Moderne Erinnerungskultur : Warum die KZ-Gedenkstätte Neuengamme auf TikTok aktiv ist

Author: KZ-Gedenkstätte Neuengamme
Daniel ist einer der drei Freiwilligen, die für den TikTik-Account vor der Kamera stehen.

Die Hamburger KZ-Gedenkstätte Neuengamme ist auf TikTok. Wie man auf der App über den Holocaust aufklärt und welches Feedback sie bekommen.

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22. Januar 2022, 08:49 Uhr

In diesem Artikel erfährst Du:

  • Warum die Gedenkstätte auf TikTok aktiv ist.
  • Wer hinter dem Account steckt.
  • Welches Feedback das Team für seine Arbeit bekommt.

Warum wurde das Konzentrationslager genau an dieser Stelle im Südosten Hamburgs errichtet? Woher kamen die Gefangenen? Warum wurden sie nach Neuengamme geschickt? Und wie viele haben überlebt? Als Daniel Cartwright im September 2021 im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres Kultur in die KZ-Gedenkstätte Neuengamme kam, hatte er viele Fragen. „Vor meinem Freiwilligendienst hatte ich noch nie von Neuengamme gehört“, gesteht der 22-jährige Brite. Denn obwohl die KZ-Gedenkstätte das zentrale Konzentrationslager Nordwestdeutschlands war, ist es weit weniger bekannt als Auschwitz, Buchenwald oder Sachsenhausen. Warum das so ist, erklärt Daniel heute selbst – und zwar auf TikTok.

Seine eigenen Frage thematisierte Daniel im ersten Video, das er gemeinsam mit Solomiia und Justin produziert hat.
KZ-Gedenkstätte Neuengamme

Seine eigenen Frage thematisierte Daniel im ersten Video, das er gemeinsam mit Solomiia und Justin produziert hat.

„Neue Form der Erinnerungskultur”

Seit November 2021 ist die Gedenkstätte als @neuengamme.memorial auf der App aktiv. Dort klären die Freiwilligen Daniel Cartwright, Justin Warland aus Australien und Solomiia Romanenko aus der Ukraine unter Leitung von Historikerin Iris Groschek über Neuengamme auf. Sie verantwortet die Öffentlichkeitsarbeit der Gedenkstätte und hatte die Idee für den TikTok-Account. Auslöser war die umstrittene Holocaust-Challenge auf TikTok, bei der viele Content Creator so getan haben, als wären sie Holocaust-Opfer. Diese Aktion wurde öffentlich vielfach kritisiert. „Ich habe mich gefragt, wie eine neue Form der Erinnerungskultur auf diesem Medium funktionieren kann“, berichtet sie. Mit Impulsen aus einem Seminar der Universität Jerusalem speziell für Gedenkstätten startete das Team als erste KZ-Gedenkstätte ihren Account.

In den 15 bis 30 Sekunden langen Videos nehmen Daniel, Justin und Solomiia die mehr als 8300 Follower auf das Gelände des KZ mit und erklären, unter welchen Bedingungen die Menschen dort hausen mussten oder wie die Uniformen der Gefangenen aussahen. Einfühlsam stellen sie die Schicksale der Menschen vor, die in Neuengamme inhaftiert waren, und zeigen Fotos und Briefe aus der Dauerausstellung der Gedenkstätte.

Fragen der Nutzer beantworten

Solomiia erklärt in diesem TikTok, aus welchen Ländern die Gefangenen kamen.
KZ Gedenkstätte Neuengamme

Solomiia erklärt in diesem TikTok, aus welchen Ländern die Gefangenen kamen.

„In unseren Videos wollen wir grundlegendes Wissen über KZs und Neuengamme vermitteln, vor allem aber Fragen beantworten. Das sind die Fragen unserer Freiwilligen genauso wie die Fragen, die uns die User stellen. Was sie interessiert, greifen wir auf“, erklärt Groschek. Das rät sie auch anderen Gedenkstätten, die überlegen, auf der App Inhalte zu veröffentlichen: „Auf TikTok braucht man den Mut, wirklich in Kommunikation mit den Nutzern zu treten; nicht nur zu senden, sondern auch zu empfangen“.

Die Freiwilligen beantworten auch persönliche Fragen.

