Wie Infizierte Hilfe bekommen : Corona-Tagebuch: So aufgeschmissen sind infizierte junge Menschen

Author: Heike Trautmann
Eine junge Frau, die Corona hat und auf sich alleingestellt ist (Symbolbild).

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19. Januar 2022, 14:17 Uhr

Nach zwei Jahren Vorsicht und Verzicht hat es mich dann doch erwischt: Ich hatte Corona, sollte in eine Arztpraxis, hatte Panik und musste mir Hilfe suchen. Ich bin wütend - nur auf wen? Gesundheitsamt, Ärzte, Arbeitgeber: Alle geben ihr Bestes. Aber alle sind überfordert, wie ich. Geregelt geht es in dieser Pandemie längst nicht mehr zu. Als Infizierte braucht man auch Glück. Lies hier mein Corona-Tagebuch:

In diesem Artikel erfährst Du:

  • Wie es mir mit meiner Corona-Infektion ergangen ist.
  • Warum ich mich im Stich gelassen gefühlt habe.
  • Wie überfordert das Gesundheitssystem aktuell ist.

Tag 1 der Symptome, negativ – Sonntag: Ich merke spät abends ein leichtes Kratzen in meinem Hals. Meine Corona-Warn-App zeigt eine niedrige Risikobegegnung, die schon neun Tage zurückliegt. Am Donnerstag zuvor war ich das letzte Mal unterwegs. Morgens habe ich mich boostern lassen, abends war ich mit einer Freundin in einer Bar. Warum trotz der hohen Inzidenz? Weil ich es nicht mehr ausgehalten habe, nichts zu tun. Im Homeoffice läuft jeder Tag gleich ab. Ich bin einsam, so wie die meisten Singles in der Pandemie. Täglich grüßt das Murmeltier und das Murmeltier ist hundemüde. Ich mache einen Schnelltest, er zeigt nur einen Strich.

Tag 2 der Symptome, negativ – Montag: Mir ist heiß und kalt zugleich, ich schwitze und zittere. Mein Körper fühlt sich an, als hätte man mich aus dem achten Stockwerk geworfen. Ich melde mich bei der Arbeit krank, krümme mich im Bett nach links und rechts. Da ich allein lebe, nicht viel Essen wegwerfen möchte und deswegen fast jeden zweiten Tag frisch einkaufe, habe ich keine Vorräte. Ich muss in den Supermarkt. Fünf Mal Nasenbohren links, fünf Mal Nasenbohren rechts. Das Ergebnis ist negativ. Im Drogeriemarkt suche ich neue Schnelltests. Die kommen wohl erst morgen wieder, sagt die Verkäuferin. Auch im REWE gibt es keine. Ich gehe in die Apotheke. Fünf Tests kosten hier 23 Euro. Das kann sich nicht jeder leisten. 16,11 Euro sind im Hartz IV Regelsatz für Gesundheitspflege vorgesehen - pro Monat.

Zu Hause versuche ich einen neuen Hausarzt zu finden. Ich bin erst vor kurzem nach Hamburg gezogen und habe mich bisher nicht darum gekümmert, wegen Corona. Ich rufe fünf Praxen in meiner Nähe an, keiner geht ran. Dann hebt eine Dame den Hörer ab und sagt: „Tut mir leid, wir nehmen keine neuen Patienten auf. Sie müssen weiter telefonieren.“ Mit der App Doctolib kann man online Arzttermine buchen. Die nächsten freien Termine sind in zwei Wochen – nur für Patienten, die bereits aufgenommen worden sind. Dann poppt auf dem Bildschirm ein freier Termin für Donnerstag auf, in einer Praxis ganz in meiner Nähe. Eine ärztliche Krankschreibung muss ich bei der Arbeit aber schon nach drei Tagen, Mittwoch, einreichen. Ich buche den Termin trotzdem online.

Zwei Jahre Pandemie und trotzdem bin ich komplett auf mich allein gestellt

Tag 3 der Symptome, positiv – Dienstag: Mein Körper hat sich erholt, mein Hals schmerzt. Da es mir immer noch nicht gut geht, mache ich routinemäßig einen Schnelltest. Ich starre auf den zweiten roten Strich, der sich nach 15 Minuten abzeichnet: Corona. Frust und Angst machen sich in mir breit. Meine Lunge hat die Größe einer Ameise, ich habe schwer Asthma. Schlimm erwischen darf es mich nicht. Hinzu kommt: Jemand aus meinem engen Bekanntenkreis leidet noch Monate nach einer Infektion unter Long-Covid. Immerhin, ich bin doppelt geimpft, frisch geboostert und dankbar dafür.

