Musik : Keine falsche Bescheidenheit: San Fermins großes Debüt

Ambitioniert und überbordend: San Firmin.  Cooperative
Ambitioniert und überbordend: San Firmin.  Cooperative

Mit ihrem kammerorchestralen Ansatz hätten Ellis Ludwig-Leone aus Brooklyn und seine Band San Fermin leicht scheitern können. Und auch wenn die wolkenkratzerhohen Ambitionen ihres Debüts nicht zu überhören sind - dies ist ein ganz wunderbar leichtes, aber auch forderndes Album zwischen Indiepop, Folk, Jazz und Neoklassik.

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19. November 2013, 14:51 Uhr

Das liegt an den exquisiten Songs und Instrumentalpassagen von Ludwig-Leone, der einst an der Yale-Universität Komposition studierte und bald danach dieses Album einspielte. Der junge Mann selbst - ein Ex-Assistent des derzeit noch berühmteren Arrangeurs Nico Muhly - spielte auf «San Fermin» (Downtown/Pias/Cooperative) nur Piano und Keyboards. Er scharte jedoch für die 17 Tracks mit 55 Minuten Laufzeit knapp zwei Dutzend Musikern um sich und bewies insbesondere bei der Auswahl seiner Sänger ein Händchen.

Der majestätische Bariton von Allen Tate hat große Ähnlichkeit mit der weltweit gefeierten Mega-Stimme von Matt Berninger (The National), und auch die Sängerinnen Jess Wolfe und Holly Laessig machen ihre Sache prächtig. Man sollte freilich ein Faible für Pathos und Soundbombast haben, wenn man diese Platte genießen will. Denn Ellis Ludwig-Leone schichtet hier Streicher, Bläser, Glockenspiel, Vibraphon und immer wieder ätherische oder auch schrille Chorgesänge zu teils mächtigen, gelegentlich anstrengenden Klanggebilden auf.

Songtitel wie «Renaissance», «Casanova», «Methusalem» oder «Daedalus» weisen auf einen ausgeprägten Bildungshintergrund hin, den Meisterwerken eines Sufjan Stevens nicht unähnlich. Ja, Ludwig-Leone und San Fermin haben ein lupenreines Konzeptalbum eingespielt: Da ist jeder Ton ein wichtiger Teil des großen Ganzen, nichts geschieht zufällig, nicht einmal die enthemmte Kakophonie in einem Titel wie «The Count». Auch das Cover-Motiv eines Stiers passt zum Eindruck eines durchkomponierten Oeuvres - der Bandname geht nämlich auf das jährliche Fest im spanischen Pamplona zurück, das für seinen oft blutig endenden Stierlauf berühmt-berüchtigt ist.

Bescheidenheit ist also nicht die Sache von San Fermin, was Ludwig-Leone vermutlich den Ruf eines arroganten, überehrgeizigen Dandys einbringen wird. Das kann er verschmerzen, denn immerhin: Auf diesem überraschenden, überragenden Debüt klingen San Fermin wie keine andere Band derzeit. Und mit der zarten Ballade «True Love, Asleep» gelingt ihnen auch noch einer der anrührendsten Songs des Jahres.

Website San Fermin

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