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Hasspostings : Der Facebook-„Pranger“ der „Bild“-Zeitung wirkt

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Die „Bild“ geht gegen Hasspostings auf Facebook mit lautem Tamtam vor. Die Motive dafür sind mit Sicherheit nicht redlich. Bei den Hetzern führt das dennoch zur Panik.

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erstellt am 20.Okt.2015 | 16:54 Uhr

Auf Facebook wird gehetzt. Auf shz.de war es wiederholt Thema, dass in dem Netzwerk zwar nackte Brüste sofort gelöscht werden, weil sie gegen das Facebook-Regelwerk und die vermeintlichen Moralvorstellungen von Nutzern verstoßen. Hass und Hetze werden aber nicht gelöscht oder erst dann, wenn Betroffene oder Engagierte massiv und teils öffentlich Rabatz machen.

Deswegen zitierte schon Bundesjustizminister Heiko Maas den europäischen Facebook-Statthalter aus Irland zu sich. Kanzlerin Angela Merkel ließ sich Ende September von Facebook-Chef Mark Zuckerberg persönlich versprechen, dass er gegen Hassparolen vorgehen werde. Alles vergeblich.

Screenshot eines Hasspostings auf Facebook gegen die Grünen-Politikerin Claudia Roth.
Screenshot eines Hasspostings auf Facebook gegen die Grünen-Politikerin Claudia Roth.

Deshalb griff die „Bild“-Zeitung in ihrer gestrigen gedruckten Ausgabe zu einem drastischen Mittel. „Der Pranger der Schande“ titelte das Blatt und zeigte auf einer Doppelseite Hasskommentare. Die Namen der Nutzer und auch ihre Fotos wurden dabei nicht anonymisiert.

Ein Aufruf auf Facebook, Flüchtlinge zu ermorden.
Ein Aufruf auf Facebook, Flüchtlinge zu ermorden.

Die Aktion ist laut, die Aktion ist marktschreierisch, die Aktion dient dazu, Aufmerksamkeit auf ein Blatt zu lenken, das in den letzten Jahren rasant an Auflage verloren hat. Aber: Die Aktion ist richtig. Deshalb zeigen auch wir hier beispielhaft Postings mit Klarnamen und Bild der Facebook-Nutzer.

Pranger, na klar, dabei bekommt man ein schlechtes Gefühl. Das klingt nach Mittelalter, das klingt nach plump. Das Wort ist nicht klug gewählt. Denn ein klassischer Pranger stellt jemanden öffentlich bloß. Aber das, was die „Bild“ auf zwei Seiten druckt, ist ohnehin öffentlich. Für jedermann einsehbar.

Das ist auch der Unterschied zum Stammtisch, an dem sich die meisten der Abgebildeten offenbar wähnen. Sie teilen ihre irren Ansichten nicht nur einem Bekanntenkreis mit, sondern auch den Betroffenen, deren Ermordung sie teilweise sogar fordern. Deshalb die „Bild“-Forderung: „Herr Staatsanwalt, übernehmen Sie!“ Die ist nur logisch, da Facebook sich nicht an die eigenen Versprechungen hält. Die Verpflichtung zu reagieren ist übrigens nicht nur eine moralische, sondern auch eine rechtliche. Sie steht in Paragraph 10 des Telemediengesetzes.

„Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann meint, das Attentat auf die künftige Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker habe auf Facebook seinen Ausgangspunkt. „Das alles hat angefangen mit diesen Hass-Posts. Da mussten wir Stopp rufen“, sagt er in einem Video auf bild.de zu der „Pranger“-Aktion.

Hier liegt das einzige, aber nicht zu vernachlässigende Problem: die Glaubwürdigkeit des „Bild“-Chefs. Als der FC St. Pauli nicht mitmachen wollte bei der „Bild“-Werbekampagne namens „Wir helfen“, unterstellte er dem Kiezclub per Twitter: „Kein Herz für Flüchtlinge. Schade eigentlich“. Das entlarvte Diekmann als jemanden, der kein Herz für Flüchtlinge hat, sondern solche Aktionen nur aus Kalkül antreibt.

Das wirft auch einen Schatten auf die Redlichkeit der Motive des Facebook-„Prangers“. Eines muss man jedoch neidlos anerkennen: Er wirkt. Unter den Facebook-Hetzern herrscht Panik. Während eine Beschwerde bei Facebook fast immer mit einer Mail „Verstößt nicht gegen die Gemeinschaftsstandards“ endet, führte die „Bild-Doppelseite zur fast flächendeckenden Löschung  der abgebildeten Beiträge – offenbar durch die Hetzer selbst. Und anstelle der abgebildeten Köpfe waren auf Facebook seit Dienstagnachmittag viele der Nutzerbilder mit Hunden, Katzen oder auch Blümchen zu sehen. 

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