Zuschauer sind ratlos : Bayreuther Regisseure ernten viele Buhrufe

Szene aus dem neuen Bayreuther Tannhäuser mit Vakuumkessel. Foto: dpa
Szene aus dem neuen Bayreuther Tannhäuser mit Vakuumkessel. Foto: dpa

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01. August 2011, 11:09 Uhr

Man könnte meinen, Opernregisseure hassen nichts so sehr wie leicht verständliche Deutungen. Ohnehin ist eine ganze Reihe musikdramatischer Werke schwer verdaulich - davon kann das Publikum etwa der Bayreuther Festspiele ein Lied singen.
Zuschauer verstehen Inszenierungen nicht mehr und buhen die Regisseure aus
Doch damit nicht genug: Regisseure verrätseln Richard Wagners Werke nach Kräften, lassen Laborratten auf der Bühne umhertapsen und bauen Biogasanlagen als Bühnenbild. Die Zuschauer verstehen die Inszenierungen nicht mehr - oder wollen sie vielleicht auch nur nicht verstehen. Sie buhen die Regisseure kräftig, teils wütend aus, während sie die Sänger feiern. Schlägt das Publikum jetzt zurück?
"Parsifal" begeistert und erntet Beifall
Soviel ist sicher: Es kriselt im Musiktheater, genau genommen zwischen Musik und Theater. Und das nicht allein in Bayreuth - wobei ausgerechnet der "Grüne Hügel" auch ein gelungenes Gegenbeispiel liefert: nämlich Stefan Herheims Inszenierung des Bühnenweihfestspiels "Parsifal".
Herheim liefert eine beklemmend aktuelle Interpretation der Wagnerschen Religionsoper - das Erlösungsdrama als politisierendes Friedensdrama. Und als Zeitreise durch die deutsche Geschichte: Filmschnipsel aus den Schlachten des Ersten Weltkrieges, verwundete Soldaten, Hakenkreuzfahnen und Aufmärsche der SS-Schergen. In den Ruinen des Krieges treffen sich die Reste der zerfallenen Gralsgesellschaft. Erlösung bringt schließlich die friedliche deutsche Nachkriegsdemokratie. Ein stimmiges Konzept, das die Musik und Wagners Intentionen nicht vergewaltigt, sondern eine mögliche Lesart anbietet. Der Lohn: Beifall - und kein einziger Buhruf.
"Tannhäuser" enttäuscht und erntet Buhrufe
Ganz anders sieht es aus mit der diesjährigen Bayreuther Neuinszenierung des "Tannhäuser": Denn mit der technokratischen Sicht des Regieteams um Sebastian Baumgarten - eine Biogasanlage und Nahrungserzeugung aus menschlichen Abfällen - kann das Premierenpublikum rein gar nichts anfangen. Es buht die Inszenierung voller Wut aus - und bleibt ratlos. Ein schwerer Fall ist auch die Inszenierung der "Meistersinger von Nürnberg" von Katharina Wagner. Das Publikum will der Deutung der Wagner-Urenkelin, einer Persiflage auf jegliche Deutschtümelei, partout nicht folgen - und das schon seit der Neuinszenierung 2007. Sondern buht auch dieses Konzept nach Leibeskräften aus.
Große Laborratten im "Lohengrin" sorgt für ratlose Gesichter
Ähnlich im "Lohengrin": Die lebensgroßen Laborratten auf der Bühne sorgen nicht unbedingt für Klarheit, die Inszenierung von Hans Neuenfels lässt ebenfalls ratlose Gesichter zurück. Immerhin wird die "Lohengrin"-Premiere zum Sängerfest - vor allem dank des Tenors Klaus Florian Vogt in der Titelrolle und der Sopranistin Annette Dasch als Elsa. Gewissermaßen eine Sternstunde des Musiktheaters - wobei die Musik deutlich im Vordergrund steht.
Die Sänger zeigen gute Leistungen, die Regisseure versagen
Dabei läuft es den Intentionen Richard Wagners eigentlich zuwider, die Musik vom Geschehen auf der Bühne abzutrennen. Zumal die teils bejubelten Sängerleistungen das alte Problem verdecken, mit dem gerade Bayreuth seit vielen Jahren kämpft: es fehlen die geeigneten Sänger für die extrem schwierigen Wagner-Partien. Beispiel Lars Cleveman als "Tannhäuser": Sängerisch wie darstellerisch bleibt er blass und stemmt die hohen Töne, statt musikalische Linien zu singen. Oder Simon ONeill als "Parsifal": Zwar bewältigt er die Partie, doch er muss seinen eigentlich kleinen, etwas grellen Tenor schon ziemlich forcieren - genau wie Robert Dean Smith als Tristan in "Tristan und Isolde".
Doch mit der reinen Bewältigung ist es bei Wagner nicht getan - zu maßlos sind seine Forderungen an die Sänger, ebenso maßlos wie seine monumentale musikdramatische Konzeption. Die großen Szenen wie etwa Tristans Fieberekstasen verlangen eine Ausdrucksfähigkeit und Kraft, die "übermenschlich" ist, wie die legendäre hochdramatische Sopranistin Frida Leider einmal sagte.
Die Neuinszenierungen der Opernwelt stehen vor einer neuen Herausforderung
Steht das Musiktheater jetzt am Scheideweg? Müssen sich Regisseure wieder mehr an den Partituren orientieren? Müssen sie und vor allem die Dirigenten mehr Gespür für die Grenzen der menschliche Stimme entwickeln? Das sollten eigentlich Selbstverständlichkeiten sein. Wie die Realität aussieht, wird sich zeigen - in zwei Jahren, zum 200. Geburtstag Richard Wagners, schaut die Opernwelt auf eine Neuinszenierung des "Ring des Nibelungen". Ein Jahrhundert-"Ring" wie der von Patrice Chéreau von 1976 soll es werden. Ob er die Antwort auf die Fragen gibt?

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