Soziale Herkunft beeinflusst Erfolg Auch Arbeiterkinder mit Uni-Abschluss werden beim ersten Job benachteiligt

Von Viktoria Meinholz | 11.05.2022, 06:58 Uhr

Arbeiterkinder haben sogar Nachteile beim beruflichen Erfolg, wenn sie ein abgeschlossenes Studium haben. Das belegt eine neue Studie. Der Bildungshintergrund der Eltern spiele beim ersten Job eines Uni-Absolventen eine größere Rolle als die Noten.

In diesem Text erfährst Du:

  • Welchen Einfluss der Bildungsstand Deiner Eltern auf Deinen Berufseinstieg hat.
  • Welche Vorteile Akademikerkinder haben.
  • Warum in Deutschland nur wenige Arbeiterkinder überhaupt studieren.

Dass in Deutschland meist nur diejenigen studieren, deren Eltern bereits einen Universitätsabschluss haben, ist schon lange bekannt - und vielen Bildungsexperten ein Dorn im Auge. Doch nun zeigt eine neue Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), dass die soziale Herkunft auch nach dem Studium noch einen großen Einfluss auf die beruflichen Erfolgsaussichten hat. Der Bildungshintergrund der Eltern spielt demnach beim ersten Job eines Uni-Absolventen eine größere Rolle als die Noten.

Soziale Ungerechtigkeit in Deutschland

Warum das so ist, erklärt Fabian Kratz von der Uni München so: „Beim Berufseinstieg ist Leistung noch nicht so sichtbar, zugleich zählen Auslandsaufenthalte und Praktika, die sozial selektiv sind, sowie das Netzwerk der Eltern. Junge Akademikerinnen und Akademiker, deren Eltern über wenige Ressourcen verfügen, haben daher eher Probleme beim Jobstart.“

Der Soziologe hat gemeinsam mit Bettina Pettinger vom Lehrstuhl für Quantitative Ungleichheits- und Familienforschung am Institut für Soziologie der LMU und Professor Michael Grätz von der Universität Lausanne einen innovativen statistischen Ansatz entwickelt. Damit können sie nachzeichnen, welchen Einfluss elterliche Ressourcen je nach Bildungsstand des Kindes auf den Berufsweg haben.

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Von 100 Grundschulkindern, deren Eltern Akademiker sind, beginnen durchschnittlich 74 ein Studium. Bei 100 Nichtakademikerkindern sind es gerade einmal 21. Eine Tendenz, die sich während des Studiums fortsetzt: Einen Masterabschluss erreichen im Schnitt nur acht von 100 Nichtakademikerkindern, bei den Akademikerkindern schaffen 45 von 100 den Abschluss. Bei der Promotion beträgt das Verhältnis bei den Nichtakademikerkindern schließlich insgesamt 1:100.

Das zeigen Zahlen des Hochschul-Bildungs-Reports, der seit 2013 jährlich erscheint und vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und der Unternehmensberatung McKinsey erstellt und finanziert wird.

Die Forscher bescheinigen jungen Akademikern aus Familien mit hoher Bildung einen „Happy Start“ ins Berufsleben. Sie profitieren auch nach dem Studium vom Netzwerk der Eltern - wer ihnen vorher einen coolen Praktikumsplatz verschafft hat, hilft wahrscheinlich auch beim Finden des ersten Jobs.

Die Chance auf beruflichen Erfolg wird vererbt

Absolventen aus bildungsfernen Familien können diesen Nachteil erst mit zunehmender Berufserfahrung wettmachen, so das Ergebnis der Studie.

„Die Untersuchung bestätigt, dass in Deutschland Lebenschancen vererbt werden: Bildungschancen der Kinder hängen stark von ihrer familiären Herkunft ab“, fasst Kratz zusammen. Und vom Bildungsgrad der Eltern profitieren laut der Studie nicht nur Uni-Absolventen, sondern auch diejenigen, die selbst nur einen niedrigen Bildungsabschluss erreichen. „Sie sind motiviert, diesen Malus auszugleichen, und haben gute Chancen, im weiteren Karriereverlauf den Prestigeverlust durch ihren niedrigen Abschluss wieder aufzuholen“, so Kratz.

Das klappt bei jungen Menschen, deren Eltern nur eine niedrige Ausbildung haben, meistens nicht: Schaffen sie keinen höheren Schulabschluss als ihre Eltern, werden sie das auch später nicht mehr aufholen können.

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  • Mangelnde Information: Wenn aus der eigenen Familie noch niemand zur Uni gegangen ist, kommt häufig erst gar nicht der Wunsch auf, selbst ein Studium zu beginnen. Oder er wird unterdrückt, weil entweder bei den Kindern selbst oder bei den Eltern Vorbehalte gegenüber einem Studium bestehen. In Familien, wo die Eltern selbst studiert haben und in Akademikerberufen arbeiten, herrscht ein ganz anderes Selbstverständnis. Ein Studienwunsch entsteht dort leichter und wird erfahrungsgemäß mehr unterstützt.
  • Finanzielle Probleme: Ein Studium muss finanziert werden. Wen die Eltern nicht oder nur wenig unterstützen können, der steht vor einem Problem. Zwar gibt es durch Bafög, Stipendien und natürlich Nebenjobs viele Möglichkeiten der Finanzierung, doch die Hemmschwelle ist größer als bei denjenigen, deren Familien für das Studium aufkommen.

Doch wie kann man das ändern? Die Forscher sprechen sich für Netzwerkveranstaltungen aus, die sich explizit an Studenten richten, deren Eltern keinen akademischen Hintergrund haben. Außerdem sollten Arbeitgeber weniger auf teure Auslandsaufenthalte oder Praktika achten, sondern die Leistung anerkennen, die jemand erbracht hat, weil er oder sie gegen jede Wahrscheinlichkeit einen Hochschulabschluss erreicht hat.

(mit Material der dpa)

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