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Hip-Hop-Trio im Interview : Fettes Brot rappen nicht für die Gegenposition

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Knapp drei Jahre nach ihrer Trennung haben sich die Hamburger Hip-Hopper von „Fettes Brot“ ewige Treue geschworen. Ihr neues Album kommt wir gewohnt mit mit Sprachwitz, Gesellschaftskritik und Partygefühl daher.

shz.de von
erstellt am 30.Okt.2013 | 16:59 Uhr

Hamburg | Charmant, wortgewandt und erfrischend reflektiert - seit über zwei Jahrzehnten sind Fettes Brot mit intelligentem Hip Hop erfolgreich. Ihre Musik ist tanzbar und geellschaftskritisch. So erteilten sie dem Hamburger Innensenator Ronald Schill einmal „Tanzverbot“. Nach einer kurzen „Trennung auf Probe“ melden sich König Boris, Dokter Renz und Björn Beton nun mit ihrem fünften Studioalbum zurück. Im Interview sprachen sie über Gentrifizierung, Umgang mit Flüchtlingen und ihr Wiedersehen.

Ende 2010 habt ihr eine Trennung auf Probe eingelegt, nur 18 Monate später seid ihr wieder zusammen im Studio gewesen. Wie war die musikalische Wiedervereinigung? 
Björn Beton: Wir haben alle gemerkt: Wow, da ist echt angestaute Vorfreude im Raum. Wir hatten das Bedürfnis und Lust, eine moderne Form von Fettes Brot zu erfinden und einen zeitgemäßen Hip-Hop-Ansatz mitzugestalten. Durch die Vertrautheit haben wir gemerkt, dass uns alle Möglichkeiten offen stehen. Wir hätten ein Orchester einladen oder eine Platte nur aus Vogelstimmen zusammen schustern können. Das war von Anfang an ein großer Spaß.

Eure Texte haben immer auch Missstände angeprangert und kritisiert, auf dem neuen Album „3 is ne Party“ ist „Crazy World“ der Protestsong. Welche Themen beschäftigen euch gerade? 
Dokter Renz: Mit „Dynamite und Farben“ haben wir eine Hymne wider die Gentrifizierung geschrieben und als Innenstadtnutzer und Szeneviertelspaziergänger und teilweise auch Bewohner ist das natürlich ein Thema, an dem wir gar nicht vorbeigucken können. Um uns herum werden ältere Häuser abgerissen, um dann an gleicher Stelle im schlimmsten Fall leerstehende Büros zu bauen. Da ist einfach städtebaulich in unserer schönen Stadt Hamburg einiges im Argen. Wenn ich merke, dass Familien aus dem Viertel wegziehen müssen, weil sie es sich einfach nicht mehr leisten können, dann ist das beschämend hoch zehn.

Die Zukunft von mindestens 80 „Lampedusa-Flüchtlingen“ in Hamburg ist unklar.
Dokter Renz: Ich finde es schrecklich und es berührt mich total zu sehen, wie schlecht es manchen Leuten geht und wie schwer es ihnen unnötigerweise gemacht wird. Man lebt ja immer in der Hoffnung, dass speziell die deutsche Bevölkerung aus den Verbrechen der Vergangenheit gelernt hat, die richtigen Schlüsse zieht und langsam aber sicher klüger wird. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der jeder willkommen ist und nicht erst mal einen Eignungstest ablegen muss. Und wenn es darum geht, Menschen eine Zuflucht zu bieten, weil sie vor Bürgerkrieg flüchten, dann ist es alleroberste Pflicht für alle, sie willkommen zu heißen und ihnen im übertragenen Sinne eine warme Mahlzeit hinzustellen.

Lange Zeit prägten homophobe und sexistische Künstler das Bild von Hip Hop in der Öffentlichkeit. Hat sich das verändert? 
Björn Beton: Momentan hab ich eher den Eindruck, dass zum Beispiel Homophobie für die neuen Künstler gar kein Thema mehr ist. Entweder, weil es aus ihrer Sicht nicht mehr wichtig ist, etwas darüber zu sagen, oder weil es akzeptiert ist, dass es Homosexualität gibt. Ich finde es sehr erfrischend, das so zu betrachten. Auf der anderen Seite leben wir aber eben nicht in einer Welt, in der das Normalität ist und wo es immer noch genügend Diskriminierungen gibt.

Versteht ihr euch da als musikalischen Gegenpol? 
Björn Beton: Wir machen nicht Musik, um eine Gegenposition zu beziehen, das ist nicht unsere Intention. Aber Lieder wie „Schwule Mädchen“ vermitteln nicht nur ein gutes Partygefühl, sondern auch eine Haltung. Damit setzen wir uns in Relation zu den anderen und sagen: Moment mal - seit wann sind denn Wörter wie schwul und Mädchen negativ besetzt? So erobern wir die Sprache zurück, das ist ein altbekanntes und gern gesehenes Stilmittel bei Fettes Brot.Dokter Renz: Es ist immer das Wirkungsvollste, wenn der Wunsch aus der Szene selbst kommt. Deshalb finde ich es absolut wichtig, dass Rap-Bands und Rap-Künstler sich positionieren.

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