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Zeichnungen in „Jyllands-Posten“ : Mohammed-Karikaturen: Das gescheiterte Freiheits-Experiment

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vor genau zehn Jahren veröffentlichte die dänische Tageszeitung „Jyllands-Posten“ die umstrittenen Mohammed-Karikaturen. Die Folgen sind bis heute spürbar.

„Ich bildete mir ein, wir wären eine einflussreiche Tageszeitung und könnten Dinge verändern“: So schildert Flemming Rose, damals Kultur-Chef in der Redaktion von Jyllands-Posten, im Rückblick seine Motivation zu einer folgenschweren Entscheidung. Vor genau zehn Jahren veröffentlichte er in Dänemarks größter Tageszeitung zwölf Karikaturen des Propheten Mohammed. Der Redakteur wollte das Tabu brechen, Mohammed aus Rücksicht auf muslimische Mitbürger nicht abzubilden. Die islamische Tradition verbietet dies.

Etwas verändert hat die Entscheidung. Doch in eine völlig andere Richtung als gedacht. Naiv sei er gewesen, bilanziert Rose. Selbst sein Vorgesetzter, Ex-Chefredakteur Carsten Juste, räumt das in einem Gastbeitrag für seine einstige Zeitung anlässlich des Jahrestages unumwunden ein: „Wir müssen feststellen, dass wir das Gegenteil unseres Ziels erreicht haben. Es herrscht mehr Selbstzensur als je zuvor. Kein Medium traut sich, die Zeichnungen zu zeigen.“ Zu krass war der Kultur-Krieg, den sie entfachten. Zu frisch sind seine jüngsten Wunden: das Blutbad islamistischer Attentäter beim Pariser Satire-Magazins Charlie Hebdo im Januar, dessen Karikaturen in der Tradition von Jyllands-Posten standen. Und die tödlichen Schüsse eines fanatischen Moslems in Kopenhagen bei einer Podiumsdiskussion über Meinungsfreiheit.

Erst ein Jahr vor der Aktion von Jyllands-Posten hatte ein Islamist den niederländischen Filmregisseur Theo van Gogh ermordet. Dänemark hatte 2001 eine von den Rechtspopulisten abhängige Regierung bekommen, deren Premier Anders Fogh Rasmussen sich der härtesten Ausländerpolitik in Europa rühmte. Die dänische Gesellschaft schaltete um auf Abgrenzung zu nahöstlichen Einwanderern. Da erfuhr die Redaktion, dass ein Verlag Schwierigkeiten hatte, für ein Kinderbuch über den Islam einen Illustratoren zu finden. Alle winkten ab aus Sorge, dies könne als Blasphemie ausgelegt werden. Was man nicht zwingend als Angst, sondern genausogut als Respekt werten kann. Dennoch: Würde es wirklich niemand wagen, in einem freien Land den muslimischen Propheten zu zeichnen?

Dieses Experiment zum Stand der Meinungsfreiheit wollte Rose machen – und lud 40 einheimische Karikaturisten dazu ein. Immerhin zwölf Ergebnisse konnte er am 30. September 2005 präsentieren. In Erinnerung geblieben ist vor allem Mohammed mit einem Turban, der wie eine Bombe aussieht. Urheber Kurt Westergaard hätte dafür 2010 um ein Haar mit dem Leben bezahlt. Ein Attentäter war mit einer Axt in sein Haus eingedrungen und nur an einem besonderen Schutzraum gescheitert.

Mindestens andere 150 Menschen hingegen kamen in Folge des Karikaturenstreits um, überwiegend im Januar und Februar 2006, als es von Algerien bis Indonesien zu antidänischen Tumulten kam, in der Regel vor Botschaften des Königreichs oder dänischen Unternehmen. Der Danebrog ging serienweise auf offener Straße in Flammen auf. Der Meierei-Konzern Arla verzeichnete über drei Jahre im Nahen Osten Umsatzverluste von zwei Milliarden Kronen. Zuvor hatte die Arabische Liga offiziell ihren Unmut bekundet. Dass Jyllands-Posten nach Monaten bedauert, religiöse Gefühle verletzt zu haben, eine regelrechte Entschuldigung aber ablehnt, konnte die Gemüter nicht mehr beruhigen.

Dänemark beschuldigt Imame, die Unruhen im Ausland bewusst angezettelt zu haben, auch unter Herumreichen wesentlich heftigerer Mohammed-Zeichnungen als sie Jyllands-Posten gedruckt hatte. Lange erkannte allerdings auch die dänische Regierung nicht die politische Dimension des Konflikts und ihre Chance, deeskalierend zu wirken. Rasmussen hatte im Oktober 2005 elf Botschafter muslimischer Länder in Dänemark mit der Bitte um ein Krisentreffen abblitzen lassen.

„Lasst uns ehrlich sein“, schreibt Dänemarks älteste Tageszeitung „Berlingske Tidende“ in ihrem Leitartikel zu zehn Jahren Mohammed-Karikaturen: „Es wäre sowohl journalistisch relevant als auch normal, die Zeichnungen zum Jubiläum zu bringen – wenn es nicht so wäre, dass nichts mehr normal ist, wenn es um die Karikaturen geht. Terror-Drohungen wirken also.“ Flemming Rose kann sogar damit leben, wenn eine Redaktion mit dieser Begründung auf den Abdruck verzichtet. Er selbst kann sich nur noch unter Polizeischutz bewegen, und die Redaktion von Jyllands-Posten in Aarhus gleicht einer Festung. „Wenn man es lässt, weil man Angst hat, ist es in Ordnung.“ Nicht hingegen, wenn man Ausflüchte suche wie: „Alle wissen ja, wie sie aussehen.“

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erstellt am 30.Sep.2015 | 12:24 Uhr

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