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Welttag gegen Internetzensur : Das Schlimmste an Zensur ist ▀▀▀▀▀

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Am Tag der Internetzensur geht es um Einschränkungen in autoritären Regimen. Doch wie frei ist das Netz insgesamt?

Sex, Tod und Gewalt, Politik, Religion - eine Reihe von Tabus zieht sich durch die Gesellschaft, wenn es um Themen am Rande des allgemeinen Konsens geht. Im Internet, den Sozialen Medien und in der Kunst. Wie frei darf die Meinung sein, wie frei die Kunst - und wie geschützt sind die Empfindlichkeiten? Und: Muss eigentlich die Sittlichkeit vor der Kunst geschützt sein - oder die Kunst vor der Sittlichkeit?

Besonders im Internet, wo die Welt auf Pixelnähe zusammenrückt, gibt es immer wieder kuriose Entscheidungen, was veröffentlicht werden darf und was nicht. Dabei gelten neben staatlichen Bestimmungen die häufig strengeren Standards von Großunternehmen wie Facebook oder Google.

Sicher gibt es weltweit Regime, die es mit der Meinungsfreiheit nicht ganz so ernst nehmen. Nordkorea oder Saudi-Arabien zum Beispiel. Die Diktatur im Osten Asiens ist weitgehend abgeschottet. Das wahhabistische Königreich sucht zwar immer wieder die Nähe zum Westen, pocht aber darauf, regierungskritische Blogger mit Peitschenhieben und Freiheitsstrafen zu verfolgen. Und selbst in der Türkei wurde mehrfach Twitter gesperrt - und unlängst eine regierungskritische Zeitung unter staatliche Kontrolle gebracht. In China hat sich die Twitter-Alternative Weibo etabliert, deren Inhalte nach verdächtigen Wörtern gefiltert werden.

Wer in Deutschland oder anderen Ländern der westlichen Welt über Zensur jammert, jammert auf hohem Niveau. Und er kann immerhin ungestört jammern. Laut Grundgesetz wird geregelt: Eine Zensur findet nicht statt.

Artikel 5 des Grundgesetzes

(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.

(3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.

Doch es gibt andere Instanzen - die, die wirklich entscheiden, welche Informationen den Nutzer erreichen. In der großen weiten Welt des Internets bestimmen Unternehmen wie Facebook, Google und Co, was dieser diffuse allgemeine Konsens ihrer Meinung nach sein soll. Zuweilen zugunsten des Prinzips „Bitte nicht stören“. Künstler sehen das oft anders. Auf Instagram ruft beispielsweise der provokante Colin Christian dazu auf, seine Kunst nicht zu melden: „Kunst ist nicht nur warm und flauschig. Sie kann alles sein, wie das Leben.“

I make it clear on my page, if you get offended, stay away. I'm not interested in telling you what to do on your own page and am constantly surprised at those who think they can tell me what to do or say based on their opinion. I've noticed Trolls have no friends, often private profiles, or post nothing of interest, but feel obliged to scour IG and the net to find things to get upset by   Who has the time for that shit? No wonder no one likes them!            I believe very strongly in free speech, but I never go to other people's pages for the sole purpose of telling them I don't like what they have to say, that is some fucked up shit   I certainly don't report anything! I'm fine with people not liking what I do or what I have to say, but you see something you don't like? Move along, don't report it. There are plenty who do like it, so what's the big deal?  I like to encourage debate, from all sides, but if you cannot argue your point, then go and read some books to help you learn. Art is not just warm and fuzzies, it can be all things, just like life, which if done right, it reflects. I'm happy if you feel something, good or bad, as long as you think about it, talk about it or just look away, y'know, like grown ups.

Ein von @colinchristian gepostetes Foto am

Sex

Dass Facebook und Instagram etwas gegen weibliche Brustwarzen haben, ist längst bekannt. Das Zeigen von Nippeln ist in den USA stark verpönt und die sozialen Medien unterstützen den Kurs. Das führte sogar dazu, dass Gemälde oder Aufklärung zum Thema Brustkrebs aus den Netzwerken gelöscht wurden. Ein Video, in dem eine Frau ihre Vagina entblößt, wird bei Youtube allerdings gezeigt. Das Videoportal von Google hatte das Filmchen einer Künstlerin, die sich unten ohne vor ein Akt-Gemälde von Courbet in Paris setzte und die Beine spreizte, selbstredend zunächst entfernt, berichtet das Kunstportal Artfido. Zensierte Kopien davon gibt es mehrere bei Youtube. Doch nach Protesten, dass es sich dabei um Kunst handele, ist das unzensierte Video wieder frei zugänglich, wird aber als Ab-18-Video markiert. Ob das nun Kunst ist oder einfach nur Porno, wird in den Kommentaren ausgiebig kommentiert. Ein Teil der Kunst ist aber sicher auch die Empörung. Man möchte meinen, die Performance lebt in diesem Fall vor allem von der unbeholfenen Reaktion der Museumswärterin, die sich schützend vor die Künstlerin stellt.

