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Voss' Netzwelt : Angst vor der Sichtbarkeit

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In der modernen Gesellschaft hat sich die Grenze zwischen Anonymität und Transparenz verschoben. Im Internet noch nicht.

Ritze, Ratze. Mit den Fingern meiner Kinderhand kratze ich über die Rillen der Milchglasscheibe. „Es ist Glas, aber man kann nicht durchgucken,“ denke ich, drücke meine Nase dagegen und frage meine Oma „Warum kann man nicht durch die Ladentür durchgucken?“ Sie erklärt mir, dass die Kunden nicht wollen, dass die Leute auf der Straße sehen, was sie kaufen. Das leuchtet mir nicht ein – meine Oma verkauft Hüte und Mützen. Was ihre Kunden kaufen, sieht man hinterher auf ihren Köpfen!

Doch damals war das so: Die ganze Einkaufsstraße hoch und runter hatten die Geschäfte alle große Schaufenster, die über und über mit Waren voll gestellt waren. In den Verkaufsraum konnte man aber nicht sehen.

Heute sieht die Einkaufsstraße ganz anders aus: Die Läden haben eine durchgehende Fensterfront, die im Sommer komplett aufgeklappt wird und die Ware steht bis auf die Straße. Nicht selten probieren die Kundinnen die Oberteile direkt zwischen den Kleiderständern an. Niemand mokiert sich.

Es ist nicht nur unser Verständnis von Privatheit, das sich verändert hat, wir sind auch eine liberalere Gesellschaft geworden. Niemand kann ernsthaft hinter unserem Rücken lästern, weil er uns in einem Geschäft mit einem unpassenden Hut gesehen hat. Das interessiert schlicht niemanden mehr.

Ähnliche Effekte gibt es im Internet: Früher wollten da alle anonym sein. „Im Internet weiß niemand, dass Du ein Hund bist“ lautet der Untertitel einer Karikatur aus den frühen 1990ern. Auf dem Bild sitzt ein Hund vor einem Computer. Vielen Menschen macht es auch heute noch Angst, dass irgendetwas über sie im Internet gefunden werden könnte: Die Information, bei welcher Firma sie arbeiten, oder dass sie auf einem Foto von einer Veranstaltung zu sehen sind, die sie besucht haben. In der Regel wissen viele Leute diese Dinge aber auch ohne das Internet. Ich bin immer wieder erstaunt, dass ich über Freunde aus der Schulzeit keinerlei Hinweis auf ihre Existenz im Internet finde. Dabei weiß ich doch, dass sie existieren!

> Steffen Voß ist Blogger aus Kiel.

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