Sarah Kirsch : Natürliche Distanz zur Außenwelt

Einfaches Leben in übersichtlicher Landschaft: Sarah Kirsch lebt seit fast drei Jahrzehnten in Dithmarschen. Foto: dpa
Einfaches Leben in übersichtlicher Landschaft: Sarah Kirsch lebt seit fast drei Jahrzehnten in Dithmarschen. Foto: dpa

Sarah Kirsch, eine der herausragenden Schriftstellerinnen des Landes, feiert heute ihren 75. Geburtstag. Ein Blick nach Tielenhemme (Kreis Dithmarschen).

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15. April 2010, 09:08 Uhr

Ob Würdigung oder Kritik, ein Artikel über Sarah Kirsch pflegt stets mit der Anreise zu beginnen. Einfach zu verlockend ist jene merkwürdige Landschaft, in der die 140-Seelen-Gemeinde Tielenhemme liegt. So weit der Blick reicht wenig ertragreiche Wiesen, moorige Tümpel, ärmliche Gehöfte. Dazu viele Schafe, aber wenig Menschen. Groß ist daher die Versuchung, vor dem Besuch bei der Poetin selbst zum Dichter zu werden.
Nun aber ist dieser bewährte "Einstieg" verloren. Nicht etwa, weil die Reisenden eingesehen haben, dass über den Rand der Dithmarscher Welt alles gesagt ist, sondern weil Sarah Kirsch sich möglichst alle Menschen vom Leibe hält. Vor allem solche, die etwas über sie in die Öffentlichkeit tragen wollen. Selbst dann, wenn es ein Jubiläum zu würdigen gilt, bleibt sie unnachgiebig. "Es geht mir nicht gut", daher könne sie kein Gespräch führen, begründet sie in kunstvoller Schrift ihre Absage, und schon diese Antwort ist eine Auszeichnung, wandern doch die meisten Briefe aus der Außenwelt in den "geliebten Papierkorb".
Soll man dennoch an der Haustür klingeln? Aber die ehemalige Zwergschule direkt hinter dem Eiderdeich zeigt sich einfach zu abweisend. Schon beim letzten Besuch vor 18 Jahren bröckelte die Treppe zum Eingang. Sie müsse halten bis sie unter dem Briefträger zusammenbreche, beschied Sarah Kirsch damals. Nun kann dieser Tag nicht mehr fern sein.
Und wo ist Hieronymus, der Esel, der einst jeden Besucher neugierig begrüßte? Die noch aus Berliner Zeiten nach Dithmarschen importierte Schildkröte Kleopatra könnte irgendwo im ungezähmten Garten überlebt habe. Und was ist mit den Schafen, die sich als wolliger Faden durch so viele Geschichten ziehen?
Erster Umzug mit einem Jahr