Ich rufe als erstes meine Mutter in meiner Heimat an. Mama kann aber nichts machen, außer die Lieferservice-Qualität der Supermärkte zu checken. Dann wähle ich die 116117, den ärztlichen Bereitschaftsdienst. Nach 40 Minuten lege ich auf, weil keiner an das Telefon geht. Im Internet suche ich nach dem Gesundheitsamt Altona. „Dauerhaft geschlossen“ steht auf meinem Bildschirm in fetter roter Schrift. Dann rufe ich das nächste Gesundheitszentrum in Hamburg an, es geht wieder keiner ran. Dann das nächste, eine Dame hebt nach 15 Minuten in der Warteschleife den Hörer ab. „Bringt mir am Telefon nichts, wenn Sie mir von Ihrem positiven Schnelltest berichten“, sagt sie. „Schreiben Sie eine Mail.“ Als ich frage, was ich denn jetzt tun solle, meint sie, ich solle zu meinem Hausarzt. Dort solle ich einen PCR Test machen.

„Das ist verantwortungslos”

Ich frage die Frau am Telefon, ob das ein Scherz sei. Ich gehe doch nicht aus dem Haus, wenn ich ansteckend bin. Erst Recht nicht zu einem Arzt, dort, wo sich Menschen impfen lassen. „Doch das geht nicht anders“, sagt sie. Zu einem Schnelltestzentrum dürfe ich nicht gehen, wenn ich Symptome habe. Meine Warn-App ist nicht rot, ich bekomme keinen kostenlosen PCR-Test. Notfalls, so sagt sie, könnte ich die Schnelltestzentren vorher anrufen und nett fragen. Ich suche online nach Telefonnummern von Hamburger Schnellteststationen. Drei finde ich, keiner geht ran. Ich versuche es telefonisch in der Praxis, bei der ich am Donnerstag einen Termin habe. Nach 20 Minuten nimmt eine nette Frau den Hörer ab. „Gar kein Problem, wir machen den PCR-Test“, sagt sie. Ich solle um 15.30 Uhr vorbeikommen.

Um 15.25 Uhr stehe ich mit pochendem Herz vor der Praxis. Fünfzehn Minuten bin ich hier hingelaufen. Am liebsten hätte ich ein großes Warnschild hochgehalten, damit all die Fußgänger einen großen Bogen um mich machen. Ich dachte, die Praxis hätte eine Notfallklingel für „positive Schnelltester“. Hat sie nicht. Ich klingele, man macht mir die Hauseingangstüre auf, ich stehe im Flur. Vor mir warten mindestens sechs andere Menschen „Hallo. Ich hatte heute einen positiven Schnelltest“, warne ich. „Ich warte draußen, kann bitte einer von Ihnen in der Praxis Bescheid sagen?“ Ein Mann reißt aggressiv das Fenster auf, zappelt mit der Hand in der Luft als könne er Corona weg wedeln. „Das ist verantwortungslos“, ruft mir ein anderer hinterher.

Ich stehe wieder vor der Eingangstür und habe Tränen in den Augen, fühle mich hilflos. Ich klingele erneut, in der Hoffnung, dass die Praxis nun die Lautsprecheranlage anmacht. Vergebens. Für einen kurzen Moment überlege ich mir, einfach wieder zu gehen. Keiner scheint sich für mich zu interessieren. Ich frage mich, wie es den Leuten ergeht, die noch schwerere Symptome als ich haben, die so krank sind, dass sie nicht zur nächsten Arztpraxis gehen können oder auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind.

Corona-positiv vorbei an den Menschen

Nach 20 Minuten Warten in der Kälte versuche ich es nochmal telefonisch. Die nette Frau von vorhin geht wieder an den Hörer und fragt, ob ich denn nicht nochmal am Donnerstag vorbekommen könne. Ich verneine, schließlich stehe ich direkt vor der Praxis. Sie sagt, ich solle jetzt ganz schnell den Hausflur hoch, an den anderen Menschen vorbei. An dieser Stelle könnte man mir Rücksichtslosigkeit vorwerfen. Aber was hätte ich denn tun sollen, außer dem Rat der Ärzte und des Gesundheitsamtes zu folgen?

Ich husche die Treppen hoch. Die wartenden Menschen werden – verständlicher Weise – sehr laut. Sie meckern, verlassen fluchend den Flur und reißen erneut panisch das Fenster auf. Eine Frau hinter mir zupft an meiner Jacke und sagt: „Hey, das geht so nicht!“ Weitere Tränen kullern mir über die Wangen bis mich eine Ärztin in die Praxis holt. Mir wird in einem Nebenzimmer ein Abstrich im Rachen gemacht. Dann reicht man mir die Krankschreibung bis Freitag und einen Zettel mit einem QR-Code. Den solle ich scannen, um mein Ergebnis zu erhalten. Das könne aber bis zu drei Tage dauern. „Wir sind gerade alle sehr überlastet“, meint die Ärztin.

Zu Hause angekommen, zeigt meine Corona-Warn-App plötzlich rot. Donnerstag hatte ich Kontakt mit einem hohen Risiko. Meine Freundin, mit der ich abends in der Bar war, hat keine Warnung auf der App. Es könnte also gut möglich sein, dass ich mich beim Boostern angesteckt habe. Eine Freundin geht abends für mich einkaufen. Im Supermarkt findet sie Corona-Schnelltests und kauft zehn Stück.

