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Religionsfrage : Meinungsfreiheit: Wie kritisieren wir Allah und Mohammed?

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Für wen welche Spielregeln gelten, und ob eine Religion gleicher ist als die andere, analysiert unser Autor Jan-Philipp Hein.

Die Debatte ist nicht neu, doch sie wird durch den massiven Flüchtlingsstrom wieder entfacht. Die Frage: Wie halten wir es mit der Religion? Genauer: Wie kritisieren wir Allah und Mohammed.

Denn bei anderen Göttern und ihren irdischen Kundschaftern haben wir Routine. Auch die, die an sie glauben. Religion ist, wenn es nicht gerade um den Islam geht, Privatsache. Wer sich über den Lattensepp oder die verkappten sexuellen Wünsche des Klerus' lustig macht, riskiert nichts. Bei Islamkritik sieht die Sache schon anders aus.

Dieser Tage stellte der aus Ägypten stammende und hier unter Polizeischutz lebende Politologe Hamed Abdel-Samad sein Buch „Mohammed – Eine Abrechnung“ vor. Die Kritik des Werks bedient die ganze Bandbreite. Die einen halten Abdel-Samads Schrift für Schund, etwa die FAZ, wo die Propheten-Biographie unter der Überschrift „Phantasieren über Muhammad“ abgehandelt wurde.

Die anderen stellen das Werk in den Kontext der Flüchtlingsfrage: „In dem Moment“, so wird der Autor vom Westdeutschen Rundfunk (WDR) zitiert, „in dem du deinen Fuß in eine freie Gesellschaft gesetzt hast, musst du die Spielregeln lernen. Es gibt hier für niemanden einen Sonderstatus. Warum darf Jesus kritisiert werden und satirisch durch den Kakao gezogen, der Papst, Merkel, alles, aber Mohammed nicht? Das akzeptiere ich nicht!“

Der WDR-Rezensent ist begeistert: „Man muss Abdel-Samad für diese klaren Worte dankbar sein, und es lohnt sich, sein Buch unter dieser Perspektive zu lesen.“ Nur: Es beanspruchen meist die einen Sonderstatus, die auch einen negativen Sonderstatus in der Gesellschaft haben. Nicht integrierte Muslime, die sich an nichts außer Gott und den Propheten klammern – ja, gewiss oft auch aus eigenem Verschulden heraus.

Und dennoch stimmt es: Die Perspektive des abtrünnigen Muslim-Bruder Abdel-Samad einzunehmen, lohnt sich. Der ganze Neuaufguss der Debatte lohnt sich. Wir könnten Fehler vermeiden. Denn bisher haben wir viele Fragen nur theoretisch abgehandelt.

Zwar gab es auch vor den Flüchtlingsankünften dieses Jahres Millionen Muslime in Deutschland. Doch die meisten von ihnen waren über Jahrzehnte bereits hier. Die wenigen, die sich islamistisch gebärdeten, taten das oft aus Widerstand gegen eine Mehrheitsgesellschaft, von der sie sich ausgegrenzt und nicht angenommen fühlten – auch hier wieder mit Sicherheit oft aus eigenem Verschulden. Dazu kamen noch Konvertiten, die sich mit einer alltagstauglichen Auslegung des Koran auf der Suche nach dem Seelenheil nicht aufhalten wollten, sondern gleich beim Salafismus oder sogar im syrischen Bürgerkrieg landeten.

Jetzt wird es ernst. Nämlich Menschen, die aus einer Region fliehen, die vom Islamismus in Brand gesteckt wurde. Der islamistische Terror in den arabischen Staatsfragmenten namens Syrien und Irak vollzieht sich als Zangenangriff. Auf der einen Seite der „Islamische Staat“. Er ist die monströse sunnitische Ausgeburt des salafistischen Hardcore-Islam. Auf der anderen Seite Restsyriens Präsident Baschar Al-Assad, der mit seinen Fassbomben und Giftgasangriffen auf die Bevölkerung um ein Vielfaches mehr an Opfern produziert als der IS. Er wird protegiert vom Iran, also der schiitischen Religionsdiktatur, die im arabischen Raum ihren Einfluss vergrößern will.

