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Musik : Vom Verfremden: 13 neue Experimente von Slut

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Bertolt Brechts Einfluss auf die Rockband Slut ist nicht zu überhören. Vor rund sieben Jahren haben die fünf Bayern die «Dreigroschenoper» neu interpretiert und aufgenommen.

Was damals noch erste Samen waren, sind heute 13 saftige Früchte: 13 Songs auf der neuen Platte «Alienation».

Der Albumtitel - übersetzt heißt er «Entfremdung» - erinnert an Brechts Theater der Verfremdung. Dem Gewohnten müsse «das Selbstverständliche, Bekannte, Einleuchtende» genommen und damit «Staunen und Bewunderung» erzeugt werden - so hat Brecht im vorigen Jahrhundert den Begriff «Verfremden» zusammengefasst.

Genauso machen es Slut: Einerseits erfinden sie sich auf «Alienation» nicht neu. Sie spielen weiterhin ihren ein wenig entrückten Indie-Rock. Den Sinn für gute Melodien teilen sie mit Alternative-Größen wie Editors, Kashmir oder Interpol. Die Stimme von Sänger Chris Neuburger ist genauso weich und eindringlich wie auf den Vorgänger-Alben.

Andererseits klingen die 13 Songs ein wenig fremd, übermütig, frisch. Es frickelt und zischt, es knackt und knistert, loopt und mäandert. Knapp zwanzig Jahre nachdem sich die Jungs in ihrer damaligen Heimat Ingolstadt zusammengefunden haben, werden sie auf der neuen Platte experimentell: mit Einflüssen von Minimal, Elektro, sogar Weltmusik.

Richtig poppig ist die Uptempo-Nummer «Remote Controlled». Der Song über Fremdbestimmung hat mit seinem New-Order-Beat großes Ohrwurm-Potenzial. «We have agingly arrived» («Wir sind alternd angekommen») singen sie dort. «Silk Road Blues» steigert sich in ein halluzinatives Sitar-Mantra. Und das wunderbar verrückte «Broke My Backbone» wartet mit dickem Dubstep-Bassteppich.

Den Stadionrock und die Gitarrenwände ihres üppig instrumentierten Dicke-Hosen-Vorgängers «StillNo1» haben Slut vorerst zurückgestellt. Für «Alienation» ließen sie sich fünf Jahre Zeit. «Wir sind eine Band, die für alles ziemlich lange braucht», haben sie einmal verraten. Vielleicht liegt es daran, dass sie trotz mittlerweile sieben Studioalben hauptberuflich noch anderweitig unterwegs sind: als Architekt, Webdesigner oder Radio-Journalist.

«Alienation» habe eine «Opus-Magnum-Aura», schreibt die Autorin Juli Zeh («Nullzeit»). Mit ihr hatte die Band in den vergangenen Jahren ein multimediales Theaterstück auf die Beine gestellt. Zeh findet Vertrautes in neuem Licht: «In dieser Musik fühlt man sich zu Hause, ohne den Geruch ungelüfteter Sofakissen ertragen zu müssen.»

Das Musikmagazin «Piranha» bezeichnet Slut in seiner aktuellen Ausgabe als «Deutschlands beste Band». Die Jungs kommentieren das ganz zurückhaltend bei Facebook: «Klingt gut, aber für uns ist Musik kein Wettbewerb.» Vielleicht wissen sie selbst gar nicht, wie gut sie eigentlich sind. Mit «Alienation» jedenfalls haben sie Brechts Forderung eingelöst: «Staunen und Bewunderung erzeugen»!

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erstellt am 19.Aug.2013 | 00:20 Uhr

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