Das Essen schmeckt wie verbrannte Chemikalien, der PCR-Code ist nicht kompatibel

Tag 4 der Symptome, positiv – Mittwoch: Was guttut, sind die Nachrichten von Freunden. Ich bekomme kleine Pakete und Blumen zugeschickt – aber keine Nachricht vom Gesundheitsamt, kein PCR-Ergebnis. Ich weiß auch nicht, ab wann ich aus der Quarantäne darf. In den Nachrichten heißt es: Mindestens zehn Tage sollte man sich isolieren, danach dürfe man raus. Wann die zehn Tage beginnen, das weiß keiner. Alles liegt in meiner Verantwortung, das Boostern, Testen, Melden, Aufpassen und Gesundwerden.

Zum Mittagsessen schiebe ich mir Kartoffelecken in den Ofen und klatsche mir Curry-Mango-Soße auf den Teller. Ich esse, kaue und kotze fast. Ich rieche an der Soße und werfe sie weg. Ein bissiger Gestank zieht durch meine Nase. Die Soße muss abgelaufen sein, denke ich. Erste Corona-Nebenwirkungen, die noch schlimmer werden sollten.

Tag 5 der Symptome, positiv – Donnerstag: Das PCR-Ergebnis ist da. Ich muss dafür wieder eine App runterladen, „Mein Testergebnis“ heißt die. Neben Luca, Doctolib, Corona-Warn und CovPass die fünfte Pandemie-App auf meinem Handy. Das Ergebnis ist positiv, ich habe Omikron und einen CT-Wert, der besagt, wie ansteckend ich bin. Jemand, der kein Deutsch spricht ist übrigens aufgeschmissen. Ich versuche den PCR-QR-Code mit der Warn-App zu scannen. „Nicht kompatibel“, heißt es.

Meine Mama bestellt mir abends einen veganen Burger, Lieferando stellt ihn vor die Tür. Der Burger riecht wie die Curry-Mango-Soße vom Vorabend – eklig. Meine Geschmacksnerven sind futsch. Alles, was salzig und unnatürlich ist, schmeckt und riecht wie vergammelt und verbrannt. Als chemische Jauche wird im Internet der sogenannte „Corona-Geschmack“ beschrieben.

Tag 6 der Symptome, positiv – Freitag: Ich esse nur einen Schokoladen-Nikolaus und habe keinen Appetit. Der Geruch von verbrannten Chemikalien liegt nach wie vor in meiner Nase.

Nach einer Woche meldet sich das Gesundheitsamt

Tag 7 der Symptome, positiv – Samstag: Ich fühle mich gesundheitlich ein bisschen besser. Meine Stimme klingt nach wie vor wie die von Darth Vader. Mir fehlt die frische Luft, ich habe keinen Balkon. Nicht mal eine Badewanne. Duschen, das ist gerade das tollste Gefühl der Welt. Das Gesundheitsamt ruft endlich an. Ein Mann fragt nach meiner Mail-Adresse und schickt mir zwei Unterlagen. Ein Basisdokument, das mich über das weitere Vorgehen aufklären soll und einen Corona-Datenübermittler. Ich solle ein Symptomtagebuch führen. Das alles kommt sieben Tage zu spät.

Auf die Frage, wann ich denn aus Quarantäne dürfe, sagt der Mann nur das, was ich schon von der Tagesschau weiß: Nach sieben Tagen frei testen, ansonsten nach zehn. Ob die Quarantänezeit mit meinem PCR-Test oder mit den Symptomen beginnen, frage ich. „Was zuerst da war“, meint der Mann. „Und wie gut es ihnen geht.“ Nach Kontakten fragt er nicht. „Die können wir gerade nicht alle verfolgen, die Zahlen sind dafür zu hoch“, sagt er. Auf die Frage, was ich denn gegen meine Krankheit tun könne, weiß er keine Antwort. Von dem Corona-Geschmack hätte er noch nie etwas gehört.

Tag 8 der Symptome, negativ – Sonntag: Weil ich mich weiterhin gut fühle, mache ich einen Schnelltest. Der zweite Strich bleibt aus, ich bin wohl „genesen”. Ich könnte jetzt zu einem Schnelltestzentrum und mich freitesten. Das nächste Testzentrum ist allerdings über zwanzig Minuten entfernt. Auf Bahn und Bus möchte ich vorerst verzichten. Ich entscheide mich dafür, mindestens bis Dienstag in Quarantäne zu bleiben. Was bleibt, ist die Sorge von Nachwirkungen. Ich merke zum Beispiel, dass ich extrem viele Haare verliere. Tage danach ist mir noch schwindelig. Ich verspüre ein Taubheitsgefühl am ganzen Körper, das mir die größte Sorge bereitet. Seinen Körper nicht „richtig” zu spüren, nicht zu verstehen und ihm nicht mehr zu vertrauen (wegen des verwirrten Geschmacks- und Geruchssinns) – das macht Angst. Dabei hatte ich noch großes Glück mit meinem milden Verlauf. Und jetzt? Vor Corona ist nach Corona. Ich sitze wieder in meinem Homeoffice vor meinem Laptop. Aber immerhin: Ich kann wieder alleine einkaufen gehen und freue mich darauf, wie Bolle!

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