Neumünster : Mord verjährt nicht

Die Karte zeigt den Standpunkt der Frau, die den verdächtigen Mann beobachtete (Kreuz). In der Nähe (Kreis) wurde die Tote entdeckt.
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Die Karte zeigt den Standpunkt der Frau, die den verdächtigen Mann beobachtete (Kreuz). In der Nähe (Kreis) wurde die Tote entdeckt.

"Mutter von drei Kindern vermisst". Unter dieser Überschrift suchte die Polizei im März 1984 nach Hannelore Zscherper, die heute vor 25 Jahren verschwand. Wenig später wurde ihre Leiche gefunden. Ihr Mörder ist bis heute nicht gefasst.

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09. März 2009, 09:07 Uhr

Neumünster | Heute vor 25 Jahren zog Hannelore Zscherper gegen 14.30 Uhr in ihrer Wohnung in einem Hochhaus an den Störwiesen ihre rotbraune Felljacke an und machte sich auf den Weg zur Kindertagesstätte in Wittorf. Die junge Mutter (26) wollte dort zwei ihrer drei kleinen Kinder abholen. Doch die warteten vergeblich auf ihre Mama, denn die kam nie an der Reuthenkoppel an. Der besorgte Ehemann meldete seine Frau bei der Polizei als vermisst. In der Wochenendausgabe 17./18. März 1984 des Couriers wurde in einem kleinen Artikel mit Foto nach der Verschwundenen gesucht. Da ahnte noch niemand, dass das Wochenende die traurige Gewissheit bringen würde: Hannelore Zscherper war getötet worden. Der Täter wurde bis heute nicht gefasst.

Am späten Sonntagnachmittag, 18. März 1984, klingelte bei der Polizei das Telefon. Der Anrufer berichtete aufgeregt von einer Leiche, die in einem Drainagegraben in der Gemarkung Hasselhoop nahe der Padenstedter Landstraße auf einer Koppel im Bereich Margarethenhofsredder/ Reviersredder läge. Der Anwohner war aber nicht der erste, der den grausigen Fund machte, denn kurz zuvor hatten zwei 14-jährige Jungen beim Spielen von einem Steg aus die tote Frau entdeckt. "Wir trauten uns nicht hin und sind erst einmal weggerannt", gaben die beiden später bei der Polizei zu Protokoll. Doch sie alarmierten einen Spaziergänger, der die Polizei rief.
Die Tote lag bäuchlings im Wassergraben
In Windeseile waren sechs Kriminalbeamte vor Ort. Die Tote wurde als Hannelore Zscherper identifiziert. Sie lag bäuchlings im Wassergraben, war am Kopf verletzt und offensichtlich erschlagen worden. Bekleidet war sie mit einer hautengen Lederhose, grünen Cowboystiefeln und einem braunen Pullover. Doch es fehlte die Kanin-Felljacke, die sie am Tag ihres Verschwindens getragen hatte. Außerdem blieb ein Schlüsselring mit vier Schlüsseln trotz intensiver Suche verschwunden. Die Mordkommission "Padenstedt" wurde gebildet, 30 Beamte der Bereitschaftspolizei durchkämmten das Gebiet rund um den Fundort, ein Hubschrauber stieg auf.

In den kommenden Tagen verfolgte die Kripo jede erdenkliche Spur. Familie, Freunde und Bekannte von Hannelore Zscherper wurden befragt, die Wohnung der Familie wurde durchsucht. Mit Presseveröffentlichungen, Handzetteln und Lautsprecherdurchsagen suchten die Ermittler nach Zeugen. Nach einem Courier-Artikel meldete sich schließlich zwei Tage nach dem Leichenfund eine Frau. Sie hatte auf einem Spaziergang mit ihrem Hund in der Nähe des späteren Fundorts am 9. März gegen 16.15 Uhr einen Verdächtigen beobachtet - also knapp zwei Stunden, nachdem Hannelore Zscherper ihre Wohnung verlassen hatte. "Der Mann zog etwas Schweres hinter sich her. Das war ungefähr so groß wie ein Mensch. Später sah ich ihn an einem roten Auto stehen", erzählte die Zeugin der Polizei. Die Kripo vermutet, dass es sich bei dem Wagen um einen Golf oder Ford Fiesta handelte.
Hund fand blutverschmierte Zahnprothese
Die Frau konnte den Unbekannten so detailliert beschreiben, dass die Polizei ein Phantombild anfertigte: Der Verdächtige war 1,75 bis 1,80 Meter groß und blond, ungefähr 25 bis 30 Jahre alt, trug einen Stufenschnitt mit Mittelscheitel. Er war mit einer blauen Hose und einer dunklen Steppjacke mit Reißverschluss und Kragen bekleidet. Im Brust- und Armbereich hatte die Jacke hellblaue Ringstreifen.

Nur zwei Tage später machte die Zeugin eine weitere Entdeckung, als sie mit Freunden und einigen Hunden zur Fährtenarbeit in der Feldmark war: Plötzlich scharrte ein Hund eine blutverschmierte Zahnprothese an die Oberfläche. Was sie da entdeckt hatte, wurde der Frau jedoch erst klar, als sie den Artikel im Courier las. Die Prothese hatte tatsächlich Hannelore Zscherper gehört.

Obwohl 3000 Mark Belohnung ausgesetzt wurden und die Polizei anderthalb Jahre lang gezielt fahndete, konnte die grausame Tat bisher nicht geklärt werden. Dennoch hat die Kriminalpolizei den Fall nie endgültig zu den Akten gelegt. Denn Mord verjährt nicht.


Ermittlungen gehen weiter
Dass ein Tötungsdelikt nicht aufgeklärt wird, ist äußerst selten. Das belegen die Zahlen: 2008 wurden in Schleswig-Holstein 93,3 Prozent aller Mordfälle und 97,6 Prozent aller Totschlagsdelikte geklärt. Die hohe Quote erklärt sich zum einen aus der Tatsache, dass es sich in der Regel um Beziehungstaten handelt. Zum anderen wendet die Polizei alles Erdenkliche an Personal und Technik auf. Für Neumünster ist die Kieler Mordkommission zuständig, die dort bei der Bezirkskriminalinspektion angesiedelt ist. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern leistet sich Schleswig-Holstein vier feste Mordkommissionen. Zu dem Kieler Team gehören stets zehn erfahrene Kriminalbeamte. „Das ist nichts für Anfänger“, stellt der Leiter, der Erste Kriminalhauptkommissar Stefan Winkler, klar. Ist irgendwo eine Tat aufzuklären, quartiert sich die Mordkommission oft tagelang am Ort des Geschehens ein. Je nach Arbeitsaufkommen werden die Spezialisten, zu denen auch immer Kriminaltechniker gehören, von weiteren Kollegen vor Ort unterstützt. „Als Mordkommission haben wir gute Arbeitsbedingungen. Wir sind in der Lage, sehr tief zu ermitteln“, so Winkler. Bleibt dennoch eine Tat im Dunkeln, „verschwindet sie sicher nicht im Aktenarchiv“, erklärt der Leiter der Mordkommission. „Jeder alte Mordfall ist einem Mitarbeiter zugewiesen, der den im Blick hat“, sagt Winkler. Wenn sich zum Beispiel in der Kriminaltechnik etwas Neues entwickelt, werden die Beweisstücke erneut untersucht. So haben die DNA-Analyse, der automatisierte Vergleich von Fingerabdrücken oder die Vernetzung der Polizei-Behörden über die Grenzen hinweg oft noch spät manchen Täter überführt. Auch der Fall Hannelore Zscherper ist nicht vergessen.

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