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Dirigent der Einheit : Kurt Masur ist tot

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Er war ein Weltstar des klassischen Musik und ein großer Künstler. Doch er gab sich stets bescheiden. Jetzt ist der Dirigent Kurt Masur gestorben.

shz.de von
erstellt am 19.Dez.2015 | 17:25 Uhr

Die Musik war für den Dirigenten Kurt Masur mehr als nur ein Beruf. „Wenn man alle Menschen der Welt in einen Konzertsaal setzen könnte, würden sie zumindest für zwei Stunden friedvoll sein“, sagte er einmal. Masur liebte die Musik, er nannte sie „mein Motor“.

Der Motor trieb den ehemaligen Leipziger Gewandhauskapellmeister auch im hohen Alter auf die Konzert-Bühnen dieser Welt, auch wenn die Parkinson-Krankheit ihm das Umblättern der Noten zusehends schwerer machte. Am Samstag ist Leipzigs Ehrenbürger Kurt Masur im Alter von 88 Jahren gestorben.

Der in Schlesien geborene Masur begann schon mit fünf Jahren, sich selbst das Klavierspiel beizubringen. Eigentlich wollte er Organist werden. Doch als 16-Jähriger erfuhr er beim Arzt, dass seine Finger wegen einer genetischen Sehnenverkürzung im Laufe der Zeit verkrüppeln werden. Er sattelte aufs Dirigieren um. Masur studierte an der Musikhochschule Leipzig, bekam dann Kapellmeister-Jobs in Halle, Erfurt und an der Leipziger Oper, war Chefdirigent bei Walter Felsenstein an der Komischen Oper Berlin sowie Chefdirigent bei den Dresdner Philharmonikern.

Stardirigent und Weltbürger - Kurt Masurs Leben in einer Kurzbiografie:

1927

Er kommt am 18. Juli in Brieg (Schlesien) zur Welt. Nach einer Lehre als Elektriker besucht Masur die Landesmusikschule in Breslau.

1946-1948

Nach kurzem Kriegsdienst (1944/45) schreibt er sich am Leipziger Konservatorium ein. Er bricht sein Studium jedoch 1948 ab.

1948-1953

Engagements in Halle und Erfurt als Kapellmeister.

1955-1972

Erste hauptamtliche Stelle bis 1958 bei der Dresdner Philharmonie, von 1967 bis 1972 als Chefdirigent. Dazwischen Generalmusikdirektor in Schwerin und Chefdirigent an der Komischen Oper in Berlin. Er wird einer der wichtigsten Dirigenten der DDR.

1970-1996

Gewandhauskapellmeister in Leipzig. Nach seinem Abschiedskonzert an Silvester 1996 wird Masur zum ersten Ehrendirigenten des Orchesters ernannt.

1989

Während der Montagsdemonstrationen am 9. Oktober gehört er zu den Unterzeichnern des Aufrufs „Keine Gewalt!“.

1991-2002

Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker. Ernennung zum Musikdirektor auf Lebenszeit.

2002-2008

Er leitet das Orchestre National de France, außerdem ist er Chefdirigent des London Philharmonic Orchestra.

2012

Masur stürzt bei einem Konzert in Paris und bricht sich das Schulterblatt. Später macht er seine Parkinson-Erkrankung öffentlich.

2013

Bei einem Sturz in Tel Aviv bricht er sich die Hüfte und muss mehrere Konzerte absagen. Für sein Lebenswerk erhält Masur den Europäischen Kulturpreis.

2014

Masur muss sein Geburtstagskonzert mit dem französischen Nationalorchester in Paris aus gesundheitlichen Gründen absagen.

2015

Der Dirigent stirbt am 19. Dezember.

 

Im August 1970 trat der Ingenieurssohn in die Fußstapfen von Felix Mendelssohn Bartholdy - als Kapellmeister des Leipziger Gewandhauses. „Ich bin mit den Musikern gewachsen. Es war ein Geschenk, ein gegenseitiges Geben und Nehmen“, sagte er Jahrzehnte später. Masur prägte den besonderen Klang des Gewandhausorchesters, absolvierte mit dem Ensemble 900 Tourneekonzerte; zu DDR-Zeiten auch im „kapitalistischen Ausland“. 1981 erfüllten ihm die DDR-Oberen sogar den Traum einer neuen Spielstätte. „Ich wurde ausgelacht, als ich sagte, das neue Gewandhaus wird gebaut“, erzählte Masur. Das Gewandhaus wurde gebaut.

Leipzig, die international renommierte Musikstadt, prägte Masur. „Leipzig hat mich getragen, als ich Student war. Leipzig hat mich getragen, als ich Operndirektor war. Leipzig hat mich getragen, als ich Gewandhauskapellmeister war“, sagte er. Und mit dem Ende der DDR kam ihm eine weitere bedeutsame Rolle zu: Er wurde „Dirigent der deutschen Revolution“.

