Respekt statt Diskrimnierung : Sara Grzybek hilft Menschen, queerfreundliche Praxen zu finden

Author: Julia Wadle
Sara hat Queermed Deutschland gegründet.

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20. Januar 2022, 08:34 Uhr

Medizinische Hilfe zu bekommen, ohne Diskriminierung zu erfahren, sollte selbstverständlich sein. Ist es aber für manche Menschen nicht. Ihnen will Sara Grzybek mit Queermed helfen.

In diesem Artikel erfährst Du:

  • Was Queermed ist.
  • Wie das Verzeichnis funktioniert.
  • Warum es so wichtig ist.

Stell Dir vor, Du bist zur Behandlung in einer Praxis und wirst mit dem falschen Namen angesprochen, es gibt keine passende Toilette für Dich und während der Untersuchung wirst Du lauter Dinge gefragt, die nichts mit Deinem Leben zu tun haben: In so einer Praxis würdest Du Dich vermutlich nicht mehr behandeln lassen wollen, oder? Dass Menschen aus Angst vor Diskriminierung nicht mehr in eine Praxis gehen wollten, hat Sara Grzybek in ihrem privaten und beruflichen Umfeld immer wieder mitbekommen. Denn aus mangelndem Wissen, Verständnis oder Bewusstsein erleben beispielsweise queere Menschen bei Behandlung, dass ihr Alltag nicht mitgedacht wird:

Queere Lebensrealitäten werden nicht immer gesehen. Wenn beispielsweise eine Gynäkolog*in mit einer lesbischen Frau über Verhütung und Kinderwunsch spricht, auch wenn das für sie vielleicht gar nicht relevant ist. Aber dadurch, dass das Thema auf den Tisch gebracht wird, muss sich die Patientin fragen: Oute ich mich jetzt? Oder wie erkläre ich, dass ich mit meiner Partnerin eine lesbische Kinderwunschberatung möchte? Sara Grzybek

Das prangert auch der Bericht Diskriminierungserfahrungen in Deutschland der Antidiskriminierungsstelle des Bundes an.

Eine der häufigsten Diskriminierungsformen im Gesundheitssystem ist das Nichtberücksichtigen der Lebenssituation des_der Betroffenen. Bericht „Diskriminierungserfahrungen in Deutschland”

„Lebensrealität geleugnet”

Laut des Berichts erleben unter anderem transsexuelle Personen Diskriminierung in der Form, dass sie mit dem falschem Geschlecht angesprochen werden. „Ihre Lebensrealität als Mann oder Frau wird also nicht akzeptiert, sondern geleugnet”, wird im Berichts ausgeführt. Diskriminierung aufgrund der Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder der sexuellen Orientierung gilt im Gesundheits- und Pflegebereich aufgrund des Abhängigkeitsverhältnisses zwischen der behandelnden und der erkrankten Person als besonders problematisch.

Notwendig für die Beziehung zwischen dem_der Patient_in und dem medizinischen und pflegenden Personal ist also Vertrauen. Diskriminierungen gefährden dieses sensible Verhältnis zusätzlich: Sie können von den Betroffenen als Ausdruck der Ablehnung oder als fehlendes Wissen über die Situation des_der Patient_in gelesen werden und gefährden so die notwendige Vertrauensbeziehung. Bericht „Diskriminierungserfahrungen in Deutschland”

Vorbild aus Österreich

Diesen Missstand wollte Sara nicht mehr hinnehmen. „Ich konnte das nicht ignorieren und sagen, dass es nicht meine Aufgabe sei. Nur mit Einsatz füreinander funktioniert das Zusammenleben in einer solidarischen Gesellschaft“, sagt sie. Als Sara zufällig über Instagram von einem österreichweiten Verzeichnis mit queerfreundlichen und sensibilisierten Praxen erfuhr, begann sie mit der Recherche: Gibt es sowas auch in Deutschland?

Sara hat Queermed Deutschland gegründet.
Julia Wadle

Sara hat Queermed Deutschland gegründet.

Sie fand „Gynformation”, ein „queer-feministisches Kollektiv für gynäkologische Selbstbestimmung”, das Empfehlungen sammelt für sensibilisierte Praxen in den Bereichen Gynäkologie, Urologie und Endokrinologie. Doch was ist mit all den anderen Bereichen und Fachrichtungen? „Ich habe mich mit Gynformation zusammengesetzt und gefragt: Gibt es ein Verzeichnis über alle Fachrichtungen in Deutschland schon? Wenn nicht, würde ich das gerne machen.”

Mit Unterstützung des österreichischen Queermed stürzte sich Sara im Februar 2021 in die Vorbereitungen: Sie kaufte die Domain, legte Social-Media-Profile an, holte sich rechtlichen Rat und so weiter. Viele Stunden Arbeit steckte die 29-Jährige, die seit einigen Jahren in Köln wohnt und im Bereich Online-Marketing arbeitet, in das Projekt. Im Mai war es dann soweit: Queermed-Deutschland.de ging an den Start. Die positiven Rückmeldungen in Form von Kommentaren und Nachrichten auf Social Media überstiegen Saras Erwartungen: Innerhalb weniger Tage folgten mehr als 500 Menschen dem Instagram-Account, 30 Empfehlungen waren innerhalb kurzer Zeit auf der Website eingegangen.

