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Weicherts Netzwelt : Algorithmen-Tüv ja, aber bitte wie?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Computerprogramme werden immer schlauer und weniger kalkulierbar. Dafür muss es Regeln geben.

Im Jahr 2000 schrieb Lawrence Lessig einen kurzen Aufsatz mit dem Titel „Code is Law – On Liberty in Cyberspace“, deutsch „Algorithmen sind Gesetz – über die Freiheit im digitalen Raum“. Darin legt er dar, wie Computercodes, also Algorithmen, unsere Freiheiten beeinträchtigen, wenn ihnen Entscheidungen in unserer Welt überlassen werden. Lessig schreibt, dass diejenigen, die den Computercode programmieren, bestimmen, was dieser macht. Und angesichts der Entwicklungen der sogenannten künstlichen Intelligenz, bei der Sensoren und Messverfahren dazu führen, dass sich der Computercode anpasst und verändert, sind die Ergebnisse der Algorithmen oft selbst für ihre Programmierer nicht mehr kalkulierbar.

Anders als Lessig beginnen unsere Politiker gerade erst zu erkennen, welche Gefahren dies für unsere Freiheiten bedeutet. Dieser Lernprozess muss beschleunigt werden, wenn wir wollen, dass wir über unser Leben digitale Souveränität bewahren. So wurde von manchen die Einführung eines Algorithmen-Tüvs gefordert: Ähnlich wie bei Autos soll Computercode erst eine staatlich beaufsichtigte Prüfung durchlaufen, bevor er auf die Welt losgelassen wird. Doch anders als Autos sind Computercodes nichts Festes und damit leicht Genehmig- und Kontrollierbares. Sie sind so flüchtig und ungreifbar wie vieles im Netz.

Dies bedeutet, dass wir jedes Mal, wenn wir Algorithmen Bestimmungsmacht über Teile unseres Lebens geben, hierfür detaillierte Regeln diskutieren und aufstellen müssen. Und diese unterscheiden sich grundlegend, je nachdem, ob diese Fake-News verhindern, automatisiertes Fahren sicher machen oder im Krankenhaus unsere Lebensfunktionen regulieren sollen. Das ist beschwerlich, aber unabdingbar. Die Segnungen der Digitalisierung gibt es nicht ohne Rahmenbedingungen, die der Mensch festlegen muss, nicht der Computer.

> Unser Autor Thilo Weichert ist Experte für Datenschutz. Er war von 2004 bis 2015 Datenschutzbeauftragter des Landes Schleswig-Holstein.

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