 

Ein Post auf der shz.de-Facebook-Seite zum Thema Brustwarzenzensur wurde nicht als Kunst gewertet (vielleicht weil niemand etwas in französischer Sprache dazu erzählte, das macht quasi alles zur Kunst). Es wurde als anstößig angesehen und entfernt, die gesamte Redaktion, also die Admins der Seite, musste sich daraufhin eine Belehrung zum Thema Nacktheit ansehen und bestätigen, dass man sonst keine Nacktbilder veröffentlicht habe und es auch nie tun würde. Niemals.

Auch bei der Initiative „Pink Ribbon Deutschland“ wurde ein Nippel-Post gelöscht.

Vor kurzem haben wir ein Foto gepostet, bei dem diese mutige Frau ihre nackte Brust zeigte, um mehr Bewusstsein für...

Posted by Pink Ribbon-Deutschland on  Dienstag, 8. März 2016

Wer seine Bilder behalten möchte, zensiert also lieber selbst. Kim Kardashian versieht ein viel diskutiertes Nackt-Selfie mit schwarzen Balken. Sie sorgt trotzdem für Aufsehen und Kritik.

When you're like I have nothing to wear LOL

Ein von Kim Kardashian West (@kimkardashian) gepostetes Foto am

Wir können getrost davon ausgehen, dass Hassan Rouhani, seines Zeichens Präsident im Iran, den anstößigen Post nicht gesehen hat. Aber er hat auch die Antikensammlung in Rom nicht gesehen. Bei seinem Besuch in Italien wurden die nackten Skulpturen hinter grauen Wänden versteckt, um ihn nicht zu brüskieren. Das Internet hat also kein Monopol darauf, sittliches Empfinden vor der Kunst zu schützen. Dieser vorauseilende Gehorsam - denn Rouhani hatte die Zensur keinesfalls eingefordert - betrifft selbst Kunstkenner.

Im Museum in Rom wurde der Blick auf nackte Statuen verstellt.

Im Museum in Rom wurde der Blick auf nackte Statuen verstellt.

Foto: dpa

Muss man sich also immer nach dem Empfindsameren richten? Eine Facebookseite aus dem Iran, bei der Frauen Fotos von sich ohne das obligatorische Kopftuch zeigen, sagt nein. Und fordert westliche Politikerinnen, die den Iran besuchen, dazu auf, ihre Haare zu zeigen. Das wird dort als Affront gewertet und von der Sittenpolizei überwacht. Offenbar gibt es eine App, die iranische Frauen vor Kontrollen der Wächter warnt.

Please share our message with your friends, this is not about hijab it is about human dignity...به مناسبت روز جهانی زن...

Posted by ‎ My Stealthy Freedom آزادی یواشکی زنان در ایران‎ on  Dienstag, 8. März 2016

Tod und Gewalt

Es gibt auch Formen von (Sebst-)Zensur, die aus einer besonderen Verantwortung heraus gemacht werden. Auf shz.de zeigen wir normalerweise keine Bilder von Toten, auch nicht von zugedeckten Leichen. Diese Selbsteinschränkung geschieht aus Respekt vor den Verstorbenen und deren Angehörigen. Das Foto des toten Flüchtlingsjungen Aylan am Strand zeigten wir dennoch, allerdings nicht ohne Diskussion. Es war im vergangenen Jahr auch in sozialen Netzwerken viel zu sehen. Wir berichten nicht über Selbstmorde, da es laut Expertenmeinung dazu führen könnte, dass suizidgefährdete Personen durch solche Nachrichten einen fatalen Entschluss fassen könnten. Dieser Effekt, dass die Selbstmordrate nach Berichten ansteigt, ist nach dem Goethe-Roman als Werther-Effekt benannt.

Auch im Netz gibt es Ansätze, solche Themen sensibel zu handhaben. Gewaltvolle Videos werden bei Facebook zum Teil hinter einer Art Warnung „versteckt“, so dass der Nutzer selbst entscheiden kann, ob er sich den Inhalt ansehen möchte. Wer bei Instagram nach #selfharm (Selbstverletzung) sucht, wird nicht fündig.

Politik

 

Dass sich die Medien an den Pressekodex halten, nachdem man die Nationalität oder Religion eines Straftäters nur dann nennt, wenn man das Verbrechen dadurch besser versteht, wird von einigen als Zensur angesehen und kritisiert. Staatlich verordnet ist diese Einschränkung nicht. Entsprechend halten sich auch zahlreiche Blogs und Online-Magazine nicht daran und setzen gerade darauf, Straftaten von Minderheiten aufzulisten und so miteinander in Verbindung zu setzen. Und auch dieses Verhalten, dass teilweise darauf abzielen soll Ressentiments zu schüren, wird kritisiert.  

