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Voß' Netzwelt : Chat-Gruppen: Die digitalen Hinterzimmer

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In Chat-Gruppen hat man noch die Chance auf ein Gespräch, sagt unser Autor. Woanders wird es schwieriger.

Im Hinterzimmer ist es gemütlich. Zigarren qualmen. Man prostet sich mit einem Likörchen zu. Man kennt sich. Was im Hinterzimmer passiert, bleibt im Hinterzimmer. Mein digitales Hinterzimmer sind meine Chat-Gruppen. Das sind zwei bis drei Gruppen mit jeweils einer Hand voll Leute. Mehr brauch ich nicht.

Die Zeiten sind irgendwie vorbei, dass ich alles öffentlich bei Twitter oder auf Facebook aushandeln musste – mal ganz abgesehen, dass das noch nie jedermanns Sache war. Mit mir persönlich wichtigen Menschen konnte ich da noch nie reden.

Sie mögen einwenden: „Schöner Gedanke – nicht mehr alles immer öffentlich zu schreiben. Aber ist es nicht ein wenig widersinnig, wenn Sie das in der Kolumne für ein großes Medienhaus schreiben?“ Sie haben natürlich recht – gut, dass Sie so genau mitdenken beim Lesen. Verschiedene Medien haben verschiedene Eigenschaften.

In meiner Kolumne kann ich meine Ideen maximal verteilen – ohne Widerworte. Zumindest habe ich bisher erst einmal eine Leserzuschrift bekommen, und die war auch noch zustimmend. In meinem Blog ist es viel weniger öffentlich. Aber da hinterlassen Freunde und Bekannte ab und zu ihre Kommentare. Auf Facebook entstehen manchmal Gespräche. Aber nie über drei Kommentare lang. Ähnlich ist das auf Twitter.

Im Chat dagegen ist es ein direktes Gespräch. Nicht immer hat dieses Gespräch ein Thema. Manchmal ist es auch nur ein lustiges Bild, das darüber hinaus noch sagt: „Hallo, ich bin da!“ Kopräsenz nennt das die Wissenschaft. Man ist zwar gerade nicht zusammen, aber trotzdem ist man füreinander da. Ich finde, dass das eine sehr schöne Sache ist. Also zumindest in der Art und in dem Umfang, wie ich das zurzeit habe.

Es soll ja Menschen geben, die WhatsApp-Gruppen mit ihrer gesamten Familie und dem halben Land haben. Das ist der Hauptgrund, warum ich kein WhatsApp habe. Neulich traf ich jemanden, bei dem bimmelten die WhatsApp-Nachrichten im Sekundentakt.

Sorry, das ist mir zu viel. Ich fühl mich wohl in meinem Hinterzimmer.

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erstellt am 03.Feb.2017 | 19:03 Uhr

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