Landwirt streamt auf Twitch : Hannes Kuhnwald fährt täglich mit 50.000 Zuschauern übers Feld

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Einer seiner Lieblingsplätze: Hannes Kuhnwald ist Landwirt aus Leidenschaft und lässt tausende das täglich erleben.
Einer seiner Lieblingsplätze: Hannes Kuhnwald ist Landwirt aus Leidenschaft und lässt tausende das täglich erleben.

Landwirt Hannes Kuhnwald aus Friedland streamt seit mehr als vier Jahren seinen Arbeitsalltag in der Landwirtschaft. Mit seinen Abonnenten fachsimpelt er über Anbaureihenfolgen, vermittelt aber auch Grundlagen.

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14. Juli 2021, 11:09 Uhr

Friedland | Vier Milane kreisen über dem Häcksler, der Reihe für Reihe das geschnittene Gras in sich aufsaugt, zu kleinen Schnipseln verarbeitet und wieder auf einen Anhänger spuckt. Doch es sind an diesem Morgen nicht die einzigen Beobachter, die genau schauen, was Landwirt Hannes Kuhnwald und sein Team auf den Friedländer Wiesen, im östlichen Zipfel der Mecklenburgische Seenplatte, tun.

Der Landwirt sendet seit vier Jahren live aus seinem Traktor. An manchen Tagen sind mehr als 50.000 Zuschauer dabei, wenn er Weizen sät, Flüssigdünner ausbringt oder aber die neue Technik auf Herz und Nieren prüft.

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Entstanden ist das Projekt aus einer Laune. Sein Schwager hat ihm vorgeschlagen, der Welt zu zeigen, was er täglich macht. „Ich war mir sicher, das guckt kaum einer. Doch als die ersten zehn Zuschauer da waren und geblieben sind, habe ich weitergemacht, in bessere Technik investiert“, erzählt der 31-Jährige.

Grundlagen der Landwirtschaft erklärt

Auf der Streaming-Plattform Twitch haben sein Profil „landwirt_in_mv“ aktuell mehr als 45 tausend Menschen abonniert.

Die Hälfte, so schätzt Hannes Kuhnwald, haben mit der Landwirtschaft kaum Berührungspunkte und nutzen seinen Kanal zur Unterhaltung, aber auch Weiterbildung. Denn in den fünf bis zehn Stunden, die er fast täglich die Menschen an seiner Arbeit teilhaben lässt, erklärt er gern Grundlagen der Landwirtschaft: Fruchtfolgen, die Notwendigkeit von Dünger, Bodenbearbeitungsverfahren und selbst Lektüre-Tipps hat der Landwirt parat.

„Ich mache das nicht, um jemanden zu belehren und ich habe sicher nicht bei allen Dingen recht. Es mir aber wichtig, dass die Menschen, die über uns Landwirte urteilen, sich zuvor ein Bild machen. Bei mir können sie nachfragen und ich diskutiere auch gern mit ihnen. Es sollte nur fair bleiben“, sagt er mit Nachdruck.

Präzision ist beim Häckseln gefragt, denn das Futter soll am Ende auch im Anhänger landen. Das erledigt der Friedländer aber auch neben dem Streamen mit Bravour.
Katja Müller
Präzision ist beim Häckseln gefragt, denn das Futter soll am Ende auch im Anhänger landen. Das erledigt der Friedländer aber auch neben dem Streamen mit Bravour.

Und im Gegensatz zu manch anderen Plattformen ist es auf dem Kanal von Hannes Kuhnwald erstaunlich freundlich. „Es ist nicht so, dass hier alle auf Kuschelkurs sind, aber es bleibt meistens über der Gürtellinie und wenn es doch mal abrutscht, dann greifen die Moderatoren ein“, sagt er.

Witze. Wetter. Werbung.

Zehn dieser Moderatoren hat der Friedländer auf seinem Kanal, die für ihn erklären, teilweise antworten, weil manchmal Fragen im Sekundentakt gestellt werden oder zehn Mal die gleiche innerhalb kurzer Zeit kommt. „Ich muss mich nebenbei auf meine Arbeit konzentrieren. Aber ich versuche, so viel wie es geht, mit den Leuten zu reden und alles mündlich zu beantworten“, sagt der 31-Jährige. Wenn er dann beim Filmen doch mal Hilfe braucht, ist seine Frau Lisa gern zur Stelle.

