"Rausch"-Lesung : Iris Berben liest Werk von Irène Némirovsky

Elegant, eloquent und empfindsam: die jüdische Autorin Irène Némirovsky. Foto: dpa
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Elegant, eloquent und empfindsam: die jüdische Autorin Irène Némirovsky. Foto: dpa

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19. April 2011, 12:21 Uhr

Elegant, eloquent und empfindsam: Das war die aus Russland stammende 1903 geborene jüdische Autorin Irène Némirovsky, Star der französischen Literaturszene der 30er-Jahre. Ähnliche Eigenschaften werden Iris Berben zugeschrieben.
Iris Berben liest "Rausch", ein Werk von Irène Némirovsky
So passt es perfekt, wenn die 60-jährige Grande Dame des deutschen Films jetzt aus "Rausch", einem bisher in Deutschland unveröffentlichten Werk Némirovskys liest. Berben, die von der Biografie der 1942 deportierten und in Auschwitz ermordeten Schriftstellerin fasziniert war, hat mit dem Hörbuch zu "Die Familie Hardelot" schon einmal der Prosa Némirovskys zu größerer Popularität verholfen. Mit "Rausch" kann sie ihr ganzes Können ausspielen. In der fantastisch geschriebenen Erzählung, erschienen in der Edition 5plus von fünf deutschen Buchhandlungen, geht es um ein Bacchanal in einer von Milizen besetzten finnischen Stadt im Winter 1917/18. Skizzenhaft, doch äußerst eindringlich lässt Némirovsky vor diesem Hintergrund die Schicksale verschiedener, miteinander verbundener Gestalten aufscheinen.
Interview mit Iris Berben anlässlich der Lesung von "Rausch" in Hamburg
Sie haben sich des Werks Irène Némirovskys schon vor der Lesereise für "Rausch" angenommen? Wie sind Sie auf diese lange vergessene Autorin gestoßen?
Iris Berben: "Man hat mich auf sie gestoßen. Ich erhielt ein paar Leseexemplare, die sehr schnell meine Neugier auf Irène Némirovsky geweckt haben. Diese präzise Sprache, diese präzise Beobachtung! Bei der "Familie Hardelot" kommt die Fähigkeit hinzu, Distanz zu der Gesellschaft - der Bourgeoisie - zu wahren, aus der sie stammte. Und hinzu kam natürlich ihre Biografie, von der sie gar nicht zu trennen ist."
Was hat Sie insbesondere an der Schriftstellerin gefesselt?
Iris Berben: "Für mich stellte sich die Frage: "Woher kommt es, dass Menschen in relativ jungen Jahren so genau in ihrer Beobachtung sein können?" Natürlich ist Talent die Grundvoraussetzung. Es liegt aber auch an der Art, wie sie aufgewachsen ist. Sie wurde sehr gut erzogen, doch ist sie nicht mit der Liebe und Nähe der Eltern, sondern mit Gouvernanten aufgewachsen. Dann kam der Eindruck der russischen Revolution dazu, dann die Flucht nach Frankreich. Ich glaube, dass, wenn der Fokus so sehr ums Überleben geht, sich ein vorhandenes Talent gleichsam bündelt. Dass das, was man eigentlich erst später, mit sehr viel mehr Lebenserfahrung erwarten würde, sozusagen explodiert. So habe ich es mir vorgestellt. Sie war ja schon in jungen Jahren berühmt. Sie hat so viel geschrieben, sie hat extrem klein geschrieben. Da war auch eine Getriebenheit."
Sie setzen sich seit den 60er-Jahren für Israel und die jüdische Kultur ein. Hat Ihr Engagement für Némirovsky auch mit dem tief in der jüdischen Literatur verwurzelten Gedanken der Erinnerung an die Toten zu tun?
Iris Berben: "Es hat eher mit dem Nicht-Vergessen unserer Geschichte zu tun. Und unserer moralischen Verantwortung, die wir aufgrund des Zweiten Weltkrieges haben. Und dass man versucht, diese unsere spezielle Biografie in Erinnerung zu halten. Alle Lesungen, die ich mache, haben damit etwas zu tun. Viele denken im Moment, das Thema sei nun beendet. Womit sich mir die Frage stellt: "Wann ist Geschichte denn beendet?" Ich glaube, jede Generation kann auf ihre Weise einen eigenen Zugang zu unserer Vergangenheit finden."

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