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Nirvana-Sänger : Kurt Cobain: Vor 20 Jahren fiel der Schuss

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Heute vor 20 Jahren setzte die Grunge-Ikone ihrem Leben ein Ende. Kurt Cobains damalige Bedeutung für die Rockmusik ist aus heutiger Sicht unvorstellbar - wie sich in unseren Erinnerungen zeigt.

shz.de von
erstellt am 05.Apr.2014 | 11:37 Uhr

Seattle | Kurt Cobain war nicht irgendein Rockstar. Überhaupt stand er nur drei Jahre seines Lebens im Rampenlicht. Mit 27 konnte er nicht mehr. Der charismatische Sänger hatte mit seiner Band Nirvana ein musikalisches Vakuum ausgefüllt, das ihn schließlich erdrückte.

Im Januar 1992 verdrängt die noch unbekannte Band Nirvana mit ihrem zweiten Album „Nevermind“ Michael Jacksons „Dangerous“ von der Spitze der US-Charts. Spartenmusik auf Platz eins - eine spontane Zeitenwende. Cobain wird die Figur, die die zersplitterte Generation X mit seiner sensiblen Brachialstimme vereint. Tiefeinschneidender, chaotischer Lärm mit poppigen Melodien und betontem Seelenschmerz trümmert dem poserhaften Geist der 1980er das Makeup aus dem Gesicht - und trifft den Nerv einer gefrusteten Jugend. Nach Haarspray kommt ungekämmt - das ist die Geschichte des Kurt Cobain, die unverdächtig beginnt.

 

Frühe Konflikte

Aufgewachsen im Holzfällernest Aberdeen im US-Bundesstaat Washington bescheinigt sich Cobain eine glückliche Kindheit – bis zur Scheidung seiner Eltern. Bei diesem schwer auf ihm lastenden Einschnitt ist er allerdings gerade mal sieben Jahre alt. Da er sich mit beiden Elternteilen im Dauerclinch befindet, lebt er wechselhaft bei Verwandten. Hin und wieder sucht er in Krankenhäusern und unter Brücken nächtliche Zuflucht. Die Jugend Aberdeens hat in jener Zeit nur ein Ziel: Die Flucht in die 140 Kilometer entfernte Metropole Seattle.

Im äußersten Nordwesten der USA etabliert sich Ende der 1980er der dunkle, laute Seattle-Sound - der so genannte „Grunge“. Diese neue Variante des Punk ruft nicht zum Niedertrümmern staatlicher Gewalt auf. Grunge ist politisch, aber seine zerstörerische Wut richtet sich primär gegen die Schattenseiten der menschlichen Existenz. Heroin gehört in dieser Seattle-Szene mit dazu, doch davon will Kurt (noch) nichts wissen. Mit 18 Jahren bricht er die Schule ab und zieht mit seiner Freundin Tracy Marander erstmal nach Olympia, Washington – auch hier floriert die progressive Subkultur.

Anfänge und Durchbruch mit Nirvana

1988 gelingt es dem permanent klammen Gelegenheitsarbeiter mit seinem Schulfreund, dem Bassisten Krist Novoselić, nach vielem Hin und Her, eine feste Band zu gründen: Nirvana. Der Drummer Chad Channing komplettiert das Trio. Doch während der Pearl-Jam-Vorläufer Mother Lovebone in Seattle richtig angesagt ist, nimmt Nirvana kaum jemand wahr. Cobain ist ein Hinterbänkler, der seine Miete nicht zahlen kann. Ihre erste US-Tour wird eine harte Prüfung, denn oft stehen nur eine Handvoll Besucher vor der Bühne. 1989 kommt das erste Album „Bleach“ auf den Markt und das quasi insolvente Label Sub-Pop schickt die Band auf Europatour.

