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Dreyklufts Netzwelt : Das Internet geht wirklich kaputt

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Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sind in Gefahr. Die Gründe: Fremdeln und Arroganz, schreibt unser Kolumnist.

Ich denke in diesen Tagen viel über Dinge nach, die Sascha Lobo 2014 gesagt oder geschrieben hat. Knapp zwei Jahre, im Internetzeitalter ist das eine Ewigkeit. Lobo schrieb im Januar 2014, das Internet sei kaputt, und begründete das mit den Snowden-Enthüllungen.

Im Mai legte er nach mit einer Rede bei der Republica, wo er die sogenannte Netzgemeinde beschimpfte, sie sei nicht bereit, für ihre Anliegen zu kämpfen, nicht einmal mit Geld. Sein damals drastisch erscheinendes Beispiel: Für den Schutz der Bekassine, ein Vogel, stehen mehr Ressourcen zur Verfügung als für den Schutz der Freiheitsrechte im Internet.

Und nun haben wir den Salat. Die Netzneutralität ist so gut wie abgeschafft. Mit der Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung wurde ein wichtiges Element der Pressefreiheit – der Informantenschutz – durch Einführung der „Datenhehlerei“ als Straftatbestand schwer beschädigt.

Und die Piraten-Abgeordnete im EU-Parlament, Julia Reda, weist auf Pläne hin, unter dem Deckmantel des Urheberrechts ein Kernelement des Netzes, den Hyperlink, mit großer Rechtsunsicherheit zu belegen. Das geschieht, während die Politik glaubt, dass wir nicht aufmerksam genug sind, weil alle nur über Flüchtlinge reden.

Dass die demokratischen Kernelemente des Internets - Freiheit, Gleichheit aller Daten, Brüderlichkeit durch gegenseitiges Verlinken - gerade unterhöhlt werden, liegt aber auch daran, dass kaum jemand das Internet als politischen Raum begreift, der Demokratie fördern oder zerstören kann.

Dass wir uns mobilisieren lassen, um das Internet politisch zu verteidigen, ist derzeit kaum vorstellbar. Ich beobachte zwei Gründe: Fremdeln und Arroganz. Viele „normale Menschen“ fremdeln noch, sehen das Internet als etwas Fernes oder Bedrohliches. Aktuelles Beispiel: In der Einladung zu einem Medienkongress in Kiel heißt es: „Schleswig-Holstein wird digital. Das ist kaum noch abzuwenden.“ Zu einem Medienkongress!

Und dann die Arroganz: Ich erlebe auf Internetkongressen viele Menschen, die ich als sehr klug und inspirierend empfinde. Sie leben aber nach meiner Beobachtung in einer Blase gestörter Wahrnehmung, in der sie sich selbst und die Ihrigen als Avantgarde sehen und andere als rückständig. So schafft man keine Bewegung, die dafür sorgt, dass das Netz heile bleibt.

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erstellt am 10.Nov.2015 | 17:47 Uhr

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