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Spam-Mails und falsche Ware : Cyber-Stalking – Wenn der Paketbote Ärger bringt

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Rund 50 Lieferungen und 200 Spam-Mails das ist die Bilanz eines Stalkingfalls aus dem Kreis Ostholstein. Die Polizei ist machtlos.

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erstellt am 30.Jan.2016 | 05:00 Uhr

„Wir haben gute Neuigkeiten für Sie, Ihre Bestellung wurde vor wenigen Augenblicken versandt und trifft sicherlich jetzt schon bald bei Ihnen ein“ – so optimistisch bestätigt ein Online-Versandhändler den Kauf eines schwarzen Kunstlederrocks in den Größen S und L. Ob die Nachrichten gut sind, bewertet Torsten Schwartz (Name von der Redaktion geändert) anders. Seit zwei Monaten rechnet der Unternehmer aus dem Kreis Ostholstein jeden Morgen mit neuen Bestellbestätigungen im E-Mail-Postfach. Bestätigungen darüber, dass demnächst schon wieder eine große Ladung Kondome, Viagra-Pillen, Pflastersteine oder eben schwarze Kunstlederröcke an seine Firmenadresse geliefert werden, fluten das Postfach. Insgesamt rund 50 solcher Lieferungen gab es bereits, dazu rund 200 Spam-Mails. Dabei haben weder Schwartz selbst noch seine Mitarbeiter diese Dinge im Internet geordert. Der Unternehmer wird  von einem Unbekannten drangsaliert.

Beim Cyber-Stalking werden das Internet oder andere digitale Kommunikationsmedien instrumentalisiert, um das Opfer psychisch unter Druck zu setzen oder ihm in anderer Form zu schaden. Die Polizei hat – insbesondere bei Stalking via Internet – wenig Handhabe.

Anzeige erstatten, Rat bei einem Rechtsanwalt suchen und gesammelte Hinweise vorlegen – das sei ein sinnvoller Weg, rät Uwe Keller, Sprecher des Landeskriminalamtes (LKA) in Kiel. „Präventiv kann man wenig machen.“ Grundsätzlich griffen beim Stalking via Internet all diejenigen Schutzmechanismen wie eine Schutzanordnung, einstweilige Verfügung oder Schadenersatz, die für Stalkingfälle geschaffen wurden. „Das Stalking stellt sich vielmehr sowohl online als auch offline relativ ähnlich dar“, auch wenn die Online-Variante möglicherweise bei der Verfolgung der Taten zusätzliche Hürden bereithalte: „Man benötigt dafür in der Regel natürlich eine handelnde Person“, sagt Keller.

Und insbesondere da liegt häufig das Problem. Um die Internetkommunikation und die eigene Identität zu verschleiern gibt es verschiedene Möglichkeiten. Meist wollen Nutzer aus Sicherheitsgründen nicht, dass ihre Wege im Netz ohne Weiteres nachverfolgbar sind. Auch im Fall Schwartz scheint der Stalker ganze Arbeit geleistet zu haben: „Die Polizei kann nichts machen, sagt sie“, man hätte versucht, den Täter mittels der von ihm bei der Bestellung mitgesendeten IP-Adresse (sozusagen die Identifikationsnummer für Teilnehmer am Internetverkehr) nachzuverfolgen, sagt Schwartz. Das Ergebnis: Mal wurde die Bestellung über Server in Kanada, mal über Polen oder Tschechien umgeleitet.

In dem Umfeld, in dem der Stalker sich anonym bewegen kann, brauchen Unternehmer wie Schwartz ein Profil, müssen öffentlich auftreten mit einer Internetseite, die mindestens Kontaktdaten enthält. Zusätzlich könnte der mutmaßliche Stalker über Briefe und Abmahnungen, die Schwartz verschickt, an die nötigen Daten – darunter auch die Bankverbindung des Unternehmens – herangekommen sein. Ein Hinweis, der Schwartz den Stalker im näheren Umfeld seiner Firma vermuten lässt. „Wir haben auch einen Verdacht.“ Ärgerlich: „Die Online-Händler buchen natürlich ab“, sagt Schwartz. Und für ihn beginnt die Rennerei: Kontobewegungen rückgängig machen, unbestellte Pakete zurücksenden und immer wieder der Gang aufs Polizeirevier. Inzwischen werde Schwartz beinahe jeden zweiten Tag bei der Polizei vorstellig, berichte den Beamten von neuen Vorkommnissen, liefere Beweise ab. Alles in allem „ein Riesen-Aufwand.“ Es sei wichtig, dass der Betroffene die einzelnen Vorfälle äußerst penibel dokumentiert, sagt Keller. Warenlieferungen sollten nicht angenommen werden. „Denkbar wäre aber auch das Ändern der Bankverbindung sowie der telefonischen und ähnlichen Erreichbarkeiten“, sagt Keller. Ein Wechsel des Wohnortes oder Firmensitzes könnte in vielen Fällen jedoch einer Art „Bankrotterklärung“ gleichkommen.

Für Schwartz ist klar, dass er den Kopf nicht in den Sand stecken und weiterkämpfen wird – ohne dabei seinen Humor zu verlieren: „Wenn es nach den Spam-Mails geht, habe ich außerdem in letzter Zeit viele Aktiendepots eröffnet“, sagt er. Nur Geld anlegen wolle niemand in seinem Namen.

>Tipps gibt es in einer Broschüre des Rats für Kriminalitätsverhütung SH zum Thema Stalking oder vom Weißen Ring SH.

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