Schauspielerin Inge Meysel : Vor zehn Jahren starb die Mutter der Nation

Inge Meysel starb vor zehn Jahren im niedersächsischen Bullenhausen. Ihre Urne wurde in Hamburg beigesetzt.
Inge Meysel starb vor zehn Jahren im niedersächsischen Bullenhausen. Ihre Urne wurde in Hamburg beigesetzt.

Mit ihrer forschen Art und ihrer Kratzbürstigkeit wird die Wahl-Hamburgerin Inge Meysel eine der beliebtesten Schauspielerinnen Deutschlands. Am 10. Juli jährt sich der Todestag der begnadeten Darstellerin zum zehnten Mal.

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09. Juli 2014, 12:31 Uhr

Hamburg | Komiker Karl Dall vermisst im Showgeschäft Kratzbürsten wie Inge Meysel (1910-2004). „Auch wenn sie manchmal unberechenbar fies war, aber das war mir lieber als diese angepassten, ewig schleimenden Menschen, die nur einen guten Eindruck machen wollen. Darauf hat sie gepfiffen“, sagte Dall 2012 im dpa-Interview. „Heute hat noch die Hälfte der Maskenbildner so einen Hals, wenn sie den Namen Meysel hören, weil sie diese wohl am meisten fertig gemacht hat“, meinte der Komiker. Mit ihrer ruppigen Art und ihrer Kodderschnauze eckte die „Mutter der Nation“, deren Todestag sich am Donnerstag (10. Juli) zum 10. Mal jährt, immer wieder an. Sie nutzte ihre Popularität aber auch, um kritisch Stellung zu beziehen.

Das Licht der Welt erblickte „die Meysel“ in Berlin, als Tochter eines jüdischen Tabakhändlers und einer Dänin. Zu ihren Ehren wird Berlins Kulturstaatssekretär Tim Renner am Donnerstag eine Gedenktafel an ihrem früheren Wohnhaus in Schöneberg enthüllen. Das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse hatte sie 1981 abgelehnt: „Einen Orden dafür, dass man anständig gelebt hat?“ 

Ihre Theaterkarriere begann Inge Meysel 1930 in Zwickau, Berlin und Leipzig. Im August 1933 wurde die Schauspielerin von den Nazis mit einem Auftrittsverbot belegt. Bei einem Engagement in Leipzig lernte die mit ihren 1,56 Metern zierliche Schauspielerin ihren ersten Mann Helmut Rudolph kennen, der ihr während des zwölfjährigen Berufsverbots seelischen Halt und Schutz bot. „Ich bin immer in Kampf- und Abwehrstellung, weil ich mit 23 wegen der Nazis nicht mehr arbeiten durfte. So habe ich eine Abwehr in mir hochgezüchtet, damit mich niemand mehr verletzen kann“, sagte sie einmal über sich.

Am Hamburger Thalia Theater lernte sie 1945 den jüdischen Regisseur John Olden kennen, der die große Liebe ihres Lebens war. Zusammen mit ihm näherte sie sich dem Charakterfach in Stücken von John Priestley, Tennessee Williams oder Gerhart Hauptmann. Den endgültigen Durchbruch schaffte sie 1959 als Portiersfrau in dem Stück „Das Fenster zum Flur“ von Curth Flatow, das allerdings auch ihren späteren Ruf als „Mutter der Nation“ begründete, obwohl sie nach eigenen Bekunden alles andere als ein mütterlicher Typ war. Es folgten mehr als 100 Fernsehproduktionen, in denen sie immer wieder resolute Frauengestalten des Alltags spielte, darunter Käthe Scholz in „Die Unverbesserlichen“ oder die Londoner Putzfrau Ada Harris.

Couragiert war Meysel nicht nur in ihren Rollen. Ende der 1970er Jahre lief sie zusammen mit der Frauenrechtlerin Alice Schwarzer Sturm gegen die Vermarktung der Frau als Sexualobjekt im Magazin „Stern“. Die kinderlos gebliebene Künstlerin engagierte sich in der „Deutschen Gesellschaft für humanes Sterben“ und wandte sich gegen die Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Beziehungen. Spaß am Leben habe sie „solange, wie es Spaß am Kampf für mich gibt“, sagte sie einmal. Viel zu wenig Menschen hätten im sogenannten Dritten Reich den Mund aufgemacht - und das sei so geblieben. „Ich bin da eine Ausnahme. Ich mache immer den Mund auf - wenn auch manchmal zu viel.“ 

Hinter ihrer aufbrausenden Art verbarg sie jedoch eine empfindsame Seele. „Ihre Empfindsamkeit versteckte sie hinter kratzbürstigem Humor“, meinte Regisseur Dieter Wedel bei der Trauerfeier auf dem Ohlsdorfer Friedhof, als Inge Meysel im Juli 2004 im Alter von 94 Jahren starb. „Widersprecht, geht raus, lebt!“, das war ihre Parole.

Ihre Freundin Ingeborg Wölffer schilderte die beliebte Schauspielerin bei der Trauerfeier als einen humorvollen Menschen: „Wenn Du zu meiner Beerdigung gehst, hatte sie einmal gesagt, dann zieh einen roten Hut auf. Wie Du siehst, Inge, habe ich das nicht gemacht, weil ich den Mut dazu nicht hatte. Du hättest den Mut gehabt.“

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