Ein einladender wirkendes Dichterhaus steht im thüringischen Limingerode, einem Ortsteil von Hohenstein. Hier wurde Sarah Kirsch am 16. April 1935 geboren. Vor der Heirat mit dem Lyriker Rainer Kirsch hieß sie Ingrid Bernstein. Den Vornamen Sarah nahm sie als Protest gegen den Holocaust und den Antisemitismus des Vaters an. Ein Förderverein hat das alte Pfarrhaus ihres Großvaters zur "Dichterstätte" umgebaut. Kunstschaffende aller Gattungen können hier leben, ausstellen, lesen und feiern.
Bereits ein Jahr nach Geburt der Tochter zieht die Familie nach Halberstadt, wo Sarah Kirsch das Abitur macht und anschließend in Halle Biologie studiert. Nach einem weiteren Studium am renommierten Johannes R. Becher-Literaturinstitut in Leipzig wird sie freischaffende Schriftstellerin, zwei Jahre später erscheint ihr erster Lyrikband mit dem Titel "Landaufenthalt".
Erst Scheidung, dann Geburt
Schon diese frühen Gedichte befassen sich mit der gestörten Beziehung zwischen Mensch und Natur, ein Thema, das ihr gesamtes Werk bestimmt. Nach der Scheidung zieht Sarah Kirsch 1969 nach Ostberlin, im gleichen Jahr kommt ihr Sohn Moritz zur Welt. Trotz erster Auszeichnungen kann sie vom Dichten allein nicht leben. Daher arbeitet sie nebenher als Journalistin und Übersetzerin.
Ihr Verhältnis zur SED-Führung ist in diesen Jahren noch ungetrübt. Sie ist Mitglied im Vorstand des Schriftstellerverbandes, nennt in einem ihrer frühen Gedichte die DDR zärtlich "mein kleines wärmendes Land". Doch obwohl sie keine politische Dichterin ist, kommt es zu Spannungen mit den Kulturoberen.
Den endgültigen Bruch bringt 1976 die Ausbürgerung von Wolf Biermann. Als sie mit anderen Kulturschaffenden einen Protest unterschreibt, wird sie aus der SED und dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Nach weiteren Schikanen durch die "Staatssicherheit" verlässt sie 1977 die DDR. Mit Unterstützung des schon in Schleswig-Holstein lebenden Kollegen Günter Kunert zieht sie 1983 nach Aufenthalten in Westberlin und im Niedersächsischen ins Schulhaus von Tielenhemme. Mitbewohner kamen und gingen. Mal ein Tonsetzer, dann ein Dichterkollege. Konstant geblieben sind die Ehrungen für ein Werk von höchster Qualität. Die Krönung bildet der Büchnerpreis. Auch das Land Schleswig-Holstein hat ihr alle zur Verfügung stehenden Auszeichnungen verliehen. Den begehrten Kunstpreis ebenso wie den Professoren-Titel. Beides Ehrungen, die bisher weder einem Günter Grass noch einem Günter Kunert zugestanden worden sind.
Menschenscheu und Melancholie
Im Vergleich zu diesen beiden Kollegen ist Sarah Kirschs Werk ausgesprochen übersichtlich. Es besteht neben den Gedichten aus knappen Prosastücken, die durch einen gemeinsamen Titel zusammengehalten werden. Das gilt beispielsweise für die stark autobiografische Chronik "Allerlei - Rauh" und für die Sammlung "Schwingrasen".
Sarah Kirsch befasst sich unentwegt mit der eigenen Person ohne den Leser abzuweisen oder auszusparen, stellte Marcel Reich-Ranicki in einer Würdigung fest, und sein Kollege Joachim Kaiser nannte sie schon 1994 in einer Besprechung des Prosa-Bandes "Das simple Leben" die "bedeutendste lebende Lyrikerin deutscher Sprache".
Doppelbödige Beschreibung des Wohnorts
Mittelpunkt dieses einfachen Lebens ist nun schon seit fast drei Jahrzehnten der Ort, den sie wie einen Straftäter T. nennt. Beim flüchtigen Lesen der Texte über Spaziergänge, Bootsfahrten auf der Eider, den Gesprächen mit Kater und Hund könnte man "am Rande der Welt" eine Idylle vermuten. Doch beim genaueren Hinsehen erkennt man das Doppelbödige. Kreisende Raben, dunkle Wolken und "der Falk" signalisieren Bedrohliches.
Scheitern müssen allerdings alle Versuche, an Hand des Werkes den jeweiligen Seelenzustand der Autorin zu ergründen. Glaubt man gerade noch, eindeutige Beweise für Menschenscheu und tiefe Melancholie entdeckt zu haben, überraschen in einer ihrer jüngsten Veröffentlichungen, "Sommerhütchen", Tagebucheintragungen voller Ironie, Spott und Witz. Ein skurriles Stilmittel sind eigenwillige Sprachschöpfungen. "Montauk" ist Montag, "spazoren" ist spazieren, Nebuhl ist Nebel. Daneben reiht sich Banales übergangslos an Dramatisches; die Kommentare über das im Fernsehen verfolgte Fußballspiel sind besser als die von Delling und Netzer; Roger Willemsen wird mit der Charakterisierung "Klugscheißer vom Dienst" im Vorübergehen erledigt.
Und sollte jemand auf die verwegene Idee kommen, Sarah Kirsch heute zum 75. gratulieren zu wollen, so hat er wohl nicht aufmerksam genug im "Sommerhütchen" gelesen: "Ich bin wie jedes Jahr um diese Zeit in Grönland. Da ich mit einem Eisbär verlobt ja bin."

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