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Streifzüge durchs Web : Chinas digitales Dorf

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Musik- und Filme herunterzuladen, ist hier völlig legal. Die größte Suchmaschine ist nicht Google, sondern Baidu. Und Facebook heißt hier Qzone. Ein Besuch in Chinas Version des Internets.

shz.de von
erstellt am 21.Nov.2010 | 04:32 Uhr

Vieles im "Reich der Mitte" ist anders. Und dies gilt auch in der Welt von Bits und Bytes. Hinter dem "Goldenen Schild", wie Chinas Internet-Zensur auch genannt wird, hat sich ein eigenes, ein "chinesisches" Internet etabliert: oft etwas bunter, etwas schriller, als Betrachter dies von Seiten im Westen her gewohnt sind. Während in Deutschland etwa noch über Tauschbörsen, Filesharing-Plattformen und Raubkopien diskutiert werden, offenbart das Internet seinen chinesischen Nutzern eine vollkommen andere Welt. Dort dominiert die Kostenlos-Kultur – und dies vollkommen legal und mit Einwilligung der großen Musik- und Medienkonzerne. Generell gilt dabei: Der Rest der Welt muss draußen bleiben.
Seit fast zwei Jahren betreibt der Suchmaschinen-Riese Google beispielsweise einen eigenen Musik-Dienst. Ein Service – exklusive für die Volksrepublik China. In Kooperation mit den großen Musikkonzernen (darunter Universal und Warner Music) können sich chinesische Nutzer an Musik herunterladen, was das Herz begehrt. Die Pop-Diva Lady Gaga ist ebenso im Angebot wie Stücke des Partysängers Mickie Krause. Immerhin: Rund 1,1 Millionen Songs soll "Google Music" dem Nutzer in China gemeinsam mit dem Portal Top100.cn bereitstellen. Finanziert wird das Angebot durch Werbung. "Auf Grund des anscheinend anderem Verständnis vom geistigem Eigentum in China ist die Industrie diesen Weg gegangen", erklärt York-Simon Johannsen von der Piratenpartei Schleswig-Holstein diesen Schritt der Industrie. Kein Wunder: Rund 90 Prozent der sonstigen Downloads in der Volksrepublik sollen illegal sein. Dass die Industrie nun mit kostenlosen, werbefinanzierten Angebote reagiere, befürworte seine Partei, so Johannsen. Er verweist darauf, dass die Abmahnkultur für illegale Downloads in China nicht so wie im Westen existiere. Daher sei dieser Markt auch nicht lukrativ. "Somit blieb nur die Einsicht, dass man eine Gesellschaft nicht in die Zwänge der Contentindustrie klagen kann", so Johannsen. "Software, Musik, und andere Dinge die viel kopiert werden, werden dort als gut und erfolgreich angesehen, was einen enormen Bekanntheitsgrad verursacht." Darin liege dann auch der Nutzen für den Künstler und die Verlage.
Chinas Antwort auf Facebook zählt 380 Millionen Nutzer
Bei der Filmindustrie sieht die Entwicklung in China ähnlich aus. Chinesische Portale wie Youku und Tudou sind heute für einen großen Teil des gesamten Datenverkehrs im Internet verantwortlich. Was im Falle von Youku dabei einst mehr oder weniger als Kopie des im Westen bekannten und inzwischen in China gesperrten Video-Portals YouTube begann, hat sich heute vor allem auf professionell produzierte Filme spezialisiert. Verträge mit 1500 Medienpartnern sichern die Inhalte. TV-Stationen sowie Filmproduktionsfirmen und Vertriebe gehören zu den Lieferanten. TV-Serien gehören ebenso zum Programm wie Dokumentationen und Spielshows. Kaum ein in China aktueller großer Kinofilm, der sich nicht auch auf Youku ansehen lässt. Und dies in der Mehrzahl der Fälle legal – und wohlgemerkt: nur in China. Nutzer außerhalb der Volksrepublik dürfen nur bedingt auf das Angebot zugreifen, im Zweifelsfall werden sie aufgrund ihrer IP-Adresse geblockt.
Ein Blick auf das Internet der Volksrepublik zeigt, wie schnell das digitale Netz seinen globalen Charakter verliert. Gerade bei den sogenannten Social-Networks wird dies offenkundig. Während die Plattform Facebook vor allem in Europa und den USA höchst prominent ist und inzwischen eine halbe Milliarde Mitglieder zählt, spielt das Netzwerk in China heute keine besondere Rolle. Die Seite ist im "Reich der Mitte" gesperrt und nur auf Umwegen zu erreichen. Andere Portale gegeben stattdessen den Ton an. Allen voran: Qzone. Rund 380 Millionen Nutzer sollen bei dem sozialen Netzwerk registriert sein. Es folgt Facebook damit auf dem Fuß. Nur: die 380 Millionen Nutzer von Qzone stammen fast ausnahmslos aus China. Portale wie RenRen, die ebenfalls über hundert Millionen Mitglieder verzeichnen, ergänzen das Angebot bei den chinesischen Online-Communities.
Chinesische Bedürfnisse
Gesperrt, kopiert - so scheint oft das Motto zu gelten, geht es um das spezielle Angebot für die Volksrepublik China. Eine funktionierende Internetseite westlichen Ursprungs wird gesperrt und eine chinesische Kopie künftig verwendet. Ganz so einfach ist es jedoch nicht. Zwar gibt es längst fast ein Dutzend Seiten im chinesischsprachigen Netz, die überhaupt keinen Hehl daraus machen, Anleihen an Google genommen zu haben. Auch Baidu wirkt auf den ersten Blick wie eine Kopie der berühmten Suchmaschine. Doch wer in China im Internet sucht, der tut dies eben mit Baidu und nicht mit Google. Bereits vor dem Streit zwischen dem Suchmaschinen-Riesen und der chinesischen Regierung lag Baidu im "Reich der Mitte" vorn. Ein Grund war, dass Baidu auch die Links zu illegalen MP3 im Netz finden konnte. Ein anderer Grund: die chinesische Sprache. Die chinesische Lautschrift etwa schon bei der Eingabe in die zugehörigen Schriftzeichen zu transformieren ist für Baidu eine Kleinigkeit.
Und dennoch: Gefunden wird auch mit Baidu oft nur das, was gefunden werden darf. Seit 2002 arbeiten chinesische Behörden am Projekt "Goldener Schild". Das Ziel ist es, die Zensur im klassischen Sinne durch ein technologisch ausgereiftes Netzwerk zur digitalen Überwachung zu ersetzen. Geschätzt wird, dass die chinesische "Internetpolizei", die sich um die Umsetzung kümmert, bis zu 1,9 Millionen Mann stark ist. Wenngleich Artikel 35 der chinesischen Verfassung Meinungs- und Redefreiheit garantiert, so entspricht dies doch nicht den tatsächlichen Gegebenheiten. Meist werden Unruhen, wie jene in der uigurischen Provinz Xinjiang, als Vorwand für die Beschränkungen verwendet. Wie erfolgreich die Zensur, von der ganz China mit Ausnahme der Sonderverwaltungszonen Hongkong und Macau betroffen ist, letztlich umgesetzt wird, lässt sich kaum sagen. Denn gerade die junge Generation, die über einen entsprechenden Bildungsstand verfügt, ist in China meist in der Lage mit Equipment und Wissen die Zensur zu umgehen. Sprachspiele, bei denen gleichlautende Zeichen verwendet werden, um heikle Themen wie das "Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens" zu beschreiben, sind dabei noch das einfachste Mittel. Entsprechende Software um die Barrieren auszuhebeln, sind mehr Regel als Ausnahme.

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