Um möglichst alle Schritte abzubilden, hat er in Technik investiert. Die Investitionen dafür hat er über seine Kanäle generiert. Montage ist selbstverständlich Chefsache.
Katja Müller
Um möglichst alle Schritte abzubilden, hat er in Technik investiert. Die Investitionen dafür hat er über seine Kanäle generiert. Montage ist selbstverständlich Chefsache.

Neben reichlich Fachwissen, das ausgetauscht wird, geht es auch um Unterhaltung: Witze. Wetter. Werbung. Letzteres geschehe aber eher unbewusst. „Ich habe auch schon aufgrund meiner Reichweite Angebote von Landmaschinenherstellen bekommen. Doch darum geht es mir nicht. Ich mache das, was ich auch für meine Arbeit gebrauchen kann“, sagt Hannes Kuhnwald.

Und so kommt es, dass neben seinem Claas Häcksler auch Landwirtschaftstechnik von New Holland, Fendt oder John Deere auf dem Hof steht. „Das schätzt die Community. Ich bin vielfältig und so soll es sein“, betont er und lässt nicht unerwähnt, dass darin ein Teil seines Erfolges begründet sei: „Wenn du als Landwirt auf neue Technik aus bist, hast du kaum eine Chance, dich gut zu informieren. Oft sind das ein paar verwackelte Handyvideos“, erzählt der Friedländer. Bei ihm gebe es den echten Praxistest.

Der Weizen auf seinen Feldern hat es schwer in diesem Jahr, denn die Bodenpunkte schwanken manchmal zwischen 15 und 60.
Katja Müller
Der Weizen auf seinen Feldern hat es schwer in diesem Jahr, denn die Bodenpunkte schwanken manchmal zwischen 15 und 60.

Zudem möchte er aufklären, Vorurteile gegen Landwirte abbauen und den Menschen die Produktion der Lebensmittel näher bringen. Auf seinen rund 1000 Hektar wächst neben Mais, Bohnen, Sonnenblumen, Luzerne, Weizen auch Hafer. Seit 2015 verkauft er nichts an den Handel, sondern vermarktet die Ernte in seinem Futterhandel, ein Teil lande in der Biogasanlage und mit dem benachbarten Kuh-Bauern gebe es eine Kooperation. „Die Leute wünschen sich immer vielfältige Kulturen. Das sieht alles schön aus, aber man muss es loswerden. Ich habe die Nische mit dem Futtermittelhandel und kann so meinen Anbau an die Bedürfnisse der Kunden anpassen“, sagt Hannes Kuhnwald.

Kichererbsen auf einem Acker in MV

Gelegentlich probiert er neue Dinge aus. Im nächsten Jahr will er Kichererbsen säen. In den Vorjahren hat er er bereits auf Soja gesetzt. Doch der Verkauf lief schleppend bis gar nicht. „Dann brauche ich das nicht machen, denn wir müssen Rechnungen und Angestellte bezahlen“, sagt er mit Nachdruck. Von Letzteren hat er vier. Die passenden Leute zu finden, das sei selbst für einen so bekannten Influencer wie Hannes Kuhnwald nicht leicht.

Ein Studio braucht Hannes Kuhnwald nicht, er sendet fast täglich live vom Fahrersitz seiner Landmaschinen, hier im Häcksler.
Katja Müller
Ein Studio braucht Hannes Kuhnwald nicht, er sendet fast täglich live vom Fahrersitz seiner Landmaschinen, hier im Häcksler.

Vor einigen Monaten hat er online einen Aufruf gestartet. Der Erfolg? Mäßig. „Ich hatte gut 50 Bewerbungen und am Ende fünf gute Kandidaten“, sagt er und erzählt dann von zahlreichen Anfragen für Hofbesuche, Praktika oder Saisonarbeiten. Aber für all das hat er nur eine Antwort: Nein. „Ich streame während der Arbeit und schneide die Videos erst, wenn mein Sohn schläft. Denn das im Netz ist Hobby, aber die Familie geht vor“, sagt er. Und auf die Frage, wie viel Zeit er für die Sozial-Media-Arbeit in der Woche aufbringen muss, rechnet er kurz und kommt auf 15 Stunden.

Aktuell habe er sich kein bestimmtes Ziel gesteckt, wie lange der Live-Stream noch laufen wird. „Es gibt immer Hochs und Tiefs. Das wird die Zeit zeigen. Ich würde gern noch die 100.000 Abonnenten auf YouTube zusammenbekommen, aktuell sind es ein bisschen mehr als die Hälfte“, sagt er. Und mit der Landwirtschaft soll mit 50 Jahren Schluss sein. „Dann habe ich genug gearbeitet mit all den vielen Überstunden.“

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