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Safer Internet Day : Cybermobbing – Die unterschätzte Gefahr

vom
Aus der Onlineredaktion

Immer mehr Menschen werden Opfer von Cybermobbing. Dabei handelt es sich nicht mehr um ein Jugendphänomen.

shz.de von
erstellt am 06.Feb.2017 | 20:20 Uhr

Berlin | Fiese Kommentare auf Instagram, gefälschte Profile auf Facebook oder demütigende Videos bei Whatsapp - Cybermobbing ist vielfältig und tritt immer häufiger auf. Warum ist der Terror im Netz so gefährlich, was treibt Täter an und wie können sich Unternehmen wappnen?

Was ist das Gefährliche am Mobbing im Netz?

Internetmobbing hat eine besondere Dynamik und ist schwer kontrollierbar. Die Inhalte, ob erniedrigende Kommentare, peinliche Nacktfotos oder üble Beleidigungen, verbreiten sich rasant und können quasi jederzeit und überall gespeichert, verändert und weitergeleitet werden. „Mit der Verbreitung des Smartphones ist auch das Cybermobbing viel mobiler geworden. Der Schritt zum Täter wird noch leichter“, sagt Catarina Katzer vom Institut für Cyberpsychologie und Medienethik in Köln. Ein weiteres Problem: Die Anonymität im Netz verringert das Entdeckungsrisiko und führt zu einer niedrigen Hemmschwelle. Zudem sind sich manche Täter der Folgen gar nicht bewusst, da sie diese nicht direkt mitbekommen. „Die Tränen im Netz sehen sie nicht, die Tränen auf dem Schulhof schon“, erklärt Katzer.

Wie verbreitet ist Cybermobbing?

Genaue Zahlen sind schwer zu benennen. Fest steht, dass die Zahl der Fälle zunimmt. Internetmobbing habe sich in den letzten Jahren „wie ein Virus verbreitet“, sagt Uwe Leest, Vorstandsvorsitzender beim Bündnis gegen Cybermobbing. Bereits jeder fünfte Jugendliche wurde schon einmal Opfer von Hassattacken im Netz, wie eine weltweite Online-Studie des Mobilfunkanbieters Vodafone und des Meinungsforschungsinstituts YouGov ergab. Andere Experten gehen sogar von noch höheren Zahlen aus.

Laut einer zweiten kürzlich verbreiteten Studie, hat jeder dritte 12- bis 19-Jährige bereits mitbekommen, dass im Bekanntenkreis jemand im Netz oder per Handy fertig gemacht wurde. Acht Prozent gaben dabei an, bereits selbst Opfer von Cybermobbing gewesen zu sein, Mädchen etwas häufiger (9 Prozent) als Jungen (7 Prozent). Das geht aus der JIM-Studie 2016 („Jugend, Information, (Multi-)Media“) des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest hervor.

„Es ist alarmierend, wenn ein Problem derart präsent ist“, die Menschen aber gleichzeitig reklamierten, dass es nicht ernst genommen werde, sagte der Präsident des Bundesverbandes Digitale Wirtschaft (BVDW), Matthias Wahl, am Montag. Einer BVDW-Umfrage zufolge glauben zwar 91 Prozent der Befragten, dass das Mobbing im Netz ein Problem sei, bei den 18 bis 24-Jährigen liegt der Anteil sogar bei 97 Prozent. Gleichzeitig gaben 87 Prozent aller Befragten an, dass dieses Problem unterschätzt wird.

Welche psychischen und körperlichen Auswirkungen können die Cyber-Gemeinheiten auf junge Leute haben?

„Wir wissen aus der Neurologie, dass die Schmerzzentren des Gehirns auf solche Ausgrenzung und Demütigung reagieren“, erklärt Joachim Bauer, Neurobiologe und Psychotherapeut von der Uniklinik Freiburg.

Das wiederum mache sich entweder durch aggressives oder depressives Verhalten bemerkbar. „Das Selbstwertgefühl wird massiv getroffen, Betroffenen ziehen sich vor Scham zurück.“ Viele würden die Aggressionen aber auch an andere weiterleiten, „sie sind also Opfer und Täter zugleich“.

Problematisch sei, dass Jugendliche soziale Medien als Bühne zur Selbstdarstellung nutzten, um sich ihrer positiven Wirkung zu versichern. „Wenn diese dann zur Plattform der Diffamierung wird, bricht in den Leuten etwas zusammen.“ Eltern sollten deshalb mit ihren Kindern die Chancen und Risiken solcher Portale besprechen, rät der Experte. Auch empfiehlt er, im Netz nicht allzu viel von sich preiszugeben.

Sind nur Jugendliche betroffen?

