaybild mit dem Blickwinkel ändert. Der Kunde soll ohne Brille ein 3D-Erlebnis haben. „Surreale Summen“ soll der Entwicklungsaufwand verschlungen haben, schreibt Austin Carr. Alles nur, weil der Chef es verlangte. Die Frage, wonach die Kunden verlangen, spielte keine Rolle.

„Dynamic Perspective“ erfordert nicht nur eine hohe Prozessorleistung, sondern auch vier kleine Kameras, die kaum sichtbar um den Touchscreen herum verbaut sind. Und die mitverantwortlich sind für die kurze Laufzeit des Akkus.

Die ersten Gerätetests fielen verheerend aus. Überforderte Hardware in Kombination mit unnötigen Funktionen zu einem Premium-Preis – das Fire Phone braucht kein Mensch. Tatsächlich soll sich die Zahl verkaufter Geräte bis zur radikalen Preissenkung kurz vor Weihnachten im fünfstelligen Bereich bewegt haben.

Hierzulande versuchte die Telekom mit großem Werbeaufwand, dem Fire Phone zum Durchbruch zu verhelfen – ohne Erfolg. Im Gegenzug bekam der Netzbetreiber aber die lukrative Chance, seine Handyverträge bei Amazon anzubieten.

Bei einer Technik-Konferenz Anfang Dezember in New York ließ ein Journalist nicht locker, als Bezos die mauen Verkaufszahlen seines ersten Smartphones verteidigte. „Also, Jeff, was war da los mit dem Fire Phone?“ Seine Antwort stellte die Börsianer nicht zufrieden. Das Fire Phone sei eine „mutige Wette“ und werde noch weitere Investitionen und einige Jahre brauchen, um zu Amazons Unternehmenserfolg beitragen zu können. „Ich habe bei Amazon Milliarden Dollar mit Fehlschlägen verloren, buchstäblich Milliarden“, sagte er. „Aber einige wenige große Erfolge gleichen Dutzende Sachen, die nicht funktioniert haben, wieder aus.“

Ein Kauftipp ist das Gerät übrigens auch zum Billigpreis nicht. Android-Fans werden mit der ungewöhnlichen Bedienung des Fire OS nicht glücklich. Und für den vollen Android-Leistungsumfang fehlt auch der Zugang zum Google Play Store. Fire-Phone-Besitzer können nur Apps aus dem Amazon App Store installieren – und dort fehlen viele Anwendungen oder sind nur in älteren Versionen verfügbar. Dazu kann man keinem raten.

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