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Kommentar zum Hackerangriff auf den Bundestag : Angst macht unsere Datennetze angreifbar

vom
Aus der Onlineredaktion

Die Anti-Verschlüsselungs-Hysterie der Regierung treibt uns in die Hände von Hackern, kommentiert Joachim Dreykluft.

von
erstellt am 12.Jun.2015 | 16:43 Uhr

In der Geschichte der Kriegsführung gibt es ein interessantes Phänomen: Es gibt Phasen, in denen Angriffswaffen drückend überlegen sind. Die schnellen Erfolge der ersten napoleonischen Feldzüge sind nur so zu erklären. Und es gibt Phasen, in denen Abwehrwaffen nahezu unschlagbar sind. Die jahrelangen Grabenkämpfe des Ersten Weltkriegs zeigen das.

Der gedankliche Umweg über die klassische Kriegsführung hilft zu verstehen, was gerade passiert, wenn wir über Angriffe auf das Datennetz des Bundestags reden. Angriffswaffen scheinen im Cyberkrieg weitaus effektiver zu sein als Verteidigungswaffen.

Jetzt kann man durchaus vermuten, dass die Bundestagsverwaltung ohnehin nicht besonders gut ist in der Abwehr von Netzangriffen. Dafür spricht, dass die Schadsoftware über den nicht besonders kreativen Weg einer E-Mail ihren Weg gefunden hat. Und dass nach vier Wochen immer noch nicht klar, ist, ob „nur“ Software- oder auch Hardwarekomponenten betroffen sind. Man kann auch vermuten, dass nicht Russen, sondern Briten oder Amerikaner dahinter stecken. Dafür spricht das Herumeiern von Bundesregierung und deutschen Geheimdiensten.

Aber selbst, wenn alles optimal gelaufen wäre, muss man wohl konstatieren: Dieser Kampf ist so nicht zu gewinnen. Denn selbst die US-Regierung, wohl im Besitz der stärksten Cyberwaffen der Welt, kann ihre eigenen Server nicht schützen. 14 Millionen Datensätze von jetzigen oder früheren Regierungsangestellten sind abgesaugt worden, einschließlich Gehaltshistorie, Gesundheitsdaten und Militäreinsätzen.

Befürchtet wird nun, dass diese Menschen erpressbar sind von ausländischen Geheimdiensten. In den USA wird eine Angriffsvariante diskutiert: Lokalisieren der Server der angreifenden Gegenseite und anschließend Verändern der Daten oder sogar Zerstörung der Hardware.

Der US-Internet-Sicherheitsexperte Bruce Schneier meint, es gebe nur ein Feld, auf dem die Verteidigung heute stärker sei als Angreifer: Verschlüsselung. Zwar sei keine Verschlüsselung absolut sicher. Aber im Rüstungswettlauf habe der Verschlüsseler bessere Karten als der Angreifer.

Der Staat müsste also ein Interesse daran haben, die Verbesserung von Verschlüsselungssystemen massiv zu fördern - für die eigene Sicherheit, aber auch für die seiner Bürger und Unternehmen. Denn wenn die Daten auf einem Server und während der Datenübertragung effektiv verschlüsselt sind, kommt es nicht so sehr darauf an, ob sie vielleicht gehackt werden. Der Angreifer kann nichts mit ihnen anfangen.

Das Problem: Diejenigen, die uns vor Hackern schützen sollen, Regierung und Geheimdienste, haben Angst vor Verschlüsselung. Denn nicht nur die Guten könnten dann effektiv verschlüsseln, sondern auch die Bösen, etwa Terroristen. Behörden müssten befugt und in der Lage sein, verschlüsselte Kommunikation zu entschlüsseln, „wenn dies für Ihre Arbeit und zum Schutz der Bevölkerung notwendig ist“, sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière im Januar. Auch der SPD-Teil der Regierung teilt diese These. Aber niemand kann sich darauf verlassen, dass die Nachschlüssel wirklich bei den Behörden bleiben. Auch das zeigt der Angriff auf den Bundestag.

Ein Land, das sich und seine Bürger effektiv schützen will, muss Verschlüsselung fördern, nicht verdammen. Theoretisch sinkt dadurch die Gefahr, terroristische Gefahren aufzudecken. Die Angst, dann nicht alles Mögliche getan zu haben, treibt Politiker in ihre Anti-Verschlüsselungs-Hysterie. Die Stimmung dürfte spätestens dann drehen, wenn uns durch einen vermeidbaren Hackerangriff das Stromnetz um die Ohren fliegt. Oder eine Chemiefabrik.

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