Junge Liebe : Was kommt nach Wolke sieben? Profitipps für die erste Beziehung

shz+ Logo
Beziehungen sind Entdeckungsreisen, auf denen man viel über sich und den Partner an seiner Seite lernt.
Beziehungen sind Entdeckungsreisen, auf denen man viel über sich und den Partner an seiner Seite lernt.

Junge Liebe birgt Herausforderungen, die frisch verliebte Paare gemeinsam bewältigen müssen. Die Psychologin Christine Geschke gibt Tipps für Konflikte, das Miteinander und Selbsterfahrung in jeder Beziehungsphase.

Exklusiv für
shz+ Nutzer
shz+ Logo

Avatar_shz von
16. Juni 2021, 13:41 Uhr

Hamburg | In diesem Artikel erfährst Du:

  • Warum Du in Beziehungen vor allem Dich selbst kennenlernst.
  • Wie Du Zweifel an der Beziehung richtig deutest.
  • Wie Du Konflikte lösen und deine Wünsche kommunizieren kannst.

"Es ist das Privileg der Jugend, dass Beziehungen mit Idealismus und viel Romantik eingegangen werden. Hier darf man dramatisch lieben", so Christine Geschke, Paartherapeutin und Psychologin aus Hamburg. Unserer Redaktion erzählte sie von der Bedeutung junger Liebe, wie sich Hürden nehmen lassen und wie man an seiner Beziehung wächst.

Junge Liebe – schauen, "was das Leben anzubieten hat"

Gerade in jungen Jahren ist die Liebe zumeist eine hochromantische Angelegenheit. Frisch Verliebte befinden sich im Rausch eines starken Hormoncocktails, der ihnen auf angenehmste Weise den Verstand vernebelt. All die Sehnsüchte nach einer liebevollen Partnerschaft und diesem einen ganz besonderen Menschen werden plötzlich erfüllt. Jedenfalls scheint es so, denn der Partner wird in dieser ersten Beziehungsphase als unbeschriebenes Blatt wahrgenommen; als leere Projektionsfläche für die eigenen Wünsche und Ideale.

Eine Beziehung ist tatsächlich eine Reise, auf die man sich begibt. Zusammen kann man die Welt, aber auch sich selbst entdecken.
imago images/Sam Brewster
Eine Beziehung ist tatsächlich eine Reise, auf die man sich begibt. Zusammen kann man die Welt, aber auch sich selbst entdecken.

"Es ist eine Reise auf die man sich begibt, auf der man auch etwas über sich selbst erfährt, nicht nur über den anderen", so Geschke. In den ersten Beziehungen lerne man sich selbst gut kennen und bekäme die Chance, zu schauen, "was das Leben anzubieten hat". Warnen vor Übermut und Unbedarftheit würde Christine Geschke junge Liebende nicht, denn diese Erfahrungen zu sammeln gehöre zum Selbstwerdungsprozess.

In diesem Prozess schnellstmöglich voranzukommen – zu erfahren, wer man ist und werden möchte und wo der eigene Platz in der Welt ist – sei ein großes Bedürfnis der Jugend dieser Zeit. "Junge Leute erlebe ich planerischer und organisierter als die Generation davor. Die großen Fragen des Lebens stellen sich früher, als sie das mal getan haben", stellt Geschke fest.

Erste Beziehungszweifel am Grundgefühl messen

In die hoffentlich richtigen Entscheidungen – zum Beispiel beruflich, aber eben auch, was die Partnerwahl angeht – wird früh investiert. Geschke betont, dass es ihr dabei keinesfalls um eine Bewertung gehe, dass es nicht heißt "früher war alles besser. Es geht darum, zu verstehen, was die Jugend heute antreibt. Woraus kann man lernen, was ist sinnvoll für das eigene Leben?"

Reden ist Gold - vor allem in einer intimen Partnerschaft.
imago-images/Gary Waters
Reden ist Gold - vor allem in einer intimen Partnerschaft.

Deshalb kann es sein, dass die Beziehungsphase der Realisation schon nach wenigen Monaten eintritt. Ganz plötzlich kann so eine rosarote Brille wie Schuppen von den Augen fallen und dabei ein ganz neues Bild der Beziehung und des bis dato fehlerlos erscheinenden Partners offenbaren. Mit einem Mal werden die Ecken und Kanten des anderen sichtbar und in den ersten Streits gerät man aneinander. "Der tatsächliche Charakter stellt sich heraus. In einer funktionierenden Beziehung gilt es dann, auch die unliebsameren Eigenschaften des anderen zu akzeptieren und in das Gesamtbild zu integrieren", erklärt Geschke.

Fühlt man sich wertgeschätzt, gesehen und verstanden? Unterstützt der Partner einen im eigenen Entwicklungsprozess? Und interessiere ich mich auch wirklich für den anderen und unterstütze ihn? Diplompsychologin und Paartherapeutin Christine Geschke

"Indem man sensibel in sich hineinhorcht und auch den anderen sensibel wahrnimmt, erkennt man, ob man auf dem richtigen Weg ist". Ist das Grundgefühl ein gutes und frei von Spannung, dann ist das ein positiver Indikator, sagt Geschke. Indes rät sie, auch sich selbst kritisch zu überprüfen. Wie erlebt man sich selbst in der Beziehung und forciert man auch bei seinem Partner dieses Wohlgefühl oder verhält man sich vielleicht sogar problematisch?

Mehr zu Liebe und Sexualität auf #neo:

Denn auf der anderen Seite können sich bereits in dieser frühen Beziehungsphase ernstzunehmende Probleme abzeichnen. Wenn der Partner einem nicht genügend Wertschätzung entgegenbringt, sich zunehmend egoistisch verhält und einen nicht ernst nimmt, kann es sinnvoll sein, "die Notbremse zu ziehen, ehe man sich emotional zu sehr vertieft", warnt Geschke.

