„Ausschleicher“ : Mit der deutschen Frachtfähre illegal nach England

Die Autofähre von Cuxhaven nach Immingham liegt im Hafen am Kai. Der Hafen in Cuxhaven wird zunehmend zur Drehscheibe von blinden Passagieren.

Die Autofähre von Cuxhaven nach Immingham liegt im Hafen am Kai. Der Hafen in Cuxhaven wird zunehmend zur Drehscheibe von blinden Passagieren.

Immer mehr Menschen versuchen, unerkannt an Bord einer Fähre in Cuxhaven oder Hamburg zu kommen.

shz.de von
01. Oktober 2018, 13:37 Uhr

Cuxhaven | Sechsmal die Woche legt in Cuxhaven eine Frachtfähre nach Immingham in England ab. Was kaum jemand weiß: Fast jedes Mal versucht ein blinder Passagier ohne Einreisepapiere an Bord zu kommen. Meist sind es Albaner, die legal als Touristen nach Deutschland gekommen sind. Ihr Ziel ist aber ein Leben in Großbritannien, wo bereits ein Teil ihrer Familie Fuß gefasst hat.

„2015 fing es an“, sagt Jörg Ristow von der Bundespolizei in Hannover. Seitdem wird Cuxhaven immer mehr zur Drehscheibe von „Ausschleichern“ – so nennt die Polizei die blinden Passagiere. Auch andere norddeutsche Häfen sind betroffen, allerdings in wesentlich geringerem Umfang.

2015 registrierte die Bundespolizei auf dem abgesicherten Hafengelände in Cuxhaven 30 Eindringlinge. Ein Jahr später waren es 152, 2017 waren es 295. In diesem Jahr zählte die Bundespolizei bis Ende August bereits 222 Personen. Im gleichen Vorjahreszeitraum waren es 185. Es sind vor allem Männer, die ausreisen wollen. „Sie suchen jede Möglichkeit, unerkannt an Bord zu kommen“, sagt Ristow. Eine davon sei es, sich in einem Lkw zu verstecken, der auf die Fähre fährt.

Werden die Männer aufgegriffen, versuchen sie ihr Glück ein paar Tage später noch einmal. Denn strafrechtlich könne den Ausreisewilligen meist nichts angelastet werden, betont Ristow. „Man kann ihnen Platzverweise erteilen, aber das schreckt ja keinen ab“, sagt auch ein Vertreter der Wasserschutzpolizei Hamburg. Auf Antrag der Hafenanlagenbetreiber wäre allenfalls noch eine Verfolgung wegen Hausfriedensbruchs oder Sachbeschädigung denkbar.

66 Fälle in Hamburg

In Hamburg hatten die Sicherheitsbehörden seit 2015 zunächst ebenfalls eine steigende Zahl an Ausschleichern registriert. Insgesamt wurden 66 Menschen erwischt – ausschließlich Albaner. Sie suchten gezielt Schiffe nach Kanada aus. Zum Teil hätten sie dabei eine erhebliche Eigengefährdung in Kauf genommen. „In wenigen Fällen sogar durch Überqueren der Wasserfläche per Luftmatratze“, sagt Polizeisprecher Ulf Wundrack.

Doch seit Mai 2017 sind keine neuen Fälle mehr bekannt geworden. „Das Phänomen ist bei uns schon wieder vorbei. Wir sind ganz froh darüber“, sagt der Vertreter der Wasserschutzpolizei. Die Polizei weiß von drei Fällen aus dem Jahr 2015, in denen die Ausreise nach Kanada tatsächlich gelungen war.

Eine Hand voll Fälle in Bremerhaven

In Bremerhaven kennen die Behörden das Problem ebenfalls, allerdings sind hier erst eine Hand voll Menschen erwischt worden. Auch dort ist das vorrangige Ziel Kanada. Der Tiefwasserhafen in Wilhelmshaven ist bei illegalen Passagieren dagegen weniger beliebt. Da dort vor allem Linien von und nach Asien bedient würden, sei der Hafen nicht interessant, sagt ein Sprecher des Hauptzollamts Oldenburg.

Erhöhte Sicherheitsvorkehrungen in Cuxhaven

<p>Ein Schild weist auf Videoüberwachung und Kontrollen durch Hunde hin.</p>
Carmen Jaspersen/dpa

Ein Schild weist auf Videoüberwachung und Kontrollen durch Hunde hin.

 

Die Hafenbetreiber in Cuxhaven haben inzwischen ihre Sicherheitsvorkehrungen erhöht: Es wurden Zäune verstärkt, vermehrt Sicherheitskräfte eingesetzt und Videokameras installiert. Zudem wurde eine Arbeitsgruppe zusammen mit Vertretern der Bundes-, Landes- und Wasserschutzpolizei eingerichtet. So sei es gelungen, schon viele illegale Grenzübertritte zu verhindern.

Wenn es blinden Passagieren dennoch gelingt, an Bord eines Schiffes zu gelangen, ist ihre Reise meist spätestens im Hafen in Immingham zu Ende. Im letzten Jahr wurden dort sieben Personen von der Grenzpolizei aufgegriffen. „Weil sie für Deutschland keinen legalen Aufenthaltsstatus hatten, wurden sie nach Albanien zurückgebracht“, sagt Ristow.

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