Tipps für Praxen in 15 Bundesländern

In den vergangenen Monaten ist Queermed konstant gewachsen: Mehr als 300 Empfehlungen gibt es inzwischen auf der Website. Mit Ausnahme von Sachsen-Anhalt werden Praxen in jedem Bundesland empfohlen: Von Zahnmedizin, Psychotherapie, Plastischer Chirurgie bis hin zu Radiologie oder Dermatologie sind viele Fachrichtungen vertreten.

So sieht das Verzeichnis aus:

Doch wie gelangen Empfehlungen ins Verzeichnis? Wer eine Behandlung empfehlen möchte, muss einen Fragebogen ausfüllen. Neben den Eckdaten der Praxis wie der Adresse, Fachrichtung oder ob es eine Privatpraxis ist, wird dabei auch abgefragt, für welche Gruppen die Person sprechen und eine Empfehlung abgeben kann. Wer beispielsweise als non-binäre Person respektvoll behandelt wurde, kann beispielsweise nicht sagen, wie der Umgang mit People of Colour wäre. In einem Freitextfeld gibt es die Möglichkeit, von eigenen Erfahrungen zu berichten.

Ausführliche Rückmeldungen

Wie ausführlich man berichten will, ist jedem selbst überlassen:

Respektvoller Umgang und sehr freundlicher Arzt, waren gleich per Du. War wegen einer Blasenentzündung dort und hab mich ihm gegenüber gleich geoutet. Reaktion war total normal, Thema war ihm nicht unbekannt. Im Gegenteil, er konnte gleich Rückschlüsse ziehen für mein Anliegen und hat alles ausführlich erklärt und war auch sehr interessiert, welches KH die OPs gemacht haben. Empfehlung auf Queermed

Auch Kritisches wird in dem Verzeichnis genannt.

„Frauenheilkunde“ spricht mich weniger an, als Gynäkologie. Werde nach wie vor als „Frau“ aufgerufen. Empfehlung auf Queermed

In den vergangenen Monaten haben sich mehrmals Praxen bei Sara gemeldet, die in das Verzeichnis aufgenommen werden wollten. Diese unterstützt Sara gerne mit Infomaterial; sich selbst als Empfehlung einzutragen, ist dagegen nicht möglich.

„Es ist ein Verzeichnis von Patient*innen für Patient*innen und nur so wird es funktionieren.“ Sara

Kontrolle vor der Veröffentlichung

Bevor eine Bewertung online geht, überprüft Sara nicht nur die Eckdaten, sondern checkt die Inhalte auch auf ihre Plausibilität. „Es fällt natürlich auf, wenn einfach alle Personengruppen angeklickt wurden oder eine extrem überschwängliche Sprache verwendet wird“, erklärt sie. Solche Bewertungen, die offensichtlich nicht von Patient*innen eingetragen wurden, sondern zu PR-Zwecken erstellt wurden, werden nicht veröffentlicht.

Gemeinsam mit Queermed Österreich hat Sara einen Leitfaden geschrieben zum diskriminierungssensiblen Umgang. Dazu gehören unter anderem:

  • Benutzt die Praxis gendergerechte und sensible Sprache in Wort und Schrift?
  • Präsentiere sich die Praxis als Ally (Verbündete*r) der LGBTQIA*-Community?
  • Wie ist die Praxis gestaltet? Gibt es genderneutrale Toiletten?

Auch wenn der Name Queermed lautet: Das Verzeichnis richtet sich nicht nur an queere Menschen, sondern an Menschen, die aus verschiedenen Gründen Diskriminierung bei einer Behandlung erfahren haben: Dazu gehören auch People of Colour, mehr- oder wenigergewichtige Personen oder Menschen mit muslimischem oder jüdischem Glauben.

Mit ihrer Arbeit will Sara aufklären:

Das Wichtigste ist das Verständnis. Was ich aber im Austausch mit Studierendengruppen mitbekommen habe oder bei Webinaren zum Thema Gendermedizin, ist, wie sehr dieses Thema noch in den Kinderschuhen steckt und dass es an Wissen, Bewusstsein und entsprechend an Verständnis fehlt. Sara

Von der Pflege der Website bis zum Versand von Stickern

Dafür setzt sich Sara mit großem Einsatz ein: Hunderte Stunden Arbeit und eigenes Geld hat sie in das Projekt investiert, das sie weitestgehend allein schultert. Bei einzelnen Aufgaben wie dem Design des Logos oder neuen Funktionen für die Website bekommt Sara Support, den Rest erledigt sie.

Wer Sara unterstützen will, findet auf Instagram alle Infos dazu:

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Kurzfristig betroffenen Personen helfen und mittelfristig Aufklärungsarbeit leisten, um sich selbst überflüssig zu machen: So lassen sich die Ziele von Sara zusammenfassen.

In der idealen Welt bräuchte man die Seite nicht. Dann gebe es genug Menschen in diesem Fachbereich, die wissen, wie sie mit allen Menschen respektvoll umgehen. Wir haben aber diese Missstände, der strukturell gewachsen und noch nicht überwunden sind. Sara

Dieser Text gehört zu unserem neuen Ressort #neo, das sich speziell an junge Leserinnen und Leser richtet. Mehr Infos und alle Texte findest Du hier.

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