Foto: imago/LFI
Nirvana-Frontmann Kurt Cobain 1991 - kurz vor dem großen Durchbruch. Foto: Imago

 

Schon bevor „Nevermind“ das Leben Kurt Cobains schicksalhaft umkrempeln wird, stellt er es selber auf den Kopf. Zunehmend plagt ihn ein chronisches Magenleiden, das er später „Cobains Krankheit“ nennt. Kurz vor dem Erscheinen des legendären Albums beginnt Kurt Cobain Drogen wie Morphin und Heroin zu nehmen – gegen die brennenden Schmerzen. Der ehedem einfühlsame und zurückhaltende Musiker neigt plötzlich zu Sarkasmus, schreibt durchgedrehte Texte und trifft harte Entscheidungen. Seinen Drummer Chad Channing wirft er aus der Band, weil er ihm plötzlich zu „stümperhaft“ erscheint, wie Cobain in seinen Tagebüchern schreibt. Nach dem Ende seiner ersten Beziehung lernt er seine kontroverse spätere Ehefrau Courtney Love kennen – stilsicher im Backstage-Bereich bei einer Rauferei auf dem Fußboden. 1990 bringt er Nirvana – neuerdings mit Dave Grohl am Schlagzeug - beim Major-Label Geffen Records unter.

50.000 Platten will Geffen vom neuen Album „Nevermind“ absetzen und zahlt der Band 287.000 Dollar Vorschuss. Bis heute hat sich die LP weltweit etwa 30 Millionen mal verkauft - eine der erfolgreichsten Fehlkalkulationen der Rockgeschichte.

Nirvanas größter Hit „Smells like Teens Spirit“

Megastar wider Willen

Das skrupellose Musikgeschäft macht aus einer kaputten Seele einen Messias für die Massen. Cobain wird innerhalb von Wochen ganz unvorbereitet das, wogegen er eigentlich angetreten war: ein gehypter Rockstar – der größte der Welt. Er kauft ein Haus in Seattle, das ihm eigentlich viel zu groß ist und heiratet im Februar 1992 seine schwangere Freundin, die Hole-Sängerin Courtney Love. Im August kommt seine Tochter Frances Bean Cobain zur Welt. Der Nirvana-Frontmann hat jetzt alles, wovon ein Mensch träumen kann – und erstmals in seinem Leben gibt sich der junge Vater glücklich. Das Folgealbum „in Utero“ debütiert im Herbst 1993 in den UK-Charts auf Platz eins. Eigentlich sollte es „I hate myself and I want to die“ („ich hasse mich und möchte sterben“) heißen, was ihm seinerzeit eher scherzhaft ausgelegt wird.

<p>Dave Grohl, Kurt Cobain und Krist Novoselić bei einem Pressetermin 1992.</p>

Dave Grohl, Kurt Cobain und Krist Novoselić bei einem Pressetermin 1992.

Foto: imago/Future Image

Dave Grohl, Kurt Cobain und Krist Novoselić bei einem Pressetermin 1992. Foto: Imago


Die Drogen und der Niedergang

Wegen seiner Magenprobleme verzichtet Cobain nunmehr auf Alkohol und Zigaretten. Heroin bleibt jedoch ein stetiger Gefährte. Wochenlang ernährt er sich nur von Chips - wie Freunde berichten - und er wird immer hasserfüllter. Er meidet Gesellschaft. „Wahrscheinlich bin ich einer dieser Narzissten, die nur Spaß an etwas haben können, wenn sie allein sind. Ich bin zu sensibel“, wird er später in seinem Abschiedsbrief schreiben. Hin und wieder sucht er Quartier in einem 18-Dollar-Motel in der Nachbarschaft. Künstlerisch steckt er in einer kommerziellen Zwickmühle. Und Ängste plagen ihn. Er bewaffnet sich – aus Gründen der Selbstverteidigung, wie er betont.

<p>Kurt Cobain mit seiner Tochter Frances Bean Cobain und seiner Frau Courtney Love (Foto: Imago) kurz vor Erscheinen der letzten regulären Nirvana-Platte „in Utero“. Nicht wenige machten Love für die Drogensucht Cobains mitverantwortlich.</p>

Kurt Cobain mit seiner Tochter Frances Bean Cobain und seiner Frau Courtney Love (Foto: Imago) kurz vor Erscheinen der letzten regulären Nirvana-Platte „in Utero“. Nicht wenige machten Love für die Drogensucht Cobains mitverantwortlich.

Foto: dpa
Kurt Cobain mit seiner Tochter Frances Bean Cobain und seiner Frau Courtney Love (Foto: Imago) kurz vor Erscheinen der letzten regulären Nirvana-Platte „in Utero“. Nicht wenige machten Love für die Drogensucht Cobains verantwortlich.