In diesem Video beantworten Solomiia und Daniel die Frage eines Users.
KZ Gedenkstätte Neuengamme

In diesem Video beantworten Solomiia und Daniel die Frage eines Users.

Dass das Team der Gedenkstätte mit ihren Videos einen Nerv trifft, zeigen die vielen Kommentare unter ihren Posts, in denen einige Nutzer offen von ihrer eigenen Familiengeschichte berichten.

Danke, dass ihr die Erinnerung lebendig haltet. Die Nummer meines Großonkels war 56609. Er war erst 18, als er starb. Sein Name war Burgardus Zwanenburg. TikTok-Nutzerin Sterre

Für eine internationale Community

Auf dem Account kommuniziert das internationale Team auf Englisch. „So erreichen wir mit unseren Inhalten auch Menschen in Großbritannien, den USA, Schweden, den Niederlanden oder Belgien“, erläutert Daniel anhand der Insights des Accounts. Dieses Interesse weit über die Region hinaus zeigt sich auch an den vielen internationalen Besuchern, die sich in der Gedenkstätte im Südosten Hamburgs informieren.   

Denn die Geschichte des norddeutschen KZs ist eine internationale Geschichte. „Ein Großteil der Häftlinge des KZ Neuengamme wurden aus anderen Ländern nach Deutschland deportiert. Familien, die von dieser Geschichte direkt betroffen waren, finden sich daher noch heute in vielen verschiedenen Ländern“, erklärt Groschek.

Viel Hatespeech

Wie wichtig die Aufklärungs- und Erinnerungsarbeit auch auf internationaler Ebene ist, zeigen die Kommentare unter den Videos. „Viele internationale Nutzer posten unter unseren Videos Kommentare wie ,Davon habe ich noch nie etwas gehört‘ oder ,Das schockt mich‘“, berichtet Daniel. Diese Beobachtung bestätigt, was Untersuchungen andeuten. Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie kann die Hälfte der amerikanischen Jugendlichen kein Konzentrationslager benennen, berichtet Groschek. Mit ihrem Account will das Team genau diese Menschen erreichen.

Trotzdem ist die Arbeit mit dem Medium nicht immer einfach: Denn auch wenn die Gedenkstätte bereits seit mehr als zehn Jahren auf diversen Social Media-Plattformen über Neuengamme aufklärt, unterscheiden sich die Erfahrungen, die sie auf der Plattform machen stark von denen auf beispielsweise Instagram: „Nie haben wir online so viel Hatespeech und Holocaustleugnung abbekommen wie auf TikTok. In Kommentaren wird uns vorgeworfen, dass alles eine Lüge sei, oder ,jüdische Propaganda‘“, führt Groschek aus. Holocaust-Leugnung in den Kommentaren wird sofort gelöscht. Zudem hat das Team eine Liste mit Begriffen hinterlegt, die automatisch rausgefiltert werden.

Denn TikTok, das ist längst nicht mehr nur eine Tanzapp für Teenanger. „TikTok ist auch sehr politisch und ein Ort, an dem gesellschaftskritische Themen verhandelt werden“, erklärt Groschek. „Wir übernehmen für die Vermittlung historischer Inhalte nun die Sprache von TikTok und die Art des Erzählens, nicht die Tänze.“ Dazu gehören beispielsweise Loop-Videos oder Formen wie „Drei Gründe, warum Du…“.

Dieser Text gehört zu unserem neuen Ressort #neo, das sich speziell an junge Leserinnen und Leser richtet. Mehr Infos und alle Texte findest Du hier. 

Bevor sie ihren Account startete, waren weder Grotschek, noch die Freiwilligen aktive Content Creator, sondern lediglich passiv auf TikTok; aus Spaß und um die Sprache und Techniken zu verstehen. Wie viel Arbeit in den Videos steckt, gerade bei Außendrehs auf dem Gelände der Gedenkstätte, merkten die Freiwilligen schnell – und sind gleichzeitig begeistert von den Möglichkeiten der App. „Wenn du die Form verstehst, kannst du viel damit machen. Auf TikTok können Nutzer zufällig auf einen Inhalt stoßen, wodurch wir eine große Vielfalt an Menschen erreichen können. Dass hat es uns ermöglicht, schnell zu wachsen und eine Nische aufzubauen, die es vorher noch nicht gab“.  

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