„1,80 m, männlich, Südländer'“ : Verstärkt die Polizei bei Personenfahndungen Rassismus?

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Warum verwendet die Polizei den Begriff 'Südländer', wenn sie nach Tätern fahndet?
Warum verwendet die Polizei den Begriff "Südländer", wenn sie nach Tätern fahndet?

Bei Fahndungen wird oft der problematische Begriff "Südländer" benutzt. Warum die Polizei trotzdem daran festhält.

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16. Juni 2021, 10:30 Uhr

Hamburg | In diesem Artikel erfährst Du:

  • Warum der Begriff "Südländer" problematisch ist.
  • Wer damit eigentlich gemeint ist.
  • Was die Polizei dazu sagt.
Der Täter ist männlich, vermutlich Südländer und wurde vom Opfer als junger Erwachsener beschrieben. Er hatte dunkle, dichte Haare, eine schmale Figur und trug helle Kleidung. Täterbeschreibung in einer Polizeimitteilung

Täterbeschreibungen wie diese liest man oft bei Personenfahndungen von der Polizei. Die Begriffe "Südländer" und "südländisch" werden dabei für Menschen benutzt, die aus dem Mittelmeerraum, aber auch aus Nordafrika oder Lateinamerika kommen können. Das ist problematisch: Durch die auf Vermutungen basierende Verknüpfung von bestimmten Herkünften mit Kriminalität können bei der Fahndung nach Personen rassistische Stereotype in der Gesellschaft verstärkt werden.

Was ist der Ursprung des Begriffs "Südländer"?

Jöran Landschoff, Promovierender in der germanistischen Linguistik an der Universität Heidelberg erklärt im Gespräch mit unserer Redaktion die Problematik, die hinter der Verwendung dieser Begriffe – vor allem im Kontext mit Straftaten – steht.

"Das Wort selbst ist unschuldig", sagt Landschoff, "gleichzeitig ist es richtig, dass damit gewisse Bedeutungen einhergehen, die reproduziert werden und sich so fortsetzen." Um das Wort zu verstehen, werde ein kultureller Kontext benötigt, der das Wort problematisch mache. Die negative Assoziation in der Gesellschaft kann zu Diskriminierung und Rassismus gegenüber Personen führen, die aufgrund ihres Aussehens in das beschriebene Schema passen, sagt Landschoff. Das Wort in seiner Zusammensetzung sei an sich zunächst einmal nicht das Problem, so der Sprachwissenschaftler.

Anschaulich wird das, wenn man im Vergleich das Wort "Nordländer" betrachtet, das genauso unkonkret wie "Südländer" Menschen aus Skandinavien bezeichnen könnte, aber weit weniger negative Assoziationen weckt. Mit beiden Begriffen gehen jedoch Stereotype, gesellschaftliche Vorstellungen und eine Verallgemeinerung heterogenen also nicht gleichförmigen Personengruppen einher.

Es ist nicht das Wort selbst, sondern das, was wir mit dem Wort tun. Sprachwissenschaftler Jöran Landschoff

Wer sind denn diese "Südländer"?

Der Begriff "Südlander" wird im allgemeinen Sprachgebrauch für eine nicht klar definierte Gruppe Menschen benutzt. Das Wort verallgemeinert dabei stark und wirft Menschen verschiedenster Herkunft in einen Topf. Bei Fahndungen erfüllt es die Funktion, die Herkunft von gesuchten Personen nur minimal auf ein grobes Gebiet einengen zu müssen. Durch diese Ungenauigkeit fallen jedoch auch sehr viele Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen in das Raster.

"Kriminell", "temperamentvoll" und "feurig"

Landschoff berichtet von der Kookkurrenzdatenbank (CCDB) des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim, mit der er arbeite. Dort werden Texte hinsichtlich ihrer Wortwahl analysiert. Dabei sei auffällig, dass der Begriff des "Südländers" vor allem in Verbindung mit den Schlagwörtern "Täter" und "kriminell" aber auch "temperamentvoll" und "feurig" auftrete. Das bestätigt die Annahme, dass der Begriff mit einer gesellschaftlichen Erwartungshaltung einhergeht, die stark im Feld der Kriminalität zu liegen scheint.

Die wiederholte Verwendung des Begriffes in diesem polizeilichen Zusammenhang verursacht, dass auch in der Gesellschaft eine negative Bedeutung wahrgenommen wird. Diese spiegelt sich dann wiederum bei der nächsten Täterbeschreibung wieder, obwohl die Herkunft der Person auch durch den Begriff wenig eingeengt wird.

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Was leistet der Begriff "Südländer"?

Warum die Bezeichnung immer noch von der Polizei eingesetzt wird, schätzt Landschoff folgendermaßen ein: "Der Begriff leistet die sprachliche Funktion, sich nicht auf einen Herkunftsstaat festlegen zu müssen. Er ist spezifisch genug für eine prototypische Beschreibung, aber vage genug um die Sache einzugrenzen und nicht bestimmte Länder nennen zu müssen."

