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Rückkehr über MV : Nach Wölfen und Walen: Kommt jetzt der Elch nach SH?

vom
Aus der Onlineredaktion

Der größte aller Hirsche sucht sich seinen Platz in der deutschen Natur. Vielleicht verschlägt es ihn irgendwann auch nach SH.

shz.de von
erstellt am 04.Aug.2015 | 17:48 Uhr

Lübeck | Seit 250 Jahren gilt der Elch in Deutschland eigentlich schon als ausgestorben, doch ähnlich wie der Wolf kehren die Langbeiner allmählich zurück. In Ost-Brandenburg gibt es bereits seit zehn Jahren wieder eine eingesessene Elchfamilie.

Der Quell der neuen alten Art entspringt in Polen: 2001 hatte das Land die Jagd auf die Tiere verboten, weil die größte Hirschart auszusterben drohte. Die Population erholte sich rascher als erwartet. Inzwischen spricht man von öffentlicher Seite wieder von 16.000 Tieren, 2007 waren es noch 7000. Begründet mit den dadurch zunehmenden Waldschäden und Protesten aus der Fortwirtschaft sollte die Jagd im vergangenen Jahr per Gesetz wieder zugelassen werden. Doch das Unterfangen scheiterte an massivem Widerstand – auch in den sozialen Medien.

Dass sich die Elche in Polen breitmachen, hat Auswirkungen auch auf Deutschland. Seit etwa 2000 kommen verstärkt Elche für Ausflüge über die Grenze. Die Suche nach neuem Lebensraum treibt sie westwärts. So kommt es hierzulande in jedem Jahr zu mehreren Sichtungen. „Vor allem die halbstarken jungen Tiere ziehen los, um die Welt zu entdecken“, sagt Andreas Kinser, Forst- und Jagdreferent der Deutschen Wildtier Stiftung in Hamburg. Die Stiftung geht aber davon aus, dass nur eine Handvoll Tiere dauerhaft in Deutschland leben. „Die meisten Elche durchstreifen die Gegend nur auf ihrer Wanderschaft, ähnlich wie die Wölfe“.

Die Grenzflüsse Oder und Neiße sind dabei kein großes Hindernis, denn Elche sind gute Schwimmer. Vor der Paarungszeit erwacht bei Elchen der Wandertrieb. So bestehen im September meist die größten Chancen, einen Großhirsch zu Gesicht zu bekommen. Durchschnittlich 20-25 Neuerfassungen gibt es bei der Stiftung über das ganze Jahr gesehen. In diesem Jahr seien es bisher etwa fünf bis zehn gewesen, sagt Kinser.

Die bis zu 800 Kilogramm schweren Elche sind die größte lebende Hirschart. Julius Cäsar kam bei ihrem Anblick in Germanien zu dem Schluss, sie hätten keine Kniegelenke und müssten sich daher zum Schlaf gegen einen Baum lehnen. Doch die Langbeiner können Geschwindigkeiten wie ein Pferd aufnehmen.

Elche können eine Schulterhöhe von bis zu 2,30 Meter erreichen. Die Tiere mit dem mächtigen Schaufelgeweih ernähren sich vor allem von Zweigen, Blättern, Sumpf- und Wasserpflanzen. Elche leben als Einzelgänger oder in kleinen Gruppen und können etwa zwölf Jahre alt werden. Sie leben gewöhnlich in kälteren Regionen der Nordhalbkugel - vor allem in Kanada, den nordwestlichen USA, Sibirien und Skandinavien. Bis ins Mittelalter lebten Elche auch in ganz Deutschland. Später war ihr Hauptverbreitungsgebiet im Deutschen Reich die Provinz Ostpreußen. Allerdings schrumpften die Bestände rasch - die behäbigen Tiere waren leicht zu jagen, ihr Fleisch galt als schmackhaft.

Seit dem Zweiten Weltkrieg gilt der Elch in Deutschland endgültig als ausgestorben. Danach wanderten nur vereinzelte Tiere aus Polen und Tschechien nach Ostdeutschland und Bayern ein, in den vergangenen Jahren werden jedoch wieder häufiger Elche gesichtet. In Deutschland unterstehen sie zwar dem Jagdrecht, genießen aber das ganze Jahr über Schonzeit.

 

„Wir müssen bei höherem Populationsdruck mit mehr Einwanderung rechnen“, prognostiziert Ingo Ludwichowski vom NABU in Schleswig –Holstein. In 20-30 Jahren könne der Elch als feste Art wieder sesshaft sein, meint er. Der größte und beinahe einzige Feind der Tiere sei der Straßenverkehr, ein Blick nach Schweden, wo es jährlich 5000 bis 6000 Unfällen komme, zeige das. „Grüne Brücken“ könnten gewährleisten, dass die Landschaft wieder durchlässiger für Tierarten mit großen Raumansprüchen gemacht werde. Die Wanderrouten der Elche sind vielerorts von Straßen unterbrochen. In Mecklenburg Vorpommern sichten Autofahrer alljährlich die stoisch wirkenden Läufer. Für besonderes Aufsehen sorgte im Oktober 2013 ein Elch zwischen den Autobahn-20-Abfahrten Strasburg und Friedland. Er wurde angefahren, flüchtete und musste später eingeschläfert werden.

