Persönlich, ergreifend, melancholisch und ehrlich : Charlotte Roches "Schoßgebete" übertrifft alle Erwartungen

Charlotte Roche hat die Erwartungen übertroffen. Foto: dpa
Charlotte Roche hat die Erwartungen übertroffen. Foto: dpa

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10. August 2011, 10:04 Uhr

Ihr Debütroman löste vor drei Jahren so etwas wie ein literarisches Erdbeben in Deutschland aus. "Feuchtgebiete" - über die sexuellen Fantasien einer 18-Jährigen - sorgte wie kaum ein anderer Roman der jüngeren Geschichte für eine gesellschaftliche Debatte in deren Mittelpunkt Sex, Ekel und Hygiene-Wahn standen.
Charlotte Roche setzt mit "Schoßgebete" noch einen drauf
Jetzt legt die 33-jährige Charlotte Roche nach - und macht doch alles ganz anders. Mit großer Spannung wurde ihr zweites Buch "Schoßgebete" erwartet, das ab Mittwoch (10. August) im Handel zu haben ist. Einen neuen Tabubruch kündigte der Verlag Piper in München in einer ausgeklügelten Marketing-Strategie an. Die Erstauflage liegt bei 500.000 Exemplaren - ein Rekord für den Verlag.
Tabubruch ist sicher das falsche Etikett für "Schoßgebete" - selbst wenn die gebürtige Britin auch diesmal kein Blatt vor den Mund nimmt. Die Geschichte der (wie Roche) 33-jährigen Elizabeth Kiehl und ihres Mannes Georg und das, was die beiden in ihrem eigenen Bett und dem von Prostituierten so treiben, beschreibt die Autorin zwar in allen Details. Dabei überschreitet sie sicher auch immer wieder die Grenzen zur Pornografie. Aber das ist - ganz im Gegensatz zu den "Feuchtgebieten" - nicht der Kern des Buches. Während Helene Memel, die Hauptfigur der "Feuchtgebiete", vor allem ihren Hintern inspizierte, untersucht Elizabeth auf 288 Seiten ihre Seele, "die nicht vorhandene".
Tabus werden nicht gebrochen, aber Details werden wieder einmal nicht ausgelassen
"Schoßgebete" ist keine bloße Aneinanderreihung von Provokationen, sondern das hervorragend geschriebene Porträt einer jungen Frau, die vor allem eins will: gefallen. Das Buch ist das Protokoll von drei ganz normalen Wochentagen im Leben dieser Frau. Elizabeth - zutiefst verunsichert, abergläubisch, ehemals magersüchtig und paranoid - will eine gute Mutter sein, eine Vorkämpferin für den Umweltschutz, die Lieblingspatientin ihrer Therapeutin - und eine Granate im Bett. Selbst für die hübschen Nutten, zu denen sie gemeinsam mit ihrem Mann immer wieder geht, weil ihm ein Dreier soviel Spaß bereitet, macht sie sich besonders schön. "Ich möchte so gerne einzigartig sein", lässt Roche ihre Protagonistin sagen.
Roche schreibt im Buch viel über ihr eigenes Leben
Dass in Elizabeth viel von ihr selbst steckt, daraus macht die Autorin keinen Hehl. Ihr Mann sei nach dem Lesen erst einmal "hinten rüber gefallen", sagte Roche der Zeitschrift "Brigitte". "Dieser Roman basiert auf einer wahren Begebenheit. Darüber hinaus ist jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen sowie realen Geschehnissen rein zufällig" - das steht am Anfang des Buches. Sie müsse aufpassen, "dass es in der öffentlichen Wahrnehmung überhaupt noch eine Trennung gibt zwischen dieser Figur und der Autorin", sagte Roche dem "Spiegel".
Charlotte Roche verlor ihre drei Brüder bei einem Autounfall
Diese wahre Begebenheit, die das Buch ins Zentrum stellt - als Ursprung und Ende von so vielem - ist die Tragödie, die Roches Leben unwiderruflich geprägt hat: Auf dem Weg zu ihrer geplanten Hochzeit mit ihrem damaligen Freund im Sommer 2001 in London wurde das Auto ihrer Mutter in Belgien in einen fürchterlichen Unfall verwickelt. Drei Brüder Roches starben, ihre Mutter wurde schwer verletzt. Die Erfolgs-Autorin und Moderatorin hat sich dazu nie öffentlich geäußert - bis jetzt. "Ich zähle alle toten Tiere auf dem Weg. Sie sind wie meine Brüder: unschuldig, klein, natürlich", lässt Roche ihre Protagonistin denken. Und: "Ich habe Angst vor meinen toten Brüdern, vor dem schlechten Gewissen, dass ich lebe."
Die Boulevardmedien werden stark kritisiert
Aus der Zeit dieses Schicksalsschlages stammt auch Roches Wut auf Boulevardmedien, die sie immer wieder gerne zur Schau trägt. In ihrem Buch heißt der Feind "Druck-Zeitung", ein Blatt, das die Tragödie ihrer Familie gnadenlos ausschlachtet. "Wenn man jemanden, der so verletzt und verwirrt ist, so öffentlich demütigt und vergewaltigt, dann züchtet man seine eigenen Terroristen heran", sagt Romanfigur Elizabeth. "Das werde ich rächen."
Und so erfüllt "Schoßgebete" die Erwartungen nicht, der Roman übertrifft sie - auf sehr überraschende Weise. Roches zweites Werk schlägt ihr Erstlingswerk um Längen. Es ist authentisch und persönlich, ergreifend, melancholisch und unglaublich ehrlich. "Ich wäre verrückt, wenn ich glaubte, "Feuchtgebiete" wäre übertreffbar", sagte Roche dem "Spiegel". Ihr neues Buch aber hätte diesen (Verkaufs-)Erfolg durchaus verdient.

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