Zu uns fliehen also Menschen vor den abartigsten Erscheinungsformen, die der Islam hervorbringt – mittel und unmittelbar. Sie könnten unsere besten Diskussionspartner sein, wenn wir über Religion und die Kritik daran streiten. Und es sollte nicht sonderlich schwer sein, sie von den Vorteilen einer Gesellschaft zu überzeugen, die keinen Primat Gottes und seiner selbsternannten Vollstrecker auf Erden kennt.

Aber von selbst wird dieser fruchtende Dialog nicht in Gang kommen. Ganz praktisch gesagt: Wir müssen genug Deutschkurse anbieten. Nicht nur für Kinder in Schulen, sondern auch für die Erwachsenen, die hier Asyl genießen. Wir müssen außerdem ihre Traumata ernst nehmen. Wer aus einem heißen Kriegs- und Bürgerkriegsgebiet geflohen ist, wird Zeit und oft professionelle Unter-stützung brauchen, um wieder alltagstauglich zu werden. Wie viel schwieriger das in einem völlig neuen Alltag Tausende Kilometer entfernt der Heimat ist, kann man sich vorstellen.

Hier rollen vielleicht Leser mit den Augen und fragen sich: Warum müssen wir und die nicht? Nun: Die Flüchtlinge sind hier, diese Bundesregierung und Tausende Helfer haben sie auf Bahnhöfen willkommen geheißen. Wir wollten es so, es war richtig und jetzt machen wir das Beste draus. Anders geht es nicht.

Es gilt jetzt, eine Lehre zu ziehen: Die sogenannten Gastarbeiter wurden vor Jahrzehnten sich selbst überlassen. Man hatte wenig Interesse daran, sie zu integrieren und die Sprache beizubringen. Die Spätfolgen dieser Kardinalfehler sind bis heute in unzähligen Stadtvierteln zu besichtigen. Wir sollten es diesmal besser machen.

Und man kann wohl davon ausgehen, dass Menschen, die oft Vermögen und fast immer ihr Leben riskieren, um den Wahnsinnigkeiten einer durch Religion zerstörten Heimat zu entfliehen, eine Idee von einem besseren Leben haben, sie sich also selbst viel abverlangen werden, um genau das hier zu finden. Was werden sie tun, wenn sie keine Möglichkeiten sehen, sich zu integrieren, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben? Was werden sie tun, wenn dieses Land seine Fehler wiederholt?

Als aus der Türkei die Muslime nach Deutschland kamen, hatten sie keine Traumata im Gepäck und landeten in einer Gesellschaft, die sich zwar nicht mit ihnen befasste, sie aber brauchte. Die Muslime, die jetzt aus Syrien kommen, sind traumatisiert und landen in einer Gesellschaft, die im Moment noch nicht weiß, was sie mit ihnen anstellen und wie sie mit ihnen umgehen soll. Die Bundesländer verwenden jede Kraft darauf, Unterkünfte zu organisieren und Verpflegung sicherzustellen. Die nächsten Stufen der Bedürfnispyramide können oft gar nicht erklommen werden: Spracherwerb, strukturierte Tagesabläufe für die Schutzsuchenden oder gar Integration. Der Mensch ist nicht zum Vegetieren, sondern zum Leben da.

In fast jeder Fußgängerzone stehen mittlerweile Salafisten an Koranverteilständen: „Lies!“ heißt es dort. Der harmlos klingende Imperativ ist brandgefährlich. „Lies!“-Aktivisten zogen bereits für den IS in die Schlacht gegen Assad – gegen denjenigen also, der für die meisten Opfer und Flüchtlinge des syrischen Bürgerkriegs verantwortlich ist. Vereinfacht gesagt: Frustrierten muslimischen Flüchtlingen könnten eines Tages die vordergründig freundlichen Fußgängerzonen-Islamisten wie Verbündete vorkommen. Nicht auszudenken, wenn deren Angebot irgendwann attraktiv erscheint.

Die ersten Islamisten rufen auf Facebook bereits zur Flüchtlingshilfe auf. Die beste Religionskritik ist also eine rein praktische, indem wir nämlich dafür sorgen, dass Religion Privatsache bleiben kann. Es geht nicht mehr nur darum, Flüchtlingen ein Dach überm Kopf und Nahrung zu geben. Es wird dringend Zeit, dass wir die nächsten Schritte gehen und die Menschen einbinden. Es wird sich lohnen. Wir und sie werden das schaffen. Wir müssen nur anfangen.

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erstellt am 11.Okt.2015 | 11:22 Uhr

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