Verkehrsrisiko Elch: Auf den Straßen Skandinaviens kommt es jährlich zu Tausenden Unfällen mit den Tieren.
Verkehrsrisiko Elch: Auf den Straßen Skandinaviens kommt es jährlich zu Tausenden Unfällen mit den Tieren. Foto: Imago/By-line

Ob Elche längerfristig auch in Schleswig-Holstein heimisch werden könnten, hängt auch von der Entwicklung in Mecklenburg-Vorpommern ab. Sollte sich dort eine feste Population etablieren, meint Ludwichowski, werde man in Zukunft auch häufiger Elche in SH antreffen. Wesentliches Hemmnis sie der Verkehr. Dort, wo aber Moore und vor allem Gewässer vorkämen, könne sich der Elch immer wohlfühlen.

Vor genau 45 Jahren sorgte ein junger Elch aus Polen in Schleswig-Holstein für Trubel. Er hatte es im Spätsommer 1970 über die DDR-Grenze geschafft und spazierte fünf Tage durch die Straßen Lübecks. Dann wurde er erschossen – wohl versehentlich – denn das Narkosemittel wollte nicht wirken. Erst nach dem achten Schuss sackte er zusammen - und starb wenig später an einem Kreislaufkollaps. Nur Wochen später wurde ein republikflüchtiger Jung-Elch im Todesstreifen der DDR-Grenze bei Lübeck-Herrnburg von drei Tretminen zerfetzt.

Insgesamt zählt die Statistik in Schleswig-Holstein sechs Elchsichtungen seit dem 20. Jahrhundert. Der letzte wilde Elch wurde vor 15 Jahren gesehen. Besagtes Tier marschierte 300 Kilometer durch Mecklenburg-Vorpommern bis nach Bäk im Kreis Herzogtum Lauenburg. Dort wurde es illegal, unter Missachtung der ganzjährigen Schonfrist, von einem Jäger erlegt. Somit konnten keine weiteren Rückschlüsse auf seine Bewegungen und Absichten auf dem gewählten Terrain mehr gesammelt werden.

Kinser hält es allemal für wahrscheinlich, dass die langbeinigen Großhirsche in Deutschland wieder heimisch werden. Schließlich seien die Tiere bis zum 18. Jahrhundert in Deutschland verbreitet gewesen. „Sie müssen nur den geeigneten Lebensraum finden“, so der Biologe. Das sei nicht nur im dünnbesiedelten Brandenburg mit seinen Feuchtwiesen und weitläufigen Moor- und Bruchwäldern der Fall. Auch in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern gäbe es geeignete Gebiete. Großräumige Truppenübungsplätze wie Grafenwöhr in der Oberpfalz seien wie für den Elch gemacht. So weit westlich ist der Elch in diesem Jahrtausend offiziell aber noch nicht aufgetreten.

Offenbar mehren sich die Aufeinandertreffen von Mensch und Elch. Auf der A3 wurde im Juni ein Tier in Bayern von einem Auto gerammt. Der Kadaver wurde mit einem Kranwagen geborgen. Dass Elche von Tschechien nach Bayern über den Moldau-Stausee übersetzen, sei keine Seltenheit, bestätigt Kinser. In Tschechien gebe es seit längerem eine kleine Population. Der verirrte Elch, der 2014 wiederum die Glasfront des Bürogebäudes von Siemens in Dresden durchbrach und sich anschließend vier Stunden zwischen Glasscheibe und Wand aufhielt, kam aus Polen. Er wurde mit einem Betäubungsgewehr niedergestreckt und kam in einen Zoo.

Der Elch bei Siemens in Dresden.
Der Elch bei Siemens in Dresden. Foto: dpa

Mit einer Einwanderung von Teilen der 350.000 schwedischen Elche über Dänemark ist nicht zu rechnen, sagen die Experten. Die Schwimmdistanz sei eigentlich zu groß. In Jütland sind die Großhirsche schon seit 5000 Jahren ausgestorben. 1999 schaffte es aber ein Tier, schwimmend über den Öresund auf die Hauptstadtinsel Seeland zu gelangen. „Helge“ wurde berühmt und erhielt gar ein eigenes Elch-Warnschild. Nachdem er von einem Intercity-Zug gerammt wurde und starb, stellten die Veterinäre fest, dass Helge eigentlich eine „Helga“ war. „Dänemark hat seinen Status als Elchnation verloren“ spottete eine schwedische Zeitung.

Das Thema Elch ist in Dänemark seitdem dennoch ein heißes Eisen. Im Nationalpark „Lille Vildmose“ im Norden Jütlands wollen die Förster aus der in Polen so bemängelten Gefräßigkeit der Riesen Nutzen schlagen. Ab 2016 werden aus Schweden importierte Tiere die Pflege des eng bewuchterten Hochmoores übernehmen. Die Entstehung eines neuen Elch-Stamms mit 30 bis 40 Tieren ist angedacht. Vom Ausbüxen abgehalten werden sollen die umtriebigen Langstreckenläufer durch Vieh-Roste.

(Mit dpa)

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