Doch es gibt auch Fälle, in denen das Gesetz gegen Volksverhetzung zur Anwendung kommt. Im Januar wurde die Neonazi-Seite „Altermedia“ aus dem Internet genommen. Darüber sollen die Betreiber massenhaft und systematisch rechtsextremes und nationalsozialistisches Gedankengut verbreitet haben. Es gab Berichten zufolge Gewaltaufrufe gegen in Deutschland lebende Ausländer und  Menschen anderen Glaubens. Auch der Holocaust wurde geleugnet. Doch die Sperrung einer Seite bedeutet nicht, dass auch Inhalte nicht mehr vorkommen. Wie Heise Online berichtet, wanderten die verprellten Rechten in das Netzwerk VK (V-Kontakte) ab.

Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) schätzt, dass es kein weiteres rechtsextremes deutsches Forum mehr gibt. Dennoch sind Seiten abrufbar, die das Gedankengut verbreiten. Es gibt sogar eine rechtsextreme Form von Online-Enziklopädie. Diese ist zwar in Deutschland abrufbar, wird aber beispielsweise bei der Google-Suche nicht aufgelistet. 

Doch auch bei politischen Themen gibt es eine Kunstfreiheit: So bekam der Künstler Jonathan Meese juristischen Ärger, weil er bei Performances den Hitlergruß zeigte. Im Prozess in Kassel wurde er freigesprochen, spätere Ermittlungen wurden eingestellt. Meese habe den Hitlergruß mit der stereotypen Verwendung „in den Bereich des Lächerlichen gezogen“ und nicht den Eindruck einer Identifikation erweckt, so der Oberstaatsanwalt.

Religion

Blasphemie. Ein Verbrechen ohne Opfer. Allein diese Aussage könnte den religiös stark Empfindsamen schon ärgern. Aber sind Religionen über jegliche Kritik erhaben? Eine Zensur provoziert man in Deutschland meist nicht, der Paragraph, der Religionsgemeinschaften vor Beschimpfungen schützen soll, wird selten angewandt. Die sogenannte westliche Welt hat sich säkularisiert. Häretiker haben schon länger nichts zu mehr fürchten vor der Institution Christentum. Kirchenkritik sorgt zwar immer wieder für Gegenkritik, wenn zum Beispiel das Satiremagazin Titanic eine gelbbefleckte Soutane zeigt und damit das Vatikan-Leck persifliert. Auch werden Leute, die den Monty Python-Kult-Hit „Das Leben des Brian“ ausgerechnet am Karfreitag öffentlich vorführen, mit einer Geldstrafe belegt. Doch insgesamt mag man meinen, Blasphemie perlt am Christentum weitestgehend ab. Außer man zerreißt Bibeln auf einer Bühne, wie der Musiker Adam Nergal Darski in Polen. Aber auch der konnte sich mit dem Argument der Kunst vor einer Haftstrafe drücken.

Wer provozieren möchte, muss sich da wohl anderweitig orientieren (im Wortsinne) und den Islam kritisieren. Die Reaktionen auf die Mohammed-Karikaturen bei Jyllands Posten in Dänemark oder bei dem Satire-Magazin Charlie Hebdo in Paris dürften bekannt sein. Bei Instagram findet man weit anstößigere Beispiele als die genannten. Ein Schwein, das mit Mohammed kopuliert, „putting the ham in Mohammed“. Es bleibt die Frage: Ist es etwas anderes, eine fremde Kultur zu kritisieren? Und: Wie geht man im Internet damit um?

Facebook ist voll von Kritik gegen Moslems, allerdings nur selten im Bereich der differenzierten Auseinandersetzung mit der Religion. Ein Großteil thematisiert nicht den Islam an sich sondern versucht, gegen Menschen dieses Glaubens Stimmung zu machen. Das Soziale Netzwerk hat eine eigene Abteilung in Deutschland geschaffen, die sich mit diesen Kommentaren auseinander setzen soll. Im Kommentarbereich von shz.de ist Islam denn auch eines der Worte, die vor der Freischaltung des Beitrags eine Überprüfung durch die Redaktion erfordern. Dafür müssen wir auch immer wieder Kritik einstecken.

Zensur oder Tabu?

Was ist Tabu, was muss man sensibel thematisieren?

Was ist Tabu, was muss man sensibel thematisieren?

Foto: imago/CHROMORANGE

Welche Aussagen, welche Bilder die Gesellschaft toleriert, ist nicht nur regional unterschiedlich, sondern auch zeitlich. Die Ideen verändern sich stetig und Grenzen werden immer wieder neu abgeklopft. Das führt an der einen oder anderen Stelle wohl unweigerlich dazu, dass Meinungen aufeinander prallen. Das kann Menschen verletzen oder aber von verkrustet-starrem Denken befreien. Problematisch ist es aber, diese Entscheidungen den sozialen Medien zu überlassen. Diese Debatte muss die Gesellschaft führen und nicht das Facebook-Team in internen Sitzungen. Manchmal wird es vielleicht angebrachter sein, nicht alles zu sagen und zu zeigen. Manchmal muss man aber auch schlicht und ergreifend ▀▀▀ ▀▀▀▀ ▀▀▀▀▀.

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erstellt am 11.Mär.2016 | 20:14 Uhr

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