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Musik : Justin Curries Balladen wärmen das Herz

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Er hat eine dieser Stimmen, bei denen dem Hörer ganz warm ums Herz wird. Und man fragt sich, warum diese Stimme nicht viel mehr Menschen betört. Auch das neue Album von Justin Currie ist famos, wird aber wohl wieder «unter dem Radar» bleiben.

shz.de von
erstellt am 21.Aug.2013 | 17:51 Uhr

Vielleicht sind die Songs von «Lower Reaches» (Endless Shipwreck/Ignition/Indigo) - Balladen der Richard-Hawley-Klasse, melodischer Folkrock, der eine oder andere Schlenker Richtung Country - erneut zu unspektakulär für den großen Durchbruch. Oder die Lieder eines Schotten aus Glasgow sind für ein britisches Publikum zu amerikanisch. Und für amerikanische Hörer wiederum nicht originell genug. Oder aber der 48-Jährige macht einfach nicht genug Gewese um seine Kunst.

Woran es auch liegen mag: Seit den Erfolgen seiner auf Eis liegenden Band Del Amitri mit den Hits «Nothing Ever Happens», «Always The Last To Know» oder «Roll To Me» ist Curries Solokarriere noch nicht richtig in die Gänge gekommen. Dabei waren schon die Vorgänger-Alben «What Is Love For» (2007) und «The Great War» (2010) ganz großes Kino mit majestätischen Slowsongs, in denen sich der Sänger unter anderem an Scott Walker und John Lennon abarbeitete.

Auch «Lower Reaches», auf dessen Cover sich Currie vor einer amerikanischen Wüstenlandschaft präsentiert, stellt wieder diese unverwechselbar melancholischen Vocals ins Zentrum - ein prachtvoller Bariton mit leichter Tendenz zur Reibeisenstimme, in den neuen Songs aber gelegentlich auch mühelos ins Falsett kippend.

Die Arrangements sind reduzierter als auf früheren Soloplatten, mit viel Klavier und einigen Drum-Machine-Beats («Priscilla», «Into A Pearl»), an die man sich bei einer so seelenvollen Musik erst gewöhnen muss. Und als wollte Justin Currie den Mäklern auf der Insel den Mittelfinger zeigen, gibt er in «On My Conscience» mit Kneipenklavier, Pedal-Steel-Gitarre und Banjo so richtig den Country & Western-Barden. Von seiner Liebe zu den amerikanischen Roots will er offenkundig nicht lassen.

Nach zwei selbstproduzierten Solowerken hat sich Currie diesmal von Mike McCarthy den Sound maßschneidern lassen, was die Lieder deutlich fokussierter, schlanker klingen lässt (mit 34 Minuten hat «Lower Reachers» denn auch die klassische Albumlänge). «Mike hat die Sache komplett in die Hand genommen», erinnert sich der Sänger an die ungewohnte Situation. «Ich hatte keinen der Jungs, die mitspielen sollten, vorher kennengelernt. Aber alle hatten einen hervorragenden Geschmack - ich musste nicht viel erklären.»

Mit den Studiomusikern - sie spielen sonst in US-Indierock-Bands wie White Denim oder Phosphorescent - gelang Currie eine der stärksten Singer/Songwriter-Platten des Jahres. Wie anerkannt der Mann bei Experten und Kollegen ist, zeigt seine Beteiligung an einem neuen Duett-Album des großen Jimmy Webb - neben Legenden wie Kris Kristofferson oder Brian Wilson. Webbs Liner-Notes sind ein echter Ritterschlag: «Danke, Justin, dass Du mir deine großartige Meisterschaft und Kraft gewidmet hast.» Jetzt muss es nur noch ein breiteres Publikum merken.

Website Justin Currie

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