Kurt hat riesige Erwartungen zu erfüllen – als Vater wie als Musiker. Gegenüber dem Rolling-Stone Magazin bedauert er im Oktober 1993 erstmals den Verfall seiner Leidenschaft: „Wir haben den Punkt erreicht, an dem wir uns wiederholen. Es gibt nichts, nachdem wir streben, nichts auf das wir uns freuen können. Wir sitzen in einer Sackgasse. Wir sind abgestempelt.“ Cobains Abschiedsbrief endet im Gleichklang auf Neil Youngs Song-Zitat „It´s better turn burn out, than to fade away“ („Es ist besser zu verbrennen, als zu verblassen“), das im Song „Hey Hey, My My“ den Grunge einst in Leben rief. Cobain wird den Grunge mit seiner Asche mit ins Grab nehmen.

Aufgrund ihrer Drogensucht haben Kurt und Courtney Anfang 1994 ständig Probleme mit dem Jugendamt. Courtney Love droht ihm nach seinem ersten Selbstmordversuch in Rom, er dürfe seine Tochter nicht mehr sehen, sollte er seine Sucht nicht in den Griff bekommen. Nach einem Treffen mit Vertrauten willigt Kurt einem Entzug ein. Er hasst seine Sucht, doch er kapituliert. Aus der Klinik flüchtet er nach wenigen Stunden – mit einem Sprung über eine Mauer. Der Haupteingang soll unbewacht gewesen sein. Die Sucht trägt ihren Sieg davon.

Die Nachricht, die die Welt erschüttert

Foto: dpa
Eine Box mit Spritzbesteck am Fundort der Leiche. Foto: dpa

 

Die Hole-Sängerin Love, die nach der Nachricht der Flucht Cobains Kreditkarte gesperrt hat, beauftragt am 3. April den Privatdetektiv Tom Grant, Kurt zu suchen. Sie weiß, dass ihr Mann zurück in Seattle ist, doch sie sagt es dem Ermittler nicht. Erst am Folgetag meldet sie ihren Mann bei der Polizei als vermisst. Der erfahrene Ermittler Grant wird in Folge der Geschehnisse zur Speerspitze der fortlebenden Verschwörungstheorien um den Suizid des Grunge-Helden. Auch in Deutschland beschäftigen sich bis heute Internetseiten mit Indizien, die beweisen wollen, dass es gar kein Selbstmord war. Wie kann sich jemand, der sich im Heroin-Vollrausch befindet mit einer Schrotflinte erschießen? Gab es ein Mord-Komplott? Was verheimlicht Courtney Love? Zahlreiche Bücher und sogar eine Fernsehserie aus Seattle haben sich mit dem Thema beschäftigt.

 

Erst drei Tage nach seinem Tod wird der zerbrochene Grunge-Engel mit einer Überdosis Heroin und einem Kopfschuss aus seiner Browning Auto-5 Selbstladeflinte aufgefunden. Zwei Tage nach der Todesnachricht kommen 10.000 Fans in Seattle zusammen und hören eine Aufnahme, in der Courtney Love seinen bewegenden Abschiedsbrief vorliest. „Bitte Courtney, gib nicht auf, Dich um Frances zu sorgen, ihr Leben wird so viel glücklicher sein ohne mich.“ Zu diesem Zeitpunkt ist Frances Bean Cobain noch keine zwei Jahre alt.

Kurts sterbliche Überreste werden eingeäschert. Auch zwei Dekaden nach diesem neuerlichen Schicksalstag des Rock 'n' Roll haben Musikfans noch präzise Erinnerungen an den Moment, als sie von der erschütternden Nachricht erfuhren. Zahlreiche Künstler widmeten dem Verstorbenen ganze Alben. Flanellhemden und weite Pullis bevölkerten über Jahre die Gassen und Boulevarde. Die ganze Rockmusik der 1990er Jahre hätte ohne Nirvana wohl anders geklungen. Kurt Cobain war eben nicht irgendein Jugend-Idol, er war der letzte große Rockstar.

Foto: dpa

Jim Morrison, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Brian Jones und Kurt Cobain gehören zum „Club 27“, einer mystischen Gruppe der  zahlenreichen Rockstars, die im Alter von 27 Jahren starben. Foto: Imago

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