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Zeichnungen in „Jyllands-Posten“ : Mohammed-Karikaturen: Vor zehn Jahren fiel der Stift

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Die Zeichnungen vom Propheten richten sich gegen die Selbstzensur. Vor zehn Jahren lösen sie eine internationale Krise aus. Dänemark wird zum Hassobjekt.

shz.de von
erstellt am 29.Sep.2015 | 20:01 Uhr

Als der Redaktion der dänischen Tageszeitung „Jyllands-Posten“ im Herbst 2005 zugetragen wird, dass ein islamkritischer Schriftsteller Schwierigkeiten hat, Zeichner für ein Porträt des Propheten Mohammed zu finden, brodelt es in den Köpfen und Herzen der Journalisten. Darf die Rücksicht auf die religiösen Gefühle der Menschen oder die Furcht vor Angriffen durch erboste Religiöse so weit reichen, dass Publizisten in die Knie gehen? Die Zeitung entscheidet sich für ein mutiges „nein“.

<p>Flemming Rose.</p>

Flemming Rose.

Foto: dpa
 

Es geht den Redakteuren weder um Provokation, und auch weniger um die Verteidigung des Mottos: „Die Meinungsfreiheit in der westlichen Welt muss höher stehen als das Abbildungsverbot des Propheten.“ Man wolle sehen, „wie weit die Selbstzensur in der dänischen Öffentlichkeit geht“, schreibt der verantwortliche Redakteur Flemming Rose damals über den Zweck der Aktion. Gibt es sie oder gibt es sie nicht? Aus einer weichen Fragestellung wird sich ein Kulturkampf entwickeln.

„Jyllands-Posten“ lädt Zeichner ein, den islamischen Religionsstifter frei nach eigenem Geschmack zu Papier zu bringen. Vorurteile, Urteile und Überspitzungen sind programmiert. Die diskursive Brisanz ist das Instrument, die materiellen Folgen werden jedoch völlig unterschätzt. Zwölf umstrittene Karikaturen erscheinen am 30. September 2005. Die Zeichnung mit der Bombe im Turban des Propheten von Kurt Westergaard geht als markantestes Abbild einer schwarzen Islamsicht um die Welt.

In Kopenhagen demonstrieren mehr als 3.000 Muslime gegen die Karikaturen. Zwei der Zeichner müssen sich nach Morddrohungen verstecken. Während Europa abwägt, ob richtig, verfehlt oder weder noch, wird das kleine Dänemark in der islamischen Welt allmählich zum instrumentalisierten Hassobjekt. Imame aus Dänemark reisen mit den Mohammed-Karikaturen im Gepäck und verbreiten die blasphemischen Skizzen in den islamischen Ländern. Neben dem französischen Satiremagazin „Charlie Hebdo“ veröffentlicht auch eine jeminitische Zeitung die Mohammed-Karikaturen. Der Chefredakteur kommt für ein Jahr hinter Gitter.

Dänemark wird in Pakistan zu Grabe getragen.
Dänemark wird in Pakistan zu Grabe getragen. Foto: dpa

Nach erbittertem Lagerkampf in den Medien wenden sich elf Botschafter von Ländern mit islamischer Bevölkerungsmehrheit Ende 2005 per Brief an den damaligen Ministerpräsidenten Anders Fogh Rasmussen: Er möge „die notwendigen Schritte“ gegen diese Verleumdung des Islam und gegen eine „generell äußerst diskriminierende Tendenz“ ergreifen. Der spätere Nato-Generalsekretär hat die Karikaturen zuvor als „notwendige Provokation“ bezeichnet und lehnt das Gesuch ab. Sein ehemaliger Außenminister, der ebenso der rechtsliberalen Partei angehört, ist da ganz anderer Meinung. Die Publikation von „Jyllands Posten“ sei „eine pubertäre Demonstration von Meinungsfreiheit, die bewusst und völlig ohne Grund auf den Gefühlen vieler Menschen herumtrampelt“. In einer am 2. Februar 2006 von Danmarks Radio veröffentlichten Umfrage äußern 79 Prozent der Befragten die Meinung, dass sich Dänemark nicht entschuldigen solle.

Der Dannebrog brennt.
Der Dannebrog brennt. Foto: dpa

Mit ein paar Monaten Verzögerung rollt eine Protestwelle durch den mittleren Osten. Wochenlang zeigen europäische Medien Bilder von einem aufgewiegelten Mob. Brennenden Flaggen, gestürmte Botschaften und gewalttätige Anfeindungen vermitteln ein Bild der Eskalation des Kulturkampfes. In mehreren islamischen Staaten werden Boykotte gegen Dänemark erhoben, Waren werden verbrannt, Diplomaten einbestellt. Die Unruhen sind vielen ein Vorgeschmack dessen, wie der von Samuel Huntington postulierte Zusammenstoß der Kulturen aussehen könnte. Mehr als 100 Menschen verlieren ihr Leben infolge dieser Krawalle. In Pakistan greift Al-Kaida 2008 die dänische Botschaft an - auch hier sterben elf Menschen.

Kurt Westergaard lebt seit Jahren unter Polizeischutz.

Kurt Westergaard lebt seit Jahren unter Polizeischutz.