Kurt Masur und die friedliche Revolution

Am 9. Oktober 1989 schrieb Kurt Masur ein Kapitel der friedlichen Revolution mit. Der damalige Gewandhauskapellmeister sprach den „Aufruf der Leipziger 6“, in dem zum Gewaltverzicht bei der Montagsdemonstration in Leipzig aufgerufen wurden. Rund 70.000 Menschen hatten sich in der Messestadt versammelt, um unter dem Ruf „Wir sind das Volk“ gegen die Verhältnisse in der DDR zu protestieren. Über den Leipziger Stadtfunk, rund 200 Lautsprecheranlagen in der Stadt, rief Masur zur Besonnenheit auf.

Neben dem Dirigenten waren am „Aufruf der Leipziger 6“ der Pfarrer Peter Zimmermann, der Kabarettist Bernd-Lutz Lange sowie die Sekretäre der SED-Bezirksleitung Kurt Meyer, Jochen Pommert und Roland Wötzel beteiligt. Der 9. Oktober 1989 blieb friedlich - und gilt seitdem als entscheidender Tag der friedlichen Revolution.

Das waren Masurs Worte: „Unsere gemeinsame Sorge und Verantwortung haben uns heute zusammengeführt. Wir sind von der Entwicklung in unserer Stadt betroffen und suchen nach einer Lösung. Wir alle brauchen einen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Land. Deshalb versprechen die Genannten heute allen Bürgern, ihre ganze Kraft und Autorität dafür einzusetzen, dass dieser Dialog nicht nur in der Stadt Leipzig, sondern auch mit unserer Regierung geführt wird. Wir bitten Sie dringend um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog möglich wird. Es sprach Kurt Masur.“

 

Als 63-Jähriger tauschte der mit dem Nationalpreis der DDR ausgezeichnete Musiker kurzzeitig den Taktstock gegen das Megafon ein. Im Herbst 1989 trug er mit seinem Gewaltverzichts-Appell zum unblutigen Ende der DDR bei. „Es ist mehr nachvollziehbar für jene, die es nicht miterlebt haben, was damals geschehen ist. Man kann es nicht erklären, aber etwas ist geblieben: der Geist der Leipziger Erneuerung“, sagte er in einem dpa-Interview.

Obwohl der Pulloverliebhaber später auch als Chefdirigent des New York Philharmonic Orchestra (1991-2002) vom amerikanischen Publikum verehrt wurde und danach als Chef des London Philharmonic Orchestra und des Orchestre National de France hoch geschätzt, wollte er selbst nie als Star bezeichnet werden. „Der Unterschied zwischen einem großen Musiker und einem Star ist eklatant“, meinte der Dirigent, der über sich sagte, er sei scheu und gehemmt - und der immer an seiner musikalischen Vollkommenheit zweifelte. In seinen Villen in Leipzig und New York reparierte der gelernte Elektriker auch gerne seine Musikinstrumente selbst.

Noch als über 80-Jähriger tourte der international gefragte Dirigent neun Monate im Jahr um die Welt. „Es hält mich fit, wenn ich weiß, morgens um 10 Uhr ist Probe. Soll ich aufhören und auf den Tod warten?“, sagte der Maestro. Auch nach einem Sturz im Frühjahr 2012 in Paris, bei dem er sich das Schulterblatt gebrochen hatte, kehrte er an das Pult zurück. Anfang 2013 brach sich Masur in Tel Aviv bei einem erneuten Sturz die Hüfte und musste operiert werden.

Ein bedeutendes Anliegen war ihm auch der künstlerische Nachwuchs. Er gab Meisterklassen für junge Dirigenten. Als junger Mensch sei er ein Idealist gewesen, erzählte Masur Anfang 2012 in Leipzig. Und fügte an: „Was ist geblieben von diesem Masur, der ein Träumer war? Gott sei Dank kein eingebildeter Künstler, der meint, dass er besser sei als andere. Gott sei Dank einer, der nichts an Glaubwürdigkeit verloren hat, von dem, was er sagte und sagen wollte.“

Die Musikwelt reagiert betroffen auf den Tod des Dirigenten. Die New Yorker Philharmoniker trauern um ihren ehemaligen Chefdirigenten Kurt Masur. Der Vorsitzende der New York Philharmonic, Matthew VanBesien, sagte am Samstag, der Tod von Masur habe „tiefste Trauer“ ausgelöst. In seiner Zeit bei dem Orchester habe Masur ein Vermächtnis gesetzt, das bis heute fortbestehe, so VanBesien.

„Was wir lebhaft in Erinnerung behalten, ist Masurs tiefer Glaube an die Musik als Ausdruck von Menschlichkeit.“ Er erinnerte auch an Masurs „bewegende“ musikalische Arbeit nach den Terroranschlägen vom 11. September in New York. Masurs elfjähriges Wirken in New York sei eine der längsten Schaffenszeiten in der Geschichte der Philharmonie gewesen.

Die Beisetzung soll nach Angaben der New Yorker Philharmoniker im privaten Kreis stattfinden. Zudem soll es eine öffentliche Gedenkveranstaltung geben.

Auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) hat das Schaffen Kurt Masurs gewürdigt. „Die Musikmetropole Berlin trauert um einen großen Dirigenten“, erklärte Müller. Masur sei Berlin seit seiner Zeit an der Komischen Oper in den 1960er Jahren verbunden geblieben.

 
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