Eine weitere Problematik der Beschreibung als 'südländisch' ist, dass eine Assoziation mit einem sehr allgemeinen Wort in Gang gesetzt, also eine generalisierte Vorstellung von Aussehen und anderen Merkmalen mit dem Wort verknüpft wird. Das bedeutet, dass sich zwar grob viele Menschen etwas ähnliches unter einem Begriff vorstellen können, eine individuelle Beschreibung oder Vorstellung anhand eines Begriffes aber nicht möglich ist.

Tafel mit einer Täterbeschreibung bei einer Pressekonferenz.
Armin Weigel / dpa
Tafel mit einer Täterbeschreibung bei einer Pressekonferenz.

Landschoff betont allerdings, dass die geografische Zuordnung von Menschen anhand bestimmter Herkunftsmerkmale – die ursprüngliche Herkunft kann auch zwei bis drei Generationen zurückliegen – oftmals grob funktioniert. Diese Zuordnung nach äußerlichen Merkmalen kann jedoch für Personen sehr verletzend sein und steht dementsprechend in der Kritik. "Kategorien sind immer genauso richtig wie sie falsch sind", sagt Landschoff. "Sprachlich können und wollen wir bestimmte Aspekte einer Person hervorheben und dadurch muss immer der Rest der Person verborgen bleiben. Das ist immer auf eine vorethische Art gewaltvoll und immer wenn ein sozialproblematischer Komplex dahinter steht wird auch die Bezeichnung problematisch. Landschoff vermerkt zum Schluss: "Von der Polizei kann schon erwartet werden, Sensibilität und Reflexionsfähigkeit zu zeigen".

Der Begriff wird genutzt, um abzugrenzen

Lars Elsebach, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Kassel, erklärt im Gespräch mit unserer Redaktion, warum die Polizei den Begriff bei Personenfahndungen immer noch nutzt und weshalb er bei der Aufklärung von Verbrechen hilfreich sein kann.

Geschlecht, Größe, Statur, Barttracht, Haarfarbe, Augenfarbe, Sprache, Kleidung, Hautfarbe – so individuell wie möglich sollte eine Personenbeschreibung im besten Fall sein, sagt Lars Elsebach. Personen mit "südländischer Herkunft" können aus Italien, Spanien, Griechenland, Südfrankreich, der Türkei aber auch aus Nordafrika stammen. Der Begriff würde genutzt um abzugrenzen.

Dieser Text gehört zu unserem neuen Ressort #neo, das sich speziell an junge Leserinnen und Leser richtet. Mehr Infos und alle Texte findest Du hier.

Elsebach vermerkt jedoch, dass bei solchen Beschreibungen Nachteile für Personen entstehen können, die bestimmten äußeren Merkmalen entsprechen und dass diese öffentliches Misstrauen erfahren können. Und auch in anderen Ländern würde, wenn nach stereotypen Deutschen gesucht werde, teils abwertende Begriffe verwendet werden.

Daseinsberechtigung durch Mangel an anderen Bezeichnungen?

"Mir fiele kein Begriff ein, der allgemein genug wäre, um nicht zu speziell zu sein", so Elsebach über den Mangel an Alternativen zu dem Begriff "Südländer". Jedes Merkmal, das über einen Täter festgehalten werde, auch wenn es einer Sprache bedarf, die verletzen könnte, könnte zum Fahndungserfolg beitragen. Fahndungen dürften weder geringschätzend noch wohlwollend sein, betont er. Es handle sich um eine sachliche Beschreibung, die nicht sprachlich und gesellschaftlich gewertet werden sollte.

Aber gibt es denn Alternativen? Wenn man ein Wort aus politischer Korrektheit nicht mehr verwenden würde, würde es durch ein "Ersatzwort" ersetzt, das dann wiederum diskriminierend genutzt werden könnte, meint der Polizeigewerkschaftler. Deshalb ergibt es für Elsebach keinen Sinn, neue Wörter für Personengruppen zu etablieren. Er sagt aber auch, dass ein Wort sich immer mehr gesellschaftlich verfestige, je öfter wir es in einem bestimmten Kontext hören.

Es darf auf keinen Fall eine Stigmatisierung aufgrund eines Fahndungsaufrufs geben. Lars Elsebach, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP)

Könnten Phantombilder helfen?

Durch das Anfertigen von Phantombildern können Menschen auch ohne sprachliche Beschreibung Täter wiedererkennen. In der Realität ist das aber wahrscheinlich nicht umzusetzen, meint Elsebach, da es nicht genug Personal gibt, das Phantombilder anfertigen kann. Die Zeugen müssten den Täter zudem sehr detailliert beschreiben, um ein aussagekräftiges Bild zeichnen zu lassen.

Könnten Phantombilder diskriminierende Sprache bei Fahndungen verhindern?
Ole Spata / dpa
Könnten Phantombilder diskriminierende Sprache bei Fahndungen verhindern?

Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei Kassel zeigt sich jedoch offen für neue Vorschläge: "Man bräuchte ein Team von Sprachwissenschaftlern, das sich mit einer sachlichen Beschreibung von Personen beschäftigt ohne abwertend zu sein oder einem Rassismusvorwurf ausgesetzt zu sein."

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