Wir wollen Deine Meinung wissen:

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen relevanten Inhalt einer externen Plattform, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich einfach mit einem Klick anzeigen lassen und auch wieder ausblenden.

 Externen Inhalt laden

Mit Aktivierung der Checkbox erklären Sie sich damit einverstanden, dass Inhalte eines externen Anbieters geladen werden. Dabei können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Weitere Informationen finden Sie in unseren Datenschutzhinweisen

Fehler in der Gleichung führen zu Konflikten

Die einen würden gern "alles mit dem Partner gemeinsam machen und brauchen nur wenig Raum für sich, während andere sagen, mir ist es wichtig, eigene Entscheidungen zu treffen, meinen eigenen Bereich zu haben und meine Interessen zu verfolgen", skizziert Geschke zwei gegensätzliche Haltungen, die innerhalb einer Beziehung miteinander kollidieren können. Ob alle Beziehungspartner mit dem Verhältnis zwischen Autonomie, also dem eigenen Bereich, und Nähe, dem gemeinsamen Bereich, zufrieden sind, ist mitunter ausschlaggebend für eine glückliche Beziehung.

Während einige Paare förmlich eins werden, brauchen andere mehr Freiraum. Bei wiederum anderen gehen die Bedürfnisse auseinander.
imago images/Gary Waters
Während einige Paare förmlich eins werden, brauchen andere mehr Freiraum. Bei wiederum anderen gehen die Bedürfnisse auseinander.

Haben Partner ganz unterschiedliche Bedürfnisse, ist ein offenes Gespräch angezeigt. "Das kann man klären, indem man fragt: Wie viel Nähe tut dir gut? Und wie viel Autonomie brauchst du?", sagt Geschke. "Und dann muss man schauen, ob die Gleichung aufgeht.

Gingen Gleichungen innerhalb der Beziehung nicht auf, seien Konflikte programmiert. Besonders nach einer längeren Zeit des Zusammenseins, typischerweise nach zwei bis drei Jahren, kollidieren Haltungen und Überzeugungen, die weit auseinandergehen. Meinungsverschiedenheiten, die tief im Inneren bereits zu brodeln begannen – und beschwören Streit herauf.

Auch interessant für #neo-Fans:

Christine Geschke rät, sich im Konfliktfall zu fragen, welche Bedeutung dem entsprechenden Thema im eigenen Leben zukommt. Grundsätzlich lohne es sich bei Themen von geringer oder mittlerer Bedeutung, Kompromisse einzugehen. Bei Themen, die einem dagegen sehr wichtig sind, sollte man für sich einstehen, betont Geschke. "Es ist wichtig, seine Wünsche, aber auch Enttäuschung oder Wut zu kommunizieren".

In welcher Farbe man die Wand streicht, sollte man besser im Vorhinein ausloten - auf einer vorwurfsfreien Ebene.
imago images/Mark Airs
In welcher Farbe man die Wand streicht, sollte man besser im Vorhinein ausloten - auf einer vorwurfsfreien Ebene.

Essenziell sei dabei jedoch, dem anderen ohne Vorwürfe zu begegnen. "Es soll nicht um das Recht an der eigenen Haltung gehen, damit kommt man nicht weiter", erklärt sie. Stattdessen könne man beschreiben, wie es einem geht und vor allem nachfragen, warum ein Thema für den Partner besonders wichtig oder unwichtig ist. "Über das emphatische Zuhören kann ein Verständnis wachsen", so Geschke. "Bestenfalls wird der Konflikt weicher und man kann das Thema besser verhandeln".

Liebe ist die Erfahrung wert – auch, wenn sie irgendwann endet

In das berüchtigte verflixte siebte Jahr geraten Paare heute häufig schon viel eher, als es früher der Fall war. Vermutlich erleben viele junge Paare eher so etwas wie das verflixte vierte Jahr, meint Geschke. Um diese von Zweifeln geprägte Zeit zusammen zu überstehen, gilt es, eine Bilanz zu ziehen: "Wie fühlt sich die Beziehung heute an? Stimmt die Gleichung zwischen Nähe und Autonomie? Unternehmen wir genug zusammen, unterstützen uns in unseren Lebensthemen, Sorgen und Nöten?", zeigt Geschke mögliche Fragen auf.

_202105191303_full.jpeg
Christine Geschke
Zur Person:

Christine Geschke ist Diplom-Psychologin und führt als Paartherapeutin eine eigene Praxis in Hamburg-Eppendorf. Die studierte Neurowissenschaftlerin hat außerdem den Ratgeber "Alles auf neu: Mit Neuro-Paartherapie Beziehungsmuster durchbrechen und zusammen glücklich sein" veröffentlicht und tritt regelmäßig als Expertin in diversen Medien-Formaten auf.

Dass ein junges Paar diese Beziehungsphase erreicht, ist alles andere als selbstverständlich. Die Schwelle, die Entdeckungsreise, wie Geschke die junge Liebe umschreibt, zu beenden, ist gesunken. Doch daran ist nichts falsch.

Dieser Text gehört zu unserem neuen Ressort #neo, das sich speziell an junge Leserinnen und Leser richtet. Mehr Infos und alle Texte findest Du hier.

"Auch, wenn eine intensive, hochromantische Liebe irgendwann endet, ist sie die Erfahrung wert", bekräftigt Geschke. "Die meisten Meschen haben den Herzschmerz bislang überlebt. So eine Katastrophe kann man überleben, auch wenn es lange dauert. Es ist wichtig zu wissen, dass man emotionale Katastrophen überleben kann".

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen