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Nagars Netzwelt : Clickbait: Wenn der Köder bitter schmeckt

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Sie wollten so gern erfolgreich sein. Doch was dann passierte, erzeugte einen ekelhaften Beigeschmack.

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erstellt am 21.Aug.2015 | 02:45 Uhr

Eine Strategie, massenhaft Aufmerksamkeit zu erhaschen, ging bei TV Movie nach hinten los. Die Fernsehzeitung bestreitet ihre Facebook-Seite mit ausdauernder Penetranz mit sogenannten Clickbaits (englisch für Klickköder). Das ist eine in sozialen Medien genutzte Form, um Leser derart neugierig zu machen, dass diese zombiegleich auf den angegebenen Link klicken. Beispiele findet man täglich auf heftig.co. „Dieser japanische Arzt sagt endlich die Wahrheit! Ich habe mich gekringelt!“ oder  „Die Mutter postet dieses Foto auf Facebook. Was 24 Stunden später passiert, überrascht alle!“

Doch manchmal ist eine allzu plakative Werbung unangebracht, spätestens dann, wenn es um ernstere Themen geht, wie beispielsweise die Krankheit des Moderators Roger Willemsen. „Einer dieser Moderatoren muss sich wegen einer KREBSERKRANKUNG zurückziehen“, schrieb das Portal in Verbindung mit einer Fotokombi aus Stefan Raab, Roger Willemsen, Günther Jauch und Joko Winterscheid.

Nun kursiert das alte Journalisten-Sprichwort, der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler. Doch diesmal schmeckt er bitter. Nicht nur wird die Erkrankung Willemsens banalisiert und für Eigen-Marketing genutzt, auch Sorgen um die drei Moderatoren Raab, Jauch und Winterscheid zu schüren, ist geschmacklos. Auf den daraufhin hereinbrechenden Shitstorm reagierte TV Movie mit der Löschung des Beitrags und einer Entschuldigung.  Auf Twitter ist er noch zu sehen. Bildblog dokumentierte alle Beiträge.

Das ist nach gängiger Medienexpertenmeinung auch die richtige Reaktion auf gerechtfertigte Massenkritik. Doch dann das: Bei Wikipedia wird der kritische Abschnitt über den Facebook-Post mehrfach aus dem Eintrag zu TV Movie gelöscht. Die IP des Kritikkillers wurde daraufhin gesperrt, sie gehört übrigens der Bauer Media Goup. Darüber hinaus bleibt die Redaktion ihrem Stil treu und wirft weiter digitale Köder aus, wenn auch zu weniger sensiblen Themen. „Hey, lustige Idee, ein Clickbait-Rätsel. Habt ihr damit gute Erfahrungen gemacht?“, kommentiert Medienjournalist Stefan Niggemeier trocken unter einem Beitrag zum Thema Animationsfilme. Andere Facebooknutzer haben es sich zur Aufgabe gemacht, die jeweilige Antwort in den Kommentaren zu spoilern „damit niemand klicken muss“.

Das ist auch die Idee eines Autors von Yahoo Tech. Er verrät mit Vorliebe billige Klickköder, vor allem von Huffington Post und Upworthy – und er sieht den Zenit des Clickbaiting überschritten. Denn allzu oft hält die erzählte Geschichte den geschürten Erwartungen nicht stand und viele Leser durchschauen die manipulative Art mittlerweile und klicken bewusst nicht. Seine Köder-Zeile: „Er hasste Clickbait-Zeilen so sehr, du wirst nie glauben, was er tat, um sie zu spoilern.“ Und da wir grad dabei sind: Eine dieser Facebookseiten verliert gerade reihenweise Fans: … ach ne, lassen wir es einfach.

Der Grund, warum Clickbaiting so erfolgreich ist, liegt in der Psychologie der Leser: Dadurch, dass die Aussage nicht geschlossen wird, wird die Erwartung geweckt, es entsteht ein sogenannter Loop. Es ist in etwa so, als würde man eine Aussage mitten im Satz...

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