Foto: dpa
 

Kurt Westergaard lebt seit den aufgedeckten Mordplänen gegen ihn ab 2007 komplett unter Polizeischutz. Zuvor ist er Monate von einem Ferienhaus in das nächste gezogen. Bei seiner Rückkehr findet er seine verlassene Wohnung völlig verwüstet vor. Der inzwischen 80-jährige Zeichner wird sich anders als die Zeitung und die meisten der anderen Mohammed-Karikaturisten nicht für seinen „Kommentar zur Meinungsfreiheit“ entschuldigen und auch nichts bereuen. „Für mich war das eine Routine-Aufgabe“, erzählt er. „Ich hatte schon viele Jahre für die Zeitung politische Zeichnungen gezeichnet.“

Mit den Reaktionen, die auf die islamkritischen Karikaturen in jenem Herbst folgen, hat Westergaard aber genauso wenig gerechnet wie die Redakteure der rechtsliberalen Zeitung. Am Neujahrstag 2010 vereitelt die dänische Polizei einen Anschlag auf ihn nur knapp. Ein Mann war mit Axt und Messer bewaffnet in sein Haus eingedrungen.

Dem Gefühl von Angst will Westergaard aber nicht nachgeben. Würde er heute noch einmal die Aufgabe bekommen, den Propheten zu karikieren - würde er sie mit allen Konsequenzen wieder annehmen? „Ja“, sagt der Künstler, und zündet sich eine Mentholzigarette an. „Ich würde meine Zeichnung vielleicht nicht wiederholen, aber ich würde überlegen, was mir sonst einfallen könnte.“

Die Gebäude von Jyllands-Posten werden nach mehreren vereitelten Angriffen mit hohen Zäunen geschützt.

Die Gebäude von Jyllands-Posten werden nach mehreren vereitelten Angriffen mit hohen Zäunen geschützt.

Foto: dpa

Die großen Eckpfeiler der dänischen Pressefreiheit, „Jyllands Posten“ und „Politiken“ arbeiten nach ihrem umstrittenen Befreiungsakt von 2005 hinter Gittern. 2010 hatten die Geheimdienste einen Anschlagsplan auf die beiden größten Zeitungen des Landes vereitelt. Will man die Hauptredaktion von „Jylands Posten“ in Viby im Süden von Aarhus besichtigen, empfängt einen ein Sicherheitstrakt aus übermannshohen Drahtzäunen und Wachmännern, die mit Schleusen und Metalldetaktoren den redaktionellen Alltag erst möglich machen. Hier kommt nur rein, was rein gehört. Gleiches gilt für die Haupstadtredaktion, die sich seit 2008 ein Gebäude mit „Politiken“ teilt. Das Briefbombenattentat wird 2011 nur mit Glück vereitelt: Der Brief eines Tschetschenen geht vorher hoch.

Als der Attentäter Omar El Hussein im Februar 2015 in Kopenhagen Schüsse auf ein Café abfeuert, in dem unter anderem der schwedische Karikaturist Lars Vilks, der Mohammed als Rondellhund zeichnete, über Meinungsfreiheit diskutiert, fühlt sich die aufgebauschte Hasskulisse und die Bedrohung für viele Dänen ganz nah an. Kurz zuvor hat der Anschlag auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo mit zwölf Toten Europa geschockt.

Der Ton zwischen den Kulturen ist im sonst so freundlichen Dänemark den letzten Jahren rau geworden. Bei der Parlamentswahl im Juni stiegen die Rechtspopulisten zur größten bürgerlichen Partei auf. Die neue Regierung fährt mit ihrer Unterstützung eine betont harte Ausländerpolitik. „Der neue dänische Widerstand gegen Flüchtlinge hat für mich seine Wurzeln ganz sicher in simpler Angst“, sagt Westergaard. „Die Menschen haben Angst davor, dass sich bestimmte Muster wiederholen.“ Sie fürchten die Parallelgesellschaft, die Männer wie El Hussein hervorbringt“.

<p>Die dänischen Parteien schlagen Kapital aus der islamkritischen Stimmung im Land, wie dieses Wahlplakat zeigt.</p>

Die dänischen Parteien schlagen Kapital aus der islamkritischen Stimmung im Land, wie dieses Wahlplakat zeigt.

Foto: imago/Dean Pictures
 

Und die Muslime? Sie fühlen sich in Dänemark immer unwohler. Eine Umfrage des dänischen Magazins „Opinionen“ ergab Anfang des Jahres – also vor den Anschlägen – dass drei Viertel der in Dänemark lebenden Türken, die mehrheitlich alteingesessen sind, aufgrund der schlechten Stimmung gegen Muslime eine Rückkehr in die Türkei zumindest erwägen.

In der muslimischen Welt sind die Karikaturen nicht vergessen. „Sie sind nichts mehr, über das man im Alltag spricht, aber sie liegen unter der Oberfläche und werden von bestimmten Gruppen hervorgeholt, wenn eine Debatte über die Bedingungen für Muslime in Dänemark aufkommt“, sagt die Wissenschaftlerin Helle Lykke Nielsen von der Syddansk Universitet der Nachrichtenagentur Ritzau. „Dann sagt man: Sieh nur, das waren auch die mit den Zeichnungen.“

Zehn Jahre nach den Karikaturen resümiert Flemming Rose auf seine Leitfrage nach der Selbstzensur ein „ja“. Ob er die Aktion wiederholen würde? Darauf hat er gegenüber der „SZ“ keine Antwort. Es sei ein Dilemma, sagt er, das sich erst in Jahrzehnten auflösen könne: „Ich habe gesagt, ich bereue nicht, es getan zu haben. Aber ich denke nicht, dass eine Karikatur ein Menschenleben wert ist. Das Problem ist: Wenn andere Leute denken, sie sind es wert, dafür zu töten, was kann man machen?“

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