Wacken & Co. auf einer Karte : Dixi-Klo und Dosenbier: Warum wir Festivals trotzdem lieben

Sie startet wieder: die offizielle Festivalsaison. Rock am Ring, Dockville, Hurricane – warum tauschen Menschen Komfort mit Schlamm? shz.de über die Faszination Festival mit den wichtigsten Veranstaltungen auf einer Karte.

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04. Juni 2014, 20:18 Uhr

Drei Tage Ausnahmezustand: Während der Vitaminhaushalt sinkt, steigt der Alkoholpegel zusehends. Der Kopf ist von der Sonne bereits krebsrot, da verwandelt ein plötzlicher Schauer den Zeltplatz in eine Schlammgrube – der Schlafsack klamm, die Wechselwäsche zu Hause. Statt Herd, Dusche und Federbett warten kalte Dosenravioli, Dixi-Klo und Isomatte nach einem durchfeierten Tag. Der nächste Morgen beginnt verkatert unter „Helene Fischer“-Beschallung aus dem Nachbarzelt.

Was bewegt Tausende dazu, alle Jahre wieder den Komfort des zivilisierten Lebens an den verstopften Zufahrtsstraßen abzulegen, um sich in eine Hölle aus Schlamm, Lärm und Dosenbier zu begeben?

Die Komfortgrenze ist erreicht – Festivalbesucher machen das Beste daraus.
Foto: imago
Die Komfortgrenze ist erreicht – Festivalbesucher machen das Beste daraus.
 

Grund dafür ist neben der Musik vor allem der Wunsch nach einem Ausbruch, so Soziologe Ronald Hitzler von der TU Dortmund. Festival bedeutet Ausbruch aus dem durchgetakteten Alltag. Hinein in ein Leben, das höchstens durch die Running-Order in zeitliche Schranken verwiesen wird. Ein Festival hat mit dem normalen Leben seiner Besucher in der Regel nur wenig zu tun. Es ist ein letztes bisschen Anarchie, ein letztes bisschen Chaos. Der Ort, an dem der Chef nicht kontrolliert, ob die Krawatte sitzt.

Herrlich unseriös: Im Paralleluniversum Festival ist fast alles erlaubt.
Foto: dpa
Herrlich unseriös: Im Paralleluniversum Festival ist fast alles erlaubt.

Doch das ist nicht der einzige Grund, warum der Mensch in Hochstimmung verfällt, sobald das Einweg-Igluzelt windschief im Boden verankert ist. Auch der Gruppengedanke eines Festivals spielt eine große Rolle: „Die Menschen sehnen sich nach Gemeinschaft; allerdings nicht nach den Traditionsgemeinschaften mit ihren typischen Verbindlichkeitsansprüchen, sondern nach einer anderen, neuen Art von Gemeinschaft“, so Hitzler – mit maximalen Chancen auf Selbstverwirklichung und minimalen Verpflichtungen. Beim gemeinsamen Grillen mit den Zeltnachbarn und dem kollektiven Mitgrölen vor der Bühne ist diese Form der Verbrüderung gegeben.

Festivals verbinden: 20.000 neue Freunde auf dem Melt!
Foto: imago
Festivals verbinden: 20.000 neue Freunde auf dem Melt!

Das legendäre Woodstock Festival von 1969 markiert den Anfang einer ganz eigenen Kultur um das Massenerlebnis Musik. 16 Jahre später findet das erste Rock am Ring am Nürburgring statt. Deutschland wird zum Festivalland. Seitdem hat sich zwischen Flensburg und den Alpen viel getan: Nie waren die Festivals näher, nie waren sie größer, nie schnelllebiger.

Heute kommen sie in allen Formen und Farben: Während grölende Metaller auf dem Wacken Open Air ihre Haare in ein pflegendes Bier-Schlamm-Gemisch einlegen, wird auf dem Wave-Gotik-Treffen in Leipzig der halbe Tag damit zugebracht, das blasse Antlitz dem opulenten Barockdress anzupassen. Bedient das Hurricane Festival in Scheeßel den musikalischen Geschmack der breiten Masse, so beschallt das SonneMondSterne Festival bei Plauen die tanzende Meute mit elektronischer Musik weit abseits vom Mainstream.

Schaulaufen auf dem Wave Gotik Treffen.
Foto: imago
Schaulaufen auf dem Wave Gotik Treffen.
 

Und auch das Rahmenprogramm wird vielfältiger: Schon lange gehören Baggerseen, Kunst- und Theaterworkshops zum guten Ton, sind Spaßmusikanten wie die örtliche Feuerwehrkapelle oder die völlig verirrte Schlagerkombo fester Bestandteil des Line-ups.

Der Festivalbesucher von 2014 ist anspruchsvoller denn je: Mitunter verschlingt die Reise zum Festival der Wahl das Geld eines ganzen Jahresurlaubs – vor großen Distanzen wird schon lang nicht mehr zurückgeschreckt. Europaweit übertreffen sich die Festivals in ihrer Einzigartigkeit, lockt das gewisse Etwas die Feierwütigen aus dem heimischen Dunstkreis. So punktet beispielsweise das norwegische Traena-Festival direkt am Polarkreis mit Mitternachtssonne und spektakulärer Natur, während die Metaldays in Slowenien in einem traumhaften Nationalpark stattfinden, wo der türkisblaue Fluss Mittelpunkt des Geschehens ist. Auf dem Full Metal Cruise, einer Festival-Kreuzfahrt durchs Mittelmeer, werden Cocktails mit Schirmchen serviert, das Tomorrowland in Belgien entführt seine Besucher in ein märchenhaft gestaltetes Paralleluniversum.

Planschen gegen den Kater – die Metaldays in Tolmin bieten die schönste Kulisse.
Foto: flickr.com / user: Capture the Uncapturable
Planschen gegen den Kater – die Metaldays in Slowenien bieten die schönste Kulisse.
 

Trotz aller Unterschiede haben Musikfestivals in der Regel eines gemein: Drei Tage, neun Blackouts und dutzende Bands später spucken sie ihre Besucher ungeduscht und urlaubsreif wieder aus – voller Vorfreude auf die nächste Festivalsaison.

Von Wallsbüll Open Air bis Glastonbury: Die größten, schönsten und kuriostesten Festivals auf einer interaktiven Karte – Regional (rot), Deutschland- (blau) und Europaweit (gelb).

Mit dpa

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