Nein, Internetmobbing ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, das längst nicht mehr nur Jugendliche trifft. „Man hat das am Anfang immer ein wenig vernachlässigt, weil man dachte, das ist so ein Jugendphänomen“, sagt Katzer. Dabei werden längst nicht nur Jugendliche im Netz gemobbt. „Erwachsene tun sich aber häufig noch schwerer, den Opferstatus anzunehmen und sich Hilfe zu suchen“, sagt Katja Stilz, Expertin für Arbeitspsychologie.

„Sie glauben nicht, aus welchen Altersklassen die Leute bei uns anrufen“, sagt Leest vom Bündnis gegen Cybermobbing.

Und wo mobben Erwachsene hauptsächlich?

Studien zufolge finden 59 Prozent der Attacken im privaten Umfeld statt, etwa wenn Menschen ihre Ex-Partner online stalken oder intime Videos von ihnen verbreiten. Doch die digital geprägte Arbeitswelt lässt eine erhebliche Zunahme der Cybergewalt im beruflichen Umfeld erwarten. Und egal ob bei Jugendlichen oder Erwachsenen, die Motive sind oft Spaß am Fertigmachen, Neid, Frust oder auch die pure Langeweile.

Was treibt Täter an, Arbeitskollegen online fertigzumachen?

Forschungen haben gezeigt, dass Täter überdurchschnittlich oft ein schwaches Empathievermögen und geringes Verantwortungsbewusstsein aufweisen. Zudem haben viele ein überzogenes Selbstbewusstsein bis hin zu einer narzisstischen Persönlichkeit. Stress und Unzufriedenheit, aber auch strukturelle Veränderungen und Angst vor dem Arbeitsplatzverlust förderten das Mobbingverhalten, sagt die Psychologin Katja Stilz. Dann geht es etwa darum, Konkurrenten auszuschalten, die eigene Position zu stärken oder das gekränkte Ego zu streicheln, etwa indem man Dateien von Kollegen löscht oder fiese Gerüchte über das Netz streut. Nicht selten werden übrigens Opfer später selbst zu Tätern.

Was bedeutet das für die Firmen und die Gesellschaft?

„Cybermobbing erzeugt einen enormen volkswirtschaftlichen Schaden. Es hat Auswirkungen auf die Sozialkultur und die Unternehmenseffizienz“, sagt Uwe Leest. Laut einer Studie des Bündnisses gegen Cybermobbing weisen Betroffene etwa fünf Krankheitstage mehr im Jahr auf als ihre Kollegen. Starre Hierarchien in Unternehmen begünstigen übrigens Internetmobbing. Schwächere oder niedriger gestellte Mitarbeiter hätten die Möglichkeit, aus der Anonymität heraus anzugreifen, erklärt Stilz.

Was können Unternehmen tun?

„Leider wird das Thema gerne unter den Teppich gekehrt“, sagt Catarina Katzer vom Institut für Cyberpsychologie und Medienethik. Das sei aber ein Fehler, man müsse ganz offen damit umgehen. Die ersten Firmen sind sich langsam des Problems bewusst, sie haben Kompetenzteams eingerichtet oder bieten anonyme Dienste an, an die sich die Opfer wenden können. „Beim Thema Cybermobbing müssen die Unternehmen null Toleranz zeigen“, sagt Stilz. Wichtig sei auch, die richtigen Leute auf die richtigen Posten zu setzen. Unterforderung und Überforderung seien maßgebliche Ursachen für Internetmobbing.

Wer soll Kinder über Sicherheit im Netz aufklären?

Für drei Viertel der Befragten (74 Prozent) der BVDW-Studie sind die Eltern in erster Linie dafür verantwortlich, ihre Kinder über Sicherheit im Netz aufzuklären. Deutlich seltener werden Schule (9 Prozent), Internetanbieter (7 Prozent) und Bundeseinrichtungen (6 Prozent) genannt.

Das Deutsche Kinderhilfswerk fordert dagegen ein stärkeres schulisches Engagement - und eine bessere strafrechtliche Verfolgung von Cybermobbing. „Die Schule ist neben den Familien und dem sozialen Umfeld einer der wichtigsten Orte der Mediensozialisation“, erklärte der Verein. Hierfür müssten Bund und Länder eine bundesweit flächendeckende Förderstruktur von Medienkompetenzprogrammen aufbauen.

Am Safer Internet Day, der seit 2008 am zweiten Tag der zweiten Woche des zweiten Monats im Jahr stattfindet, soll das Bewusstsein für mehr Sicherheit im Umgang mit modernen Kommunikationsmitteln geschärft werden. In Deutschland koordiniert die EU-Initiative klicksafe.de die Aktivitäten. Hierzulande steht das Thema Internetmobbing im Fokus. Den Safer Internet Day gibt es in mehr als 100 Ländern. Das weltweite Motto 2017 lautet „Be the